Bücherschau

Walterskirchen, Gudula - Die blinden Flecken der Geschichte

Österreich 1927-1938

„Die Zeitgeschichte ist eine ideologische Kampfzone“. Dieser Satz auf dem Umschlag des vorliegenden Buches ist zweifellos zutreffend. Dass die Autorin allerdings darin „mit alten Mythen gründlich aufräumt,“ ist zu viel behauptet. Gudula Walterskirchen, die Hobbyhistorikerin, die in eine alte österreichische Adelsfamilie eingeheiratet hat, ist mit ihren wohlwollenden Biografien über Engelbert Dollfuß, Heimwehrführer Starhemberg und ihren Kolumnen in diversen Medien auf der konservativen Seite des politischen Spektrums fest verankert. Sie tritt auch hier nicht als Friedensengel, sondern als Mitkämpferin auf.
Thema ihres Buches ist die Zwischenkriegszeit: Es widmet sich dem Verfahren um die Schattendorfer Ereignisse und dem Justizpalastbrand (hier wird natürlich ein Hauptakzent auf den tatsächlich ziemlich extrem formulierten Leitartikel von Friedrich Austerlitz gelegt). Beim Februaraufstand 1934 betont die Autorin wohl etwas zu stark die Querverbindungen zu NS-Deutschland (der Linzer Schutzbundführer Bernaschek, der den Aufstand auslöste, wurde allerdings von den Nazis wohlwollend aufgenommen). Die Kontroverse Ständestaat oder Austrofaschismus wird wieder aufgerollt und genüsslich Karl Renners Ja zum Anschluss zitiert. In einem Schlusskapitel nimmt Walterskirchen die Gedenkkultur der Zweiten Republik und die Zeithistoriker der 68er-Generation aufs Korn.
Natürlich hat dieses Buch auch Lesens- und Bedenkenswertes zu bieten. Auch auf kämpferische Zeithistoriker und -historikerinnen trifft ja der alte Bibelspruch vom Splitter und vom Balken zu. Im Splittersuchen erweist sich die Autorin auch als recht tüchtig. Die gelernte Journalistin Walterskirchen beweist beispielsweise viel Geschick in der Auswahl der Zeitungsausschnitte, die sie zitiert. Auch ihre kleinen Sticheleien gegen Tálos, Botz und Co „sitzen“. Gelegentlich aber kommt man ins Kopfschütteln. Etwa dort, wo Frau Walterskirchen die Kampfstärke und die Ausrüstung des Republikanischen Schutzbundes als dem Bundesheer überlegen einstuft. Das ist ein Satz, der schon an Desinformation grenzt.
Das Fach Zeitgeschichte kann zweifellos ein Mehr an Gelassenheit und Objektivität vertragen. Gudula Walterskirchen leistet dazu aber leider keinen Beitrag.
Robert Schediwy

Walterskirchen, Gudula - Die blinden Flecken der Geschichte
Österreich 1927-1938. Wien: Kremayr und Scheriau 2017. 223 S. : zahlr. Ill. - fest geb. : € 22,90 (GE)
ISBN 978-3-218-01063-4

 

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