Bücherschau

Agota Kristof - Das Ringen um Worte

Heimo Mürzl über die große ungarisch-schweizerische Schriftstellerin

Der amerikanische Autor Sherwood Anderson spricht zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einem poetologischen Essay von „einem Schrei nach einer frischen Injektion von Wahrheit und Aufrichtigkeit in das schriftstellerische Handwerk“ und die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin Agota Kristof kommt mit ihrem unerbittlich-objektiven und beklemmend-nüchternen Schreibstil achtzig Jahre später dieser Aufforderung nach Aufrichtigkeit auf unerhörte und unerhört-fesselnde Weise nach. Als 1986 ihr Romandebüt „Le grand cahier“ in der Editions du Seuil erschien - nur ein Jahr später  folgte die deutsche Übersetzung „Das große Heft“ im Rotbuch Verlag – sorgte das Buch nicht nur für Kontroversen und Verstörung, sondern war zugleich auch die Geburt einer zukünftig unverzichtbaren und unverwechselbaren Stimme der europäischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts.  2008 erhielt Agota Kristof den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur. Die begnadete literarische Menschenforscherin Agota Kristof wurde 1935 in Csikvand /Ungarn geboren und starb 2011 in Neuenburg in der Schweiz. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie als Kind eines Lehrers im ungarischen Dorf  Köszeg, ehe sie 1956 nach der Niederschlagung des Ungarischen Volksaufstandes zusammen mit ihrem Mann und ihrer vier Monate alten Tochter in den Westen floh und sich in Neuchatel in der französischsprachigen Schweiz niederließ. Die Flucht stellte für die junge Frau eine einschneidende Zäsur dar und das (Weiter)Leben wird unter solchen Umständen zum täglichen Überlebenskampf  – der Verlust der Heimat, die ungeliebte aber existenzsichernde Arbeit in einer Uhrenfabrik und der mühsame Kampf mit und um die „Feindessprache“. „Ich spreche nicht fehlerfrei Französisch und schreibe es nur mithilfe häufigen Nachschlagens in Wörterbüchern. Aus diesem Grund nenne ich die französische Sprache auch eine Feindessprache. Es gibt noch einen anderen Grund, und das ist der schwerer wiegende: diese (neue) Sprache tötet allmählich meine Muttersprache.“  Ihre Bücher verfasst Agota Kristof in Französisch. Wenig überraschend bedeutet das Schreiben für sie immer auch ein Ringen um Worte, um die richtigen Worte. Wie es nun eunmal ist, überbietet und sprengt das Leben unseren Wortschatz. Es fehlen Worte, also muss eine Geschichte erzählt werden.  Agota Kristof erzählt in ihren Romanen davon, wie sich die Schatten der Vergangenheit nicht verziehen. Die Einsamkeit, die Fremdheit, die Ferne, das Nichts, das Gefühl der Heimatlosigkeit und die Unvorhersehbarkeit und Ausweglosigkeit sind und bleiben laut Agota Kristof die Grundbedingungen unseres Daseins. Die Unerbittlichkeit und Knappheit ihres Stils scheint dieser Erkenntnis geschuldet und so gerieten ihre Bücher stets zu schonungslos authentischen, sezierend genauen, um größtmögliche Aufrichtigkeit bemühten und die eigene Hybris nie beschönigenden Protokollen einer Selbstbehauptung.


ERKUNDUNG MENSCHLICHER ABGRÜNDE
Agota Kristofs Debütroman „Das große Heft“ bietet dem Leser einen schonungslosen, ja fast mitleidlosen Blick auf eine verstörende und abgründige Welt, die mitunter unerträglich zu sein scheint und etwas buchstäblich Ungeheures hat. Selbst Kinder, in diesem Fall die Zwillingsknaben  Claus und Lucas, lernen die Grausamkeit des Daseins in all ihren schaurigen Facetten kennen. Der Leser wird verstörter Zeuge, wie die beiden Knaben sich in einen Rausch aus grausamen Spielen und gewaltsamen Prüfungen hineinsteigern, um sich für das (Über)Leben abzuhärten. Der Roman einer etappenweisen Abtötung am Rande der Gefühllosigkeit fesselt den Leser von der ersten Seite an und beeindruckt mit einem emotional fast grausam unbeteiligten Sprachduktus, der sich mit seinen kurzen, gedrängten, spröden und sezierenden Sätzen mit einer Schärfe und Nachhaltigkeit ins Gedächtnis brennt, wie es eine Romanlektüre nur sehr selten vermag. „Wir kommen aus der Großen Stadt. Wir sind die ganze Nacht gereist. Unsere Mutter hat rote Augen.(…) Wir gehen lange. Das Haus der Großmutter ist weit vom Bahnhof, am andern Ende der Kleinen Stadt.(…) Es gibt nichts mehr zu essen bei uns, weder Brot noch Fleisch, noch Gemüse, noch Milch. Nichts. Ich kann sie nicht mehr ernähren.(…) Und da hast du dich an mich erinnert. Zehn Jahre hast du dich nicht erinnert. Du bist nicht gekommen, du hast nicht geschrieben.(…) Unsere Mutter sagt zu uns: Das ist eure Großmutter. Ihr werdet eine Weile bei ihr bleiben, bis der Krieg aus ist. Unsere Großmutter sagt: Das kann lang dauern. Aber ich sorge schon dafür, daß sie arbeiten, keine Bange. Auch hier ist das Essen nicht umsonst.“ Mit distanzierter Schärfe und kühler Lakonie berichtet die ungarisch-schweizerische Schriftstellerin  in 62 Kapiteln, wie die materielle und emotionale Verrohung um sich greift und auch vor den Jugendlichen Protagonisten nicht Halt macht. „Das große Heft“ packt den Leser vor allem auch deshalb, weil Agota Kristof mit einer verstörenden Nüchternheit davon berichtet, wie aus unbescholtenen Menschen ausweglos und unausweichlich grausame und gefühllose Überlebenskünstler werden. Die Zwillingsbrüder Claus und Lucas lernen bei ihrer Großmutter sehr rasch die richtigen Überlebensstrategien zu entwickeln – sie hungern, betteln, stehlen, töten, lügen, stellen sich taub, blind und bewegungslos. Schließlich gelingt ihnen durch das fast zwingend tödliche Minenfeld an der Grenze die Flucht: „Ja, es gibt eine Möglichkeit, über die Grenze zu gehen: Wenn man jemand vor sich hergehen lässt.“ Agota Kristof ergreift so gut wie nie Partei, lässt weder Pathos noch Mitleid zu, sondern protokolliert eine Kindheit und Jugend, die so gar nichts Idyllisches hat. Ihr Roman beschönigt und verschweigt nichts, sie hält sich an die unerbittliche Beschreibung der Tatsachen. „Wir müssen beschreiben, was ist, was wir sehen, was wir hören, was wir machen“ notieren die Zwillingsbrüder in ihr großes Heft und einem der beiden gelingt schließlich die Flucht – über den leblosen Körper des Vaters steigend, der von den Zwillingsbrüdern vorausgeschickt worden war. Sehr selten ist ein Debütroman zugleich das Opus Magnum einer Autorin – Agota Kristof ist das mit „Das große Heft“ gelungen. Nicht nur, weil sie mit sezierend-kühlem Blick und unbeirrbar-scharfer Analyse den ebenso erschreckenden wie verstörenden Bruchlinien, Verwerfungen, Untiefen und Versehrtheiten des menschlichen Daseins nachspürt, sondern weil es ihr auch auf meisterhafte Art und Weise gelingt, mit ihrer Literatur eine beklemmende Intensität zu evozieren, die ihresgleichen sucht und ihren Roman zu einem unerhörten, zugleich aufklärerisch und rätselhaft wirkenden literarischen Suchtmittel macht.


FURCHTERREGENDE WAHRHAFTIGKEIT
War vielen schon der erste Roman von Agota Kristof wie eine ästhetische Revolution und literarische Sensation erschienen, bestätigte der zweite, „Der Beweis“, die Einzigartigkeit der ungarisch-schweizerischen Schriftstellerin, die in einer unverwechselbaren karg-spröden, aber stets treffsicher-genauen Sprache ihre gnadenlos-hermetischen Geschichten erzählt. „Sie sagt: Ja, es gibt Leben, die sind trauriger als das traurigste Buch. Ich sage: Das stimmt. Kein Buch, auch wenn es noch so traurig ist, kann so traurig sein wie ein Leben.“ Wie ihr Debütroman „Das große Heft“ besitzt auch ihr zweiter Roman „Der Beweis“ eine existenzielle Tiefe, der mit seiner Nihilismus-Affinität die Gefühlswelt möglichst ausspart und der so gekonnt die Balance hält, zwischen unerträglicher Schönheit und furchterregender Wahrhaftigkeit. Und erneut ist es der schonungslos-nüchterne, manchmal fast grausam-unbeteiligte Blick auf das rätselhafte Wesen Mensch, der den Leser mit großer Sogwirkung in seinen Bann zieht. Vieles in diesem Roman scheint feindselig – die Menschen, deren Gedanken und Handlungen, selbst die Landschaft. Manche Erfahrungen überlebt ein Mensch fast nicht – und selbst wenn er es schafft, stirbt etwas (in ihm) und er hört auf, ein intakter Mensch zu sein. Lucas lebt inzwischen allein im Haus seiner Großmutter, direkt an der Grenze. Seine Mutter, seine kleine Schwester und seine Großmutter sind tot, der Vater starb beim Versuch, über die Grenze zu fliehen, weil er von den Zwillingsbrüdern Claus und Lucas bewusst vorausgeschickt wurde – was Claus schließlich die erfolgreiche Flucht ermöglichte. Lucas dagegen ist als einziger zurückgeblieben und kämpft verzweifelt gegen die unausweichliche seelische Verrohung und Erstarrung an, die von ihm Schritt für Schritt Besitz zu ergreifen droht. Der verwahrloste Garten, immer wiederkehrende Freitodgedanken, kurze Ohnmachtsanfälle und langsam verfallende Räumlichkeiten künden unmissverständlich davon. Die Welt um Lucas bietet weder Schutz noch Halt, weder der Pfarrer, der Buchhändler Victor, noch die junge Mutter, die er mit ihrem Kind bei sich aufnimmt, vermögen ihm zu helfen und die Mauern seines inneren Gefängnisses zu sprengen. Selbst  Clara, die Bibliothekarin, die er auf eine besondere und nicht alltägliche Art zu lieben scheint, ist trotz aller Bemühungen nicht in der Lage ganz zu Lucas vorzudringen, und ihn von seiner Einsamkeit zu befreien. In seiner schmucklosen Genauigkeit und distanzierten Kälte funkelt dieser Roman in unergründlichen Farben und trotz aller Strenge und Schonungslosigkeit schimmert stets der Anspruch der Menschen auf ein friedvolles Leben in Würde durch.  Agota Kristof verweigert dem Leser auch in ihrem zweiten Roman jede Form von gängigem Gefälligkeits- und Harmoniebefürfnis, was die Lektüre aber nicht weniger fesselnd macht. Zu zwingend erzählt sie von menschlichen Abgründen, zu kunstvoll beherrscht sie das erbitterte Ringen um die richtigen Worte und zu gekonnt beweist sie an den entscheidenden Stellen den Mut zur Lücke. Die exzellente Erzählerin erforscht das Menschsein mit all seinen Untiefen und Ungeheuerlichkeiten, ohne gleich wohlfeile Antworten und Erklärungen mitzuliefern. Sie stellt vielmehr auch Fragen: Schuld? Verantwortung? Gewissen? Was ist das eigentlich? Und wieso ertragen die Menschen ihr Los und leid mit einer oft schwer erträglichen Schicksalsergebenheit?


BEKLEMMENDE KÄLTESTUDIEN
Opulenz und Pathos sucht man als Leser in den Büchern von Agota Kristof vergeblich – die radikale Knappheit des Stils und die einfache und unvergleichlich lakonische Sprache verhindern das zwangsläufig. Auch in Band drei ihrer Trilogie um die Zwillingsbrüder Claus und Lucas misst sie dem einzelnen Wort und der messerscharfen Beschreibung mehr Wert bei als dem ausufernden Erzählen. Sie greift ein weiteres Mal die Themen ihrer ersten zwei Romane auf und beschließt ihre Trilogie mit dem Band „Die dritte Lüge“. Die Welt, von der Agota Kristof berichtet, ist geprägt von Zerstörung, Unterdrückung und Entwurzelung, von Krieg, Flucht, Einsamkeit, Fremdheit, Verlust und Verrat: „Ich bin in der kleinen Stadt meiner Kindheit – im Gefängnis.(…) Mit den Augen starr auf die Erde blickend und den Händen hinterm Rücken, so mache ich meine Runden, dicht an den Mauern entlang.(…)Ich gehe durch die Straßen der Stadt meiner Kindheit. Es ist eine tote Stadt, die Fenster und Türen der Häuser sind geschlossen, alles ist still.“  Lucas kehrt in die Stadt seiner Kindheit zurück. Er erinnert sich an die Jahre der Einsamkeit, die er, nach seiner Flucht getrennt vom Zwillingsbruder, in einem Rehabilitationszentrum verbrachte. Er erinnert sich an die Bombardements gegen Ende des Krieges und seine Zeit bei der Großmutter, die von den Zwillingsbrüdern nur „Hexe“ genannt wurde. Lucas sucht seinen Bruder und als er ihn vermeintlich findet, leugnet dieser, sein Bruder Claus zu sein. Lucas kann mit dieser Tatsache nicht weiterleben – der Verlust seines Bruders war für ihn zugleich der Verlust eines lebenswichtigen Teiles seiner Identität – und setzt seinem Leben ein Ende, indem er sich vor einen Zug wirft. Mit sparsam und gekonnt gewählten Worten formuliert Agota Kristof Sätze, die chirurgischen Schnitten gleich den Sinn und Wahnsinn menschlichen Denken und Handelns freilegen. Jedes ihrer Bücher erzählt von nie heilenden Verletzungen und gleicht einer beklemmenden Kältestudie mit menschlichem Personal: „Ich sage ihm, daß das Leben nicht den geringsten Sinn hat, es ist ein Un-sinn, eine Verirrung, ein endloses Leiden, die Erfindung eines Un-Gottes, dessen Bösartigkeit über unseren Verstand geht.“  In ihrer autobiographischen Erzählung „Die Analphabetin“ erzählt Agota Kristof davon, wie sich in der Nacht Sätze bilden, „sie umkreisen sich, flüstern, bekommen einen Rhythmus, Reime, sie singen, sie werden Gedicht.“ Doch ihren Romanen hat sie alles Lyrische ausgetrieben. Ihre Geschichten sind von allen Schnörkeln befreit, beschränken sich auf das Wesentliche und verhandeln existenzielle Fragen. Es sind jene schonungslos-präzisen Erforschungen des (Un)Menschen, die Agota Kristof zu einer der unverwechselbarsten und wichtigsten Stimmen der europäischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts machten.

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