Bücherschau

Vigan, Delphine de - Nach einer wahren Geschichte

Ein interessantes Spiel mit der Doppelgänger-Thematik

„Ich hatte ein Buch geschrieben, dessen Tragweite ich mir nicht hatte vorstellen können.“ Delphine de Vigans Ich-Erzählerin ist eine Schriftstellerin, deren Roman eben erschienen ist. Es folgen naturgemäß Presse-Termine, Messe-Auftritte und Lesungen. Der Roman und auch die Schriftstellerin stehen plötzlich in der Öffentlichkeit und sehen sich ihr förmlich ausgesetzt. In dieser Phase tritt „L“ in das Leben der Ich-Erzählerin. Sie wird rasch zur Freundin und Vertrauten, schleicht sich in das Leben der Schriftstellerin ein, die mit der Wirkung ihres Buches kämpft. „L“ ist da, während die Erzählerin mit der Leere nach einen abgeschlossenen Buchprojekt zurecht zu kommen versucht, wenn das Neue noch nicht gänzlich da ist, die Ideen zu neuen Projekten erst entwickelt werden.
De Vigan hat vor zwei Jahren mit „Das Lächeln einer Mutter“ ein beeindruckendes Buch über ihre Mutter und deren Leben und Tod geschrieben. Ein großer Erfolg, der auch einen hohen Preis hatte, wie die Autorin nach der Veröffentlichung selbst feststellte. Ihr neuer Roman ist in der Anspielung von „L“ nicht nur ein Spiel mit der Doppelgänger-Thematik, sondern in erster Linie ein Versuch, sich mit den grundsätzlichen Fragen des Schreibens auseinanderzusetzen, wie den Fragen nach Inspiration, Themenfindung oder Motivation. Und vor allem: Was gebe ich als Schriftsteller von mir preis? Wie viel davon ist Fiktion oder ist nicht alles letztlich Fiktion? De Vigans Roman ist kein neues, aber ein durchaus gelungenes Experiment mit Kernfragen schriftstellerischen Schaffens.
Julie August

Vigan, Delphine de - Nach einer wahren Geschichte
Roman. Köln: DuMont 2016. 350 S. - fest geb. : € 23,70 (DR)
ISBN 978-3-8321-9830-5

 

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