Bücherschau

Roberto Bolaño - Die romantischen Hunde

Frühe Gedichte des großen chilenischen Dichters

Roberto Bolaño (1953-2003) ist, man kann und soll es nicht anders sagen, ein Gigant: Der eigenwillige Getriebene, der seine Heimat Chile nach dem Militärputsch von 1973 verließ und über Mexiko nach Spanien ging, zählt nicht nur zu den wichtigsten Vertretern lateinamerikanischer Literatur, sondern der Gegenwartsliteratur an sich. Sein vielfältiges, verspieltes Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, spätestens seit seinem Roman „Die wilden Detektive“ (1999) erreichte er eine internationale Leserschaft. Das posthume Meisterwerk des Frühverstorbenen, das umfängliche „2666“, erweiterte die Leserkreise noch und trug in seiner Verflochtenheit weiter zum Kultstatus Bolaños bei. Nach und nach werden nun weitere Arbeiten ediert und ins Deutsche übersetzt, etwa der um Kriegssimulationen gruppierte Text „Das Dritte Reich“ (2011) oder die mit sprechenden Titeln versehenen Veröffentlichungen „Die Nöte des wahren Polizisten“ (2013) oder „Mörderische Huren“ (2014).
Der nun vorliegende Band „Die romantischen Hunde“ ist ein weiterer Baustein in Bolaños Erzähluniversum, zusätzlicher Knotenpunkt eines verflochtenen, in sich mit Verweisen arbeitenden Gesamtwerks. Das Label der „Gedichte“ darf dabei nicht abschrecken oder verwirren, die vielgestaltigen Texte der Sammlung lösen gattungsspezifische Erwartungen ein und erweitern sie sogar noch. In einem Interview für den mexikanischen „Playboy“, das der Autor kurz vor seinem Tod gegeben hat, räumt er in selbstkritischer Haltung ein: „Ich werde immer rot, wenn ich eines meiner Bücher aufschlage, aber weniger rot, wenn ich die Gedichte lese.“
In der Auseinandersetzung mit Geschichte und Literatur fragt Bolaño nach dem Anteil des Erzählens in unserem Verständnis der Welt. Seine kritische Auseinandersetzung mit der sogenannten Wirklichkeit betreibt er mit den Mitteln der Literatur, stets im Bewusstsein für die Fallstricke einer wandelbaren Realität und der daran gekoppelten Historie. Ganz im Sinne von Jacques Derridas Beobachtung zur Literatur und ihrer „Autorisierung, alles zu sagen“ können ohne auf eine politische „Mission“ limitiert zu sehen, ist Bolaños Arbeit natürlich auch (aber eben nicht: ausschließlich) politisch zu lesen und zu verstehen. Mit seinem kaleidoskophaften Schreiben, das in einer Ungeteiltheit zwischen Analytischem und Erzähltem wie nebenbei auch den eigenen Privatmythos anreichert, konstatiert er individuelle Finalität und allgemeine Unrettbarkeit, ja die „Unheilbarkeit“ der Welt. Seine Haltung, die „provisorisch Autor“ benannt ist und Texte herstellt, die von ihrem „Eigenleben“ nicht wissen und ihre kulturreflexive Beschaffenheit durchaus ausweisen, ist an das zentrale Moment der Erfahrung geknüpft.
Dieser Autor, der nach eigener Aussage lieber Detektiv geworden wäre, agiert ganz vorsätzlich mit den Strategien produktiver Verwirrung, lässt autobiografische Zeugnisse und autofiktionale Entwürfe ineinander übergehen. Die Unsicherheit, in der Bolaño uns als Leser hält, speist sich nicht zuletzt aus seinen eigenen literarischen Vorlieben, die mit der Strömung des Surrealismus oder mit namhaften Autoren wie Borges, Kafka, Perec oder Dick in ihrer Bandbreite zumindest angedeutet sein sollen. Insbesondere den Begriff der Exilerfahrung adressiert er in seinem literarischen Hauptwerken und zahlreichen flankierenden Artikeln, Rezensionen und Essays. Abseits des Perpetuierens von feststehenden Bildern stereotyper Traurigkeit tritt er auf offensive Weise für einen nicht minder tragischen Gegenentwurf ein, in der das Exil die Grunderfahrung aller Schriftsteller und die Literatur deren „in der Kurve des Seins“ eingelagerte paradoxe Heimat ist.
Die allumfassende, existenzdurchdringende Widmung an das Schreiben ist für Bolaño dabei aber kein auferlegter Zwang, sondern eine vorsätzliche Entscheidung. Schreiben gilt ihm dabei als die eine Arbeit, die sich in allen Lebenslagen und Widrigkeiten zum Trotz umsetzen lässt, die ein Schaffen in tatsächlicher Einsamkeit erlaubt. Die in „Die romantischen Hunde“ versammelten frühen Texte lassen diese Programmatik bereits anklingen: Thematische Konstanten sind Träume, Wahrnehmung, ein Ich, das „sich selbst manipuliert und observiert“. In Wiederholungen und Variationen wird getestet und ausgespielt, was sich retrospektiv auch als Anlage späterer und parallel entstehender Werke – allen voran wohl der Text „Antwerp“ (1980) – lesen lässt.
Der Geschichte als Zumutung und Herausforderung wird eine Textarbeit entgegengehalten, die Begegnungen bzw. Wiederbegegnungen bereithält. Literatur wird in ihrer speichernden Funktion deutlich – aber eben nicht als mortifizierende Ablage, sondern als potenzielle Vitalität. Wie Bolaño selbst in einem Essay ausführt, prophezeit er der vielfach unterschätzten (post-)modernen Lyrik ein neues Leben in hybriden Formen. Diese Annahme darf man, wie viele andere An-/Aussagen des wenig konfliktscheuen Schriftstellers, als programmatisches Statement lesen, das sich in der vorliegenden Publikation verwirklicht sieht. Mit dem Herauslösen aus klassischen Prinzipien gibt Bolaño einer „Poesie, tapferer als alle anderen“ Gattungen, Form und Ausdruck, die auf das Öffnen von Möglichkeiten und das Gewinnen von Konzessionen setzt: „DIE ZEIT, VERNUNFT ANZUNEHMEN, WIRD NIEMALS KOMMEN.“
Thomas Ballhausen

Roberto Bolaño - Die romantischen Hunde
Gedichte. München: Hanser 2017. 174 S. - fest geb. : € 20,60 (DL)
ISBN 978-3-446-24466-5
Aus dem Span. von Heinrich von Berenberg und Christian Hansen

 

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