Bücherschau

Fischerauer, Bernd - Burli

Burli/Adolf will wissen, was hinter der Fassade seiner Eltern steckt

Der Theater- und Filmregisseur Bernd Fischerauer, geboren 1943 und aufgewachsen in Graz, berichtet in seinem Debütroman vom dreizehnjährigen Burli, der eigentlich Adolf heißt und 1942 geboren wurde. Warum er Adolf heißt, wird rasch klar, denn sein Vater war Obersturmbannführer bei der SS. Nach dem Krieg wird er aber Burli genannt, vor allem vom Vater, der als Keksvertreter ständig unterwegs und kaum zu Hause ist.
Burli will wissen, was wirklich hinter der Fassade seiner Eltern steckt, möchte die Wahrheit herausfinden, selbst wenn sie ihm als Sohn von Nazis schaden könnte. Er schreibt hin und wieder Artikel für eine Zeitung, die schon sein schriftstellerisches Talent zeigen, die aber keinen Gefallen bei den Eltern finden, da sie die Zeitung als "Sozi-Blattl" bezeichnen. Außerdem sind die Eltern äußerst streng, bei kleinsten Vorkommnissen bekommt Burli/Adolf Schläge ab oder wird zum mehrstündigen Scheitelknien bestraft. Je mehr er aber über seine Eltern herausfindet desto weniger werden die Strafen. Den Vater bekommt er dann für längere Zeit nicht mehr zu Gesicht, da er angeblich auf Vertretungstour ist, aber augenscheinlich wird, dass er sich als gesuchter Naziverbrecher versteckt. Burli/Adolf ist aber auch ein frühreifer, pubertierender Junge, der seine ersten Sexerlebnisse unter anderem mit der Geliebten seines Vaters erlebt. Aber auch die erste große Liebe mit Wiltrud, einer Tochter aus großbürgerlichem Haus, die er beim Schauspielen kennenlernt, wird unverfälscht und großartig erzählt.
Bernd Fischerauer hat mit Burli eine Art Alter Ego geschaffen, der vom Mief des Jahres 1955 in Graz berichtet, von Ewiggestrigen, die es sich durch ihre Verbindungen doch immer "richten" können, und von jenen Menschen, die genug von Krieg, Nationalsozialismus und der braunen Suppe haben und dagegen ankämpfen. Der Roman wird aus der Sicht des dreizehnjährigen Burli erzählt, manchmal derb und ungeschönt, manchmal hingebungsvoll und voller Begeisterung, die eben nur ein Dreizehnjähriger so intensiv von sich geben kann.
Daneben wird sehr viel gekocht in diesem Roman, von den Tanten und der Omama, wo einem das Wasser im Mund zusammenläuft, und von der Mutter, deren Speisen so schmecken wie ihre kalte und lieblose Art. Ein großartig erzählter Roman über die Nachkriegszeit in Österreich am Beispiel Graz.
Rudolf Kraus

Fischerauer, Bernd - Burli
Roman. Wien: Picus, 2017. 287 S. - fest geb. : € 24,00 (DR)
ISBN 978-3-7117-2046-7

 

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