Bücherschau

Forgacs, Peter D. - Der ausgelieferte Beamte

Über das Wesen der staatlichen Verwaltung

Eingleisig denkende Apologeten des Neoliberalismus wundern  sich oft über die Tatsache, dass sich hinter den Front Offices mit ausgetauschtem, auf freundlich getrimmtem  Personal nach wie vor ein Untertanenstaat verbirgt.
Ein promovierter Hungarologe, Musikwissenschaftler und Soziologe entzaubert diese Beobachtungen, indem er eine Reihe von häretischen Fragen stellt: Warum orientiert sich der Staatshaushalt nicht an der Wirtschaftlichkeit, sondern am politisch Machbaren? Warum ist es nur in wenigen Bereichen der Verwaltung möglich – genauso wie Fließbandarbeit in der Privatwirtschaft – standardisierte Messinstrumente einzusetzen? Wie viele Kriminalbeamte samt ihrem forensischen und administrativen Material sind notwendig, um einen Mörder zu fangen und wie hoch ist der Wert eines solchen Erfolges? Warum hat die Korruption im Falle der Kleinkorruption auch für Einzelpersonen, Klein- und Mittelbetriebe durchaus positive Effekte bei der Durchsetzung kurzfristiger Interessen? Warum verursacht gerade die Ausgliederung von Institutionen des Gesundheits-, Sozial- und Unterrichtswesen, von Ämtern und Behörden bis hin zu militärischen und polizeilichen Einheiten eine Absenkung des Niveaus der staatlichen Leistungen und viele Arten von Missbrauch? Wieso ist die CIA offenbar nicht in der Lage die vom Geheimdienst gesammelten Datenmenge selbst auszuwerten (siehe Edward Snowden)?
Diese (und ähnliche) Fragestellungen bündelt der Autor mit Thesen aus Max Webers Studien über Bürokratie und gelangt so auf folgendes Resümee: Die Bürokratie ist nicht nur ein Garant für den Fortschritt, sondern auch für den eigenen Untergang. Die Bürokratie ist nicht nur wirtschaftshemmend, sondern macht den Staat als Gesamtsystem unlenkbar – unabhängig von der Regierungsform.
Fritz Keller

Forgacs, Peter D. - Der ausgelieferte Beamte
Über das Wesen der staatlichen Verwaltung. Wien: Böhlau 2017. 327 S. - kt.:  € 30,90 (GS)
ISBN 978-3-205-20099-4

 

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