Bücherschau

Chlewnjuk, Oleg - Stalin

Eine Biographie

Das Buch von Oleg Chlewnjuk, einem Archivar des russischen Staatsarchiv, ist eine umfassende Biographie von Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili, alias Josef Stalin. Iosseb ging im georgischen Gori in die Schule, ab 1894 war er in Tiflis im Seminar (Priesterschule), er wurde Sozialdemokrat und mit revolutionären Ideen vertraut. Er beendete das Priesterseminar mit Konflikten, konnte dann als Volksschullehrer arbeiten. Danach zog es ihn in die Wissenschaft und er wurde Assistent am Geophysikalischen Observatorium in Tiflis. 1910 wurde er wegen der Anti-Zaren-Politik der SP inhaftiert, und saß zwei Jahre. 1912 wurde er Mitglied des Zentralkomitees der Bolschewiki.
Als er 1918 nach Zarizyn (Wolgograd) eingezogen wird, kann er dort der Hungersnot nur knapp entgehen. Von dort gibt es die ersten Bilder von ihm in russischer Uniform. Inzwischen hat er Russisch erlernt und die politische Karriere mit Lenin begonnen, der der größere politische Kopf war. Lenin kam mit Stalin anfangs nur mühsam zu Rande, dieser fädelt schließlich die Ermordung von Trotzki in Mexiko ein. Es folgen Kapitel zur neuen ökonomischen Politik, kurz NÖP genannt, und die Lüge, dass die Landwirtschaft in der SU imstande sei, das Ernährungsproblem in Russland zu lösen.
Die Zwangskollektivierung als auch die Kulakenermordung beschreibt Chlewnjuk als eine Konsequenz der NÖP, und eine Nichtinvolvierung von Stalin, denn dieser sorgte für magere Rationen in der Sowjetunion. Die Hungersnot betraf 70 Millionen Menschen, der Rest in der SU lebte von eingeschränkten Rationen. Die Stalinisierung bedeutete die Säuberung der Partei von ihren Kadern in den 30er Jahren und Stalin setzte auf den Generationenwechsel, stattete die jungen Kader mit viel Macht aus: „Stalin wachte über den Eintritt in die Welt der Nomenklatura, nur mit seiner Gunst und Unterstützung gelangte man hinein“.
Stalin distanzierte sich nicht vom großen Terror 1937 und 1938 und dennoch sind die Ausführungen dazu relativ lang, sie nennen jedoch keinerlei Opfer, sondern die Akteure des NKDWD. Es folgen die Ausführungen zum Hitler-Stalin-Pakt und 1941 die Implementierung Stalins zum Staatschef, ab da bekämpft er Deutschland. Etwa 100 Seiten sind dem Zweiten Weltkrieg gewidmet, dem Frontverlauf, der Nominierung der russischen Generäle und auch der anschließenden Konfrontation mit den USA 1945 an der Elbe, wo russische und amerikanische Truppen zum ersten Mal aufeinandertrafen. Dass Stalin Druck machte und eine beschleunigte Befreiung der Ostfront befahl, also bis April 1945 in Berlin (über Budapest und Wien) zu sein, war ein Grund für den hohen Blutzoll, also für die vielen Gefallenen in Europa.
Die Biographie zeigt auch auf, dass von Stalins Kindern ein Sohn im Lager umkam, ein anderer General wurde, und die Tochter studierte und einen unbekannten Mann heiratete. Alle drei waren keine ehrenwerten Mitglieder der Familie, weswegen die Kinder nach dem Tod Stalins verfolgt wurden, der General starb im Alter von 40 und Swetlana gelang die Flucht nach Indien, von wo sie in die USA auswandern konnte. Dort hat sie beeindruckende Memoiren veröffentlicht.
Österreich kommt in Chlewniuks Biographie nicht vor, weder als Ort des Exils 1916, noch als deutsches Territorium im Zweiten Weltkrieg, noch als besetztes Land zwischen 1945 und 1955. Da scheint eine befremdliche Ferne beim Autor dieser ansonsten sehr interessanten Biographie auf.
Sabine Stadler

Chlewnjuk, Oleg - Stalin
Eine Biographie. München: Siedler 2016.
589 S. : zahlr. Ill. fest geb. : € 30,90 (BI)
ISBN 978-3-8275-0057-1

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