Bücherschau

Staatspreis für Europäische Literatur für Karl Ove Knausgard

Simon Berger über den norwegischen Schriftsteller und seinen grandiosen Romanzyklus „Mein Kampf“

Vor sieben Jahren hat ein junger norwegischer Schriftsteller mit der Veröffentlichung der ersten drei Bände eines Romanzyklusses mit dem lakonischen Titel „Min kamp. Første bok“ („Mein Kampf. Erstes Buch“) eines der außergewöhnlichsten Projekte der Weltliteratur begonnen. Das Buch sorgte in Norwegen für großes Aufsehen und löste heftige Diskussionen aus. Es avancierte zum Bestseller und wurde von den Lesern der Zeitung Morgenbladet zum Buch des Jahres gewählt. Knausgard bekam dafür den wichtigsten Literaturpreis Norwegens, den Brageprisen. Und es wurde übersetzt. Und auch in anderen Ländern waren sie bald Bestseller, denen in kurzen Abständen die nächsten Bände folgten (bis 2011 waren alle sechs Bände erschienen).
Der Titel „Min Kamp“ („Mein Kampf“) ist eine Anspielung auf die Großmutter, die ihre einstige Arbeitgeberin zitierte: "Das Leben ist ein Gampf" – sie konnte kein K sprechen. Dieser Titel wurde aus verständlichen Gründen nicht für die deutschen Ausgaben verwendet, obwohl Knausgards Kampf im Gegensatz zu Hitlers sehr unheroisch dargestellt ist; die einzige Parallele ist, dass beide eben eine Autobiografie geschrieben haben.
Aber wichtiger ist, dass der Autor sein Leben selbst als Kampf empfindet: zwischen Mensch und Künstler, zwischen Familie und Literatur. Mit Blick auf seine Bücher sagt er: "Obwohl sie mir keine Erkenntnisse eintrugen, bereicherten sie mich doch umso mehr um Ahnungen und Wahrnehmungen." Die Diskussionen über das Verhältnis von Fakten und Fiktion, Autobiografie und Roman, die er mit seinen autobiographischen Büchern angestoßen hat, wird noch lange nicht zu Ende sein.

Karl Ove Knausgard wurde am 6. Dezember 1968 in Oslo als Sohn eines Lehrers und einer Krankenschwester geboren, wuchs mit einem älteren Bruder auf der Insel Tromøy bei Arendal und in Kristiansand auf und studierte dann Kunstgeschichte und Literatur an der Universität Bergen. Viele, allzu viele Details aus seinem Leben wird man in seinen Büchern finden.
Heute lebt Knausgard mit seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Linda Boström Knausgard (sie ist die Tochter der schwedischen Schauspielerin Ingrid Boström) und drei Kindern nach Stationen in Bergen, Stockholm und Malmö zurückgezogen im südschwedischen Österlen (Schonen).
Sein literarisches Debüt „Ute av verden“ (noch nicht ins Deutsche übersetzt) erhielt 1998 den norwegischen Kritikerprisen. Damit wurde erstmals das Erstlingswerk eines Autors mit dem Preis geehrt.
2004 folgte der Roman „En tid for alt“ („Alles hat seine Zeit“), der für den Literaturpreis des Nordischen Rates und den International IMPAC Dublin Literary Award nominiert war.

In seinem hymnisch gefeierten Roman stellt Knausgard große, universale Fragen: Ist das, was im Alten Testament geschrieben steht, wirklich passiert? Wie schaut es aus, das Göttliche? Hat es die Engel gegeben? Er bewegt sich anhand der Geschichte der Engel durch die großen alttestamentarischen Erzählungen: über Kain und Abel, Noah und die Sintflut, über Sodom und Gomorrha, gelangen wir nach einem Zwischenstopp im spätbarocken und schließlich aufgeklärten Europa schließlich auf eine Insel vor der norwegischen Küste. Bei einem modernen, schuldbeladenen Menschen, der die Einsamkeit sucht und die überwältigende Schönheit des Lebens findet.
Karl Ove Knausgard fährt hier alle möglichen Themen und Gestalten des Alten Testaments auf, entwickelt eine Theorie vom Fall der Engel, erörtert älteste Fragen und das alles mit "schwebender Leichtigkeit". Er legt diese Themen und Figuren "modern" aus, reichert seinen barocken Stil immer wieder mit essayistischen, philosophischen und theologischen Exkursen an.

2009 folgten die ersten drei Bände des sechs Bände umfassenden, autobiografisch angelegten Romanzyklus „Min Kamp“. Das eigene Leben offen, schonungslos und radikal zum Gegenstand des Schreibens zu machen – dies ist das Konzept, zu dem sich Karl Ove Knausgard in seinem furiosen Mammutprojekt entschlossen hat. Dieses durch und durch autobiografisches Projekt kann man durchaus als eine Art "Recherche du temps perdu" im Norwegen unserer Zeit ansehen.  

Im ersten Band (im norwegischen Original nur: „Erstes Buch“; in der deutschsprachigen Ausgabe: „Sterben“) thematisiert er die schwierige Beziehung zu seinem Vater und verbindet dabei in einer regelrechten Gedankenflut essayistische Passagen mit Kindheits- und Jugenderinnerungen.  
Langsam nähert er sich seinem schwierigen Verhältnis zum Vater, das ihn grundlegend geprägt hat. Als dieser stirbt und er sich mit seinem Bruder daran macht, den Nachlass zu ordnen, bietet sich beiden ein Bild des Grauens. Während sie das Haus reinigen und die Beerdigung vorbereiten, kommen Erinnerungen hoch. Nach und nach entsteht so das Porträt eines Mannes, über den sich in der Kindheit das Gleichgewicht der Familie definierte und den die beiden Söhne unsäglich zu hassen lernten. So sehr hat dieser Vater einen Schatten auf das Leben dieser Brüder geworfen, dass sie den Bestatter bitten, die Leiche unbedingt auch sehen zu dürfen. Erst dann, so sind sich beide einig, werden sie glauben können, dass er wirklich tot ist.
Am Anfang steht eine essayistische Passage über unseren Umgang mit dem Tod, seine häufige Präsenz in allen Medien und unsere Scheu vor der realen Körperlichkeit des Todes. Die zweite Hälfte des Buchs behandelt den Tod des Vaters, dieses undurchschaubaren Machtmenschen, der sich vor den Augen seiner Mutter langsam zu Tode säuft.
Wie der Geschmack der Madeleine bei Proust dient bei Knausgard ein Gesicht in der Maserung seines Holzfußbodens dazu, sich wieder an Kindheit und Jugend zu erinnern, die Jahre in eher ländlicher Gegend mit einer wie abwesend scheinenden Mutter und dem ungerechten, lieblosen Vater, die ersten Mädchengeschichten, der geheime Bierkonsum, die ausufernden Feste.

Im „Zweiten Buch“ („Lieben“) setzt Knausgard sich mit der Beziehung zu seiner Frau und seiner Tochter Vanja auseinander, gibt sich thematisch und zeitlich ungeordnet, mischt Erinnerungen mit Alltagsbeschreibungen und klugen Reflexionen zur Literatur oder zum Geschlechterverhältnis. Was bleibt von all der Romantik und Leidenschaft, wenn der Alltag Einzug hält ins Leben zweier moderner, auf Selbstverwirklichung bedachter Menschen mit kleinen Kindern? Anspruch und Wirklichkeit prallen aufeinander. Das tägliche Ringen um Freiräume, Lebensfreude und Zeit wird zum unauflösbaren Konflikt. Die eigene Identität muss mit Klauen verteidigt, die Liebe immer wieder neu gefunden werden.
Für Knausgard, das wird während der Lektüre klar, löst sich die Banalität des Lebens erst im Schreiben darüber in Sinn auf und in dieser Verwandlung kann man auch den Anspruch und den Wert von Knausgards gesamtem autobiografischen Unterfangen erkennen. Motor dieses besessenen Schreibens könnte sein "Wirklichkeitshunger" sein, der sich erst durch die schreibende Aneignung wirklich stillen lässt. Als Karl Ove führt er hier ein Tagebuch. Alles scheint authentisch zu sein, nichts erfunden, die ganze spannungsarme „Alltagsunendlichkeit" wird nacherzählt.

„Das dritte Buch“ („Spielen“) ist ein Roman über eine Kindheit, in dem eine Welt beschrieben wird, in der Kinder und Erwachsene parallele Leben führen, die sich nie begegnen. Alles beginnt mit einer traditionellen Familie: Vater, Mutter und zwei Jungen, die nach Südnorwegen ziehen, in ein neues Haus in einer neuen Siedlung. Es sind die frühen Siebzigerjahre, die Kinder sind klein, die Eltern jung, die Zukunft scheint offen und verheißungsvoll. Aber irgendwann beginnt sie sich zu schließen, irgendwann wird das, was mit großen Hoffnungen begann, klein und festgelegt. Was ist passiert? Wie konnte es dazu kommen?
Man taucht mit ein in die Welt der Siebziger, die Kindheitswelt des Autors. In einer aus- wie erschöpfenden Chronik berichtet er, was Familie, soziales Umfeld und eigener Alltag hergeben, was ihn in der Gunst vieler Menschen in seiner Umgebung sinken hat lassen. Scheinbar ungefiltert, akribisch, detailreich wird
unerschöpflichen Vielfalt, ein oberflächlich anmutendes Sammelsurium, das Leben bei der Arbeit zeigend. Das kann dann schon einmal dazu führen, dass er für die Beschreibung eines Nachmittags in all seiner Fülle 50 Seiten veranschlagt. Doch, so sein Fazit: „Niemals hätte ich geglaubt, dass mir jedes einzelne Detail der Landschaft und jeder einzelne Mensch, der in ihr wohnte, für alle Zeit präzise und genau im Gedächtnis bleiben würde, mit einer Art absolutem Gehör der Erinnerungen“.

Das „Vierte Buch“ („Leben“) zeigt den Autor in einer Zeit des Umbruchs und der Veränderungen. Das Abitur hat er in der Tasche, die Eltern haben sich getrennt, die Begegnungen mit dem Vater sind spannungsgeladen, die ersten Schritte hinein in ein selbstbestimmtes Leben begleitet von Alkoholräuschen, die der junge Karl Ove in seiner Not immer öfter sucht, weil er diese mit einem Gefühl von Freiheit verbindet, verheißen sie ihm doch Befreiung von all den Komplexen, Unsicherheiten und Nöten, die ihn plagen und noch lange Jahre plagen werden.
Unschlüssig, was er mit seinem Leben beginnen soll, beschließt er, für ein Jahr als Aushilfslehrer an eine Dorfschule nach Nord-Norwegen zu gehen. Dabei wird er nicht nur mit Schülern konfrontiert, die ihn verständlicherweise als Autoritätsperson nicht ernstnehmen, sondern auch mit einer überwältigenden, für ihn ebenso neuen wie faszinierenden Natur. Bald bildet sich ein Lebensmuster heraus. Den Job erledigt er mit möglichst wenig Aufwand, danach versucht er sich mittels Schreibversuchen an der Etablierung einer Autorenidentität.
An den Wochenende wird hemmungslos getrunken, wobei die älteren Kollegen keinerlei Versuche machen, ihren jugendlichen Aushilfslehrer zu mäßigen. Statt dessen trinken sie mit. Am Ende des Jahres steht die Rückkehr in südlichere Regionen an und die Aufnahme an der neu gegründeten Akademie für Schreibkunst in Bergen: „Was war das für ein Jahr? Und inwiefern ist es exemplarisch für andere Anfänge? Für unseren Start ins Erwachsenenleben?“

Im nächsten Band, dem „Fünften Buch“ („Träumen“) schildert er, wie er nach den 14 in Bergen verbrachten Jahren, regelrecht nach Stockholm floh, als ginge es ins Exil. Es waren Jahre, in denen er so unermüdlich wie erfolglos versuchte, Schriftsteller zu werden, in denen schließlich seine erste Ehe scheiterte, in denen sich Momente kurzer Glückgefühle mit jenen tiefster Selbstverachtung die Hand gaben, in denen sich Demütigungen und Höhenräusche ebenso schnell abwechselten wie selbstzerstörerische Alkoholexzesse und erste künstlerische Erfolge. Dabei hatte es am Anfang so gut ausgesehen, dieses Leben in Bergen. Dem jungen Knausgard schien die Welt offenzustehen, all seine Träume schienen sich zu erfüllen. Er hatte einen Studienplatz an der Akademie für Schreibkunst bekommen, endlich eine Freundin gefunden.
Dieser schonungslose Bericht über die Jahre zwischen 1988 und 2002 ist ist eine radikale Selbstentblößung: Frauengeschichten und Schreibversuche wechseln einander ab, getränkt in Unmengen von Alkohol, die Literatur wird zur größten Rivalin der Ehefrau. Immer stärker tritt er auch als eine Art Literaturfanatiker in Erscheinung. Es ist imponierend, wie Knausgard sich mit seinem radikal autobiografischen Schreiben gegen den alkoholsüchtigen Vater und gegen die Kunst auflehnt.
Knapp vor dem Erscheinen der deutschen Übersetzung des letzten Bandes seines Mammutprojekts ist ein wunderbarer Band Knausgards mit dem Titel „Das Amerika der Seele“ mit Essays aus den Jahren 1996 bis 2013 von Karl Ove Knausgard erschienen. Es ist eine Sammlung von Texten, die einen weiten Bogen spannen: von Bedeutung der Einsamkeit in den Bildern der US-amerikanischen Fotokünstlerin Francesca Woodman, den Fotos von Cindy Sherman und Sally Mann, von Knut Hamsuns missglücktem Meisterwerk "Mysterien", vom Massaker auf Utøya und auch seinen Erfahrungen beim Schreiben seines Romanzyklusses.
In dem schönen Essay über „Die Literatur und das Böse“ beschäftigt er sich etwa mit Louis-Ferdinand Céline, Gustave Flaubert, Charles Baudelaire, Miguel Cervantes, August Strindberg, Henrik Ibsen, Knut Hamsun, Jens Bjorneboe, Thomas Bernhard, Peter Handke, „Tim und Struppi“ und auch mit der Kritik an seinem Romanzyklus. Und er schreibt darin mitunter auch über ein Buch namens „Mein Kampf“, aber diesmal jenes von Adolf Hitler: „Jede Literatur entwirft Bilder der Welt, die automatisch eine Distanz schaffen, das Entscheidende im Falle von ‚Mein Kampf‘ ist jedoch, dass Hitler bei der Umgestaltung der Welt nicht aufhörte, wie es in der Belletristik geschieht, sondern weiterging und versuchte, die Welt nach dem Bild des Buches zu verändern.“ Bei Hitler ist der einzelne Mensch überhaupt nicht vorhanden, das Menschliche ist etwas Sekundäres, der Mensch wird als ein Mittel angesehen und nicht als ein Ziel an sich. Knausgard zeigt darin unter anderem, dass allein die Literatur die Fähigkeit hat, „ganz in die Welt des Einzelnen einzudringen, dorthin, wo der Überbau im Alltag einstürzt“. Denn: „Dieses Einfühlen oder Einleben steht im Dienste des Guten und ist das Gegenteil von Ideologie, sowohl von Rassismus wie Antirassismus, Feminismus wie Antifeminismus. Sollte dieses Einleben aber im Dienste des Bösen stehen, das heißt, Haltungen ausdrücken, von denen das Wir sich distanziert, wäre es immer das Gegenteil von Ideologie“.
Knausgards lange, oft rücksichtslose Reflexionen über Kunst, Sex, Sprache, Traum, den eigenen Wert oder Nichtwert, die er auch in die Bände seines Romanzyklusses einbaut, gehören, wie auch alle Banalitäten, dazu. Zu den wesentlichen Grundlagen von Knausgards Schreiben gehört einerseits der allgemeine „Wirklichkeitshunger“, und andererseits die stets angestrebte stressfreie, lässige Lebenshaltung. Gleich zu Beginn stellt er klar: „Glück ist nicht mein Ziel.“ Nicht zuletzt ist es ein Kampf zwischen dem historischen und dem literarischen Knausgard, zwischen Realität und Fiktion. „Schreiben heißt“, so Knausgard, „die Dinge aus dem Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen.“ 

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