Bücherschau

Kross, Jaan - Wikmans Zöglinge

Ein Klassiker der estnischen Literatur

Kross, Jaan - Wikmans Zöglinge
Roman. Nachw. von Cornelius Hasselblatt. Hamburg: Osburg 2017. 574 S.- fest geb.: € 24,70 (DR)
ISBN 978-3-95510-129-9
Aus dem Estn. von Irja Grönholm

Tallinn. Man schreibt das Jahr 1938. In der estnischen Hauptstadt besucht Jaak Sirkel das renommierte Wikmansche Gymnasium. Obwohl rundum drohende gesellschaftliche Umbrüche und die Gefahr eines Krieges bereits spürbar sind, verläuft die Schulzeit und der Schulalltag davon völlig unberührt. Die Schulleitung und das Lehrpersonal halten an ihren strengen Prinzipien und pädagogischen Idealen fest und achten auch auf die Einhaltung althergebrachter gesellschaftlicher Konventionen, um „national gesinnte und aufrechte“ Bürger heranzubilden.
Allerdings, wie es eben Schülern dieser Altersstufe zu eigen ist, unterordnet man sich nur zum Schein oder zum Teil gar nicht und setzt tagtäglich alles daran, dem Schulleiter und seinem Personal das Leben so schwer wie möglich zu machen. Dabei nützt auch die gestrenge Organisation des Schulalltags ziemlich wenig. Gegenüber dem Klassenzusammenhalt und einem nicht enden wollenden ordnungszersetzenden listigen Ideenreichtum ist man völlig machtlos. Da wird über das Lehrpersonal Spott und Hohn gegossen, da werden Prüfungen boykottiert, da wird bei Prüfungen geschummelt, was das Zeug hält, im Privatbereich werden schulbezogene Verbote bewusst hintergangen, es kommt zu persönlichen Konkurrenzkämpfen, zu heißen Fehden aus verletzter Eitelkeit und natürlich in diesem Alter unausbleiblich zu – allerdings verbotenen – Liebeleien, die schmerzliche Probleme herbei führen.
Will man nun ob dieser inhaltlichen Deutung zur Meinung gelangen, dass es sich bei diesem Roman um eine harmlose Schulgeschichte handle, dies noch dazu in einem Umfang von 573 Seiten, der/dem geht ein gewaltiges Leseerlebnis ab, wenn sie/er vorzeitig kapitulieren sollte. „Wikmans Zöglinge“ ist ein Klassiker der estnischen Literatur. Ein monumentales Werk, in welchem uns der Autor mit einer ungeahnten Sprachgewalt eine zersplitternde und in eine neuerliche Katastrophe schlitternde Gesellschaft schonungslos vor Augen führt. Dabei kommt den jungen Leuten aus Wikmans Gymnasium die bemerkenswerte Rolle fiktiver und unbestechlicher Zeitzeugen zu.
Adalbert Melichar

 

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