Bücherschau

Haider, Lydia - rotten

Biblische Bezüge und gewaltige Szenen und Ereignisse

Lydia Haiders zweiter Roman „rotten“ schließt scheinbar nahtlos an ihren Erstling „Kongregation“ an. Auch hier fegt mit biblischer Wucht und Alttestamentarischen Bezügen eine göttliche Fügung über einen Landstrich hinweg.
Eine Gruppe von rebellischen Land-Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich regelmäßig in Stadeln und Gasthäusern treffen, um zu trinken und sich zu unterhalten, sind als „Wir“ die Hauptprotagonisten des Romans. Doch anders als im ersten Roman kommt es in „rotten“, denn die Jugendlichen werden ins Konzentrationslager geführt, das nicht nur die gesamte Gegend dominiert, sondern zum Zentrum des Buches wird, alles, wirklich alles dominiert. Längst ist klar, dass es sich hier um das Konzentrationslager Mauthausen handelt.
Im Steinbruch des Lagers finden sie eine Schriftrolle, die aufgelistet die Namen von Gastwirten enthält und deren zukünftiges Sterbedatum. So kommt es auch, dass die Jugendlichen am angekündigten Tag die jeweiligen Gasthäuser besuchen, um ein etwaiges Unglück verhindern zu können. Aber wir haben es hier mit biblischen Ausmaßen zu tun und die sieben auf der Schriftrolle genannten Gastwirte kommen allesamt zum niedergeschriebenen Datum auf grausame Weise zu Tode, ohne dass es die Jugendlichen verhindern können.
Im nächsten Kapitel wird das 5. Buch Mose herangezogen, Neonazis verüben einen abstoßenden Brandanschlag auf ein Flüchtlingsheim, bei dem alle Bewohner/innen sterben und erhängen sich kurz darauf selbst im Wald. Die Jugendlichen, die diesen Szenen beiwohnen müssen und sich mit den Nazis sogar einen Kampf liefern, flüchten vor der Polizei, wobei der See im Wald geteilt wird, um den Jungen den Weg durch den See freizumachen.
Biblische Bezüge und gewaltige Szenen und Ereignisse sind zuhauf vorhanden, aber Lydia Haider strickt daraus noch ein radikales Finale, in dem die jugendlichen Helden eine vom Würgeengel beeinflusste rigorose Entscheidung fällen, die im Finale umgesetzt wird. Ein virtuoser, kunstvoller Roman, der sprachlich und inhaltlich überzeugt.
Rudolf Kraus

Haider, Lydia - rotten
Roman. Mit Ill. von Anton Oskar Granzner. Salzburg: Müry Salzmann 2016. 180 S. - fest geb. : € 19,00 (DR)
ISBN 978-3-99014-138-0

 

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