Bücherschau

Denis Johnson - Reporter der Hölle

Robert Leiner über den großen amerikanischen Schriftsteller Denis Johnson

Den amerikanischen Schriftsteller Denis Johnson kann man als so etwas wie den Reporter der Hölle titulieren. Denn offenbar hat er eine Korrespondentenstelle für ungewöhnliche Orte, an denen es brennt. Viele seiner Bücher spielen dort, wo der Interventionshumanismus seine unmenschliche Kehrseite zeigt. Dorthin, wo sonst eher alle weg wollen, ist er auch immer wieder im Auftrag von amerikanischen Magazinen (unter anderen für „The Paris Review“ und den „New Yorker“) in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt unterwegs.
All seine Bücher zusammen bilden wohl einen der schwärzesten Kontinente der Literatur. Die Protagonisten dieser gleichsam in eine Art Schwefellicht getauchten Romane sind stets unerlöste Gottsucher, die das allzu amerikanische Sendungsbewusstsein auf eine dämonische und zudem selbstzerstörerische Weise verkörpern. Der Gott aber, der sich ihnen zumeist offenbart, ist eher nur ein Dealer.
Geboren wurde er am 1. Juli 1949  als Sohn eines in Deutschland stationierten amerikanischen Offiziers und dessen Frau in München. Seine Kindheit verbrachte mitunter in einem Vorort von Tokio, auf den Philippinen und in Washington, D.C. Im Alter von 14, damals in Manila lebend, machte Johnson erste Erfahrungen mit Drogen. 1969, mit zwanzig, war er an der Universität Iowa eingeschrieben und belegte einen Kurs für kreatives Schreiben bei dem zu jener Zeit völlig unbekannten Raymond Carver, einen ebenfalls hoffnungslosen Trinker. Seine erste Alkohol-Entziehungskur begann er mit 21 Jahren in einer psychiatrischen Klinik. Als er entlassen wurde, trank er weiter und nahm Drogen („Heroin, Gras und alles an Pillen, was mir in die Finger kam“). Acht Jahre lang lebte er als herumziehender Junkie mehr oder weniger auf der Straße.
1978 unternahm er den ernsthaften Versuch, clean zu werden. In diese Zeit fällt ein spirituelles Erlebnis, eine Epiphanie. Stark habe er die Gegenwart Gottes empfunden, so Johnson, doch niemand weiß besser als er, dass auf dem Weg zurück zur Erde schon manchem Drogengehirn der Herr erschienen ist. Johnson hütet sich deshalb davor, die Offenbarung, die er erlebt hat, in Verbindung mit den konkreten Heilsbotschaften irgendeiner Kirche oder Sekte zu bringen. „Bestimmt gibt es viele Christen, die glauben, dass ich zur Hölle fahre, wenn ich sterbe“, meinte er. Gleichwohl beziehen sich alle seine Texte, die bevölkert sind von Engeln und wiederauferstandenen Toten, Heiligen und Sündern, in der einen oder anderen Weise auf die Bibel. Die Geschichtensammlung „Jesus‘ Son“ nährt sich aus den Erinnerungen an diese Zeit. In einem Interview meinte er dazu, dass er Angst gehabt habe, nicht mehr schreiben zu können, wenn er einen langweiligen und nüchternen Lebensstil gepflegt hätte. Heute lebt Johnson mit seiner dritten Frau Cindy Lee im nördlichen Idaho. Er hat drei Kinder.

Nach drei Gedichtbänden (der erste erschien, als Johnson 20 Jahre alt war) veröffentlichte er 1983 seinen ersten Roman „Angels“, der ihm die Bewunderung und Protektion von Don DeLillo eintrug. „Engel“ ist mittlerweile schon ein Klassiker der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Es ist ein beeindruckendes Roadmovie, literarisch zwischen Pathos und Groteske, Erkenntnisthriller und Schauerroman angesiedelt.
Jamie sitzt in einem Greyhound-Bus und zündet sich eine Zigarette an (das war wohl in den 80er Jahren noch möglich). Jamie hat ihren untreuen Mann verlassen und ist mit ihren beiden kleinen Kindern zu Verwandten in Pittsburgh unterwegs. Doch mit dem Pathos vom Neuanfang ist es schon auf Seite zwei vorbei, wenn sie das Gefühl heimsucht, "dass sie so schnell von ihrem neuen Leben verschluckt wurde, ja dass es sie womöglich blitzartig verdauen und am anderen Ende in Gestalt einer alten Frau wieder ausspucken würde". Jamie, eine erschöpfte junge Frau, mit zwei quengelnden kleinen Kindern, gereizt, überfordert, hilflos – trifft im Greyhound - Bus den charmanten Ganoven Bill Houston. Die beiden beschließen spontan ihre Reise für eine kurze Kneipentour zu unterbrechen, die dann doch viel länger dauert als geplant.
Die Verbindung zwischen den beiden ist hochexplosiv – ein gemeinsamer Absturz, der von Johnson in kraftvoller, bildgewaltiger Sprache beschrieben wird. Für Jamie und Bill gibt es kein Entkommen aus dem Gefängnis dieser Welt, aber in ihrem Innersten sind sie ungebrochen – Engel eben. Sie haben kein Geld mehr, Bill droht nach einem missglückten Überfall die Todesstrafe – doch Jamie ist getröstet: Inmitten der Hoffnungslosigkeit hat sie die große Liebe gefunden.
Johnson erzählt diese Geschichte in einer Sprache, die trotz ihrer Knappheit den Figuren durchaus eine "philosophische Tiefendimension" verschafft und in der gewählten Erzählperspektive aus deren drogeninduzierter Weltsicht immer aus der Sicht der gerade handelnden Person erzählt.
Sein zweiter Roman „Fiskadoro“ (1985) spielt zwei Generationen nach dem atomaren Endschlag auf den Florida Keys, wo die letzten Reste der Zivilisation dahinvegetieren, deren Gedächtnis von der Bombe "gelöscht" wurde. Am Leben erhalten werden sie von Menschen wie Mr. Cheung, der in einem Lesekreis, in dem die Zeugnisse der untergegangenen Welt mit "hilflosem Eifer" besprochen werden, versucht, die Erinnerung an das Leben vor der Katastrophe wach zu halten.
Daneben sind neue primitive Gesellschaften entstanden, etwa die der Sumpfleute, die der Israeliten oder die der Fischer. Zu diesen gehört auch der Junge Fiskadoro. Er kann mehrere Stationen in diesem gleich zweimal atomar angegriffenen Katastrophengebiet, über dem eine Quarantäne verhängt wurde, durchlaufen, die es dem Autor erlaubt, die verschiedenen Gesellschaften wie "Pilzkulturen im Labor" zu schildern. Ein bizarrer Roman voll schwarzem Humor über den Zustand der Menschheit nach dem Ende der Menschheit.
1992 erschien der Kurzgeschichtenband „Jesus' Son“ (1999 filmisch adaptiert). Es sind elf Geschichten. In der Story „Notaufnahme” etwa taumelt „Fuckhead” bei Einbruch der Dunkelheit durch eine verschneite Landschaft, in der er plötzlich einen Soldatenfriedhof zu erkennen meint. Dahinter scheint der Himmel aufzureißen, Engel steigen auf die Erde hinab – dann klärt sich der Blick: Die Grabsteine sind Lautsprecher eines Autokinos, das überlebensgroße Bilder von Stars über die Leinwand gleiten lässt. In „Arbeit” schwebt eine schöne, rothaarige Frau, die an einen großen Drachen geschnallt ist, nackt über einen Fluss. Wenig später begegnet „Fuckhead” ihr wieder – aber ist es wirklich dieselbe Frau, und war die Szene zuvor vielleicht nur eine Halluzination? Eine Auflösung des rätselhaften Geschehens bleibt aus. Wie in manchen Träumen sind Schrecken und Wunder identisch geworden. Diese Geschichten über einen mitleidslosen Junkie zeigen direkt und ungeschönt die "psychedelische" Welt eines Süchtigen. Dem traditionell realistischen Genre der Shortstory schenkt er etwa in den Schilderungen der Halluzinationen des Helden außerordentlich Beispiele von "enormer Intensität".
„Already Dead", der 1996 herausgekommenen „California Gothic"-Roman (1996; „Schon tot“) ist die Geschichte um einen Marihuanafarmer, der während des Golfkriegs einen Selbstmörder zum Mord an seiner Frau überredet. Der alkoholabhängige Farmer und der nietzscheanisch auf seinen Messias hoffende Selbstmörder sind so etwas wie das typische Doppelgängerpaar des romantischen Schauerromans. Schon durch Namensgebungen wie "Frankenstein" und die eindringliche Beschreibung der trockenen und düsteren Landschaft Nordkaliforniens zeigt der Autor sich dieser Tradition verpflichtet. Durch die Einblendungen "medial aufgeladener Einsprengsel" aus Golfkrieg und Politik werde der Roman zu "einem panoramaartigen Bericht aus der Zwischenzeit der frühen 90er Jahre".
Im Sommer 1990 taucht in Mendocino (einer einsamen nordkalifornischen Küstenregion, wo viele Aussteiger, Schamanen und Paranoiker leben) aus dem dichten Nebel der Exmatrose Van Nees auf, der einen Platz sucht, um seinem ziellosen Dasein ein Ende zu setzen. Doch ein Marihuanafarmer fischt den Lebensmüden heraus und schlägt ihm einen Deal vor: Van Nees räumt seine Frau aus dem Weg; als Lohn winken 10.000 Dollar und der elektrische Stuhl. Aber Van Nees, der „schon Tote“ durchkreuzt den Plan.
In „The Name of the World“ (2000; „Der Name der Welt“) lernt Mike Reed, Assistenzprofessor an einer Universität, auf einer Party eine beschwipste, hübsche, rothaarige Kunststudentin in ihrem blauen Samtkleid kennen. Er nimmt sie kaum wahr. Vier Jahre zuvor hat er Frau und Tochter bei einem Unfall verloren und er fühlt sich nach wie vor in einem „Tunnel seiner Trauer“ gefangen. Doch einige Zeit später kreuzt die Rothaarige als Stripteasetänzerin, Performancekünstlerin und Kirchensängerin wieder seinen Weg. Und Schritt für Schritt erkundet er Möglichkeiten der Flucht und des Neuanfangs.
Ein Jahr später sammelte er seine berühmten Reportagen unter dem Titel „Seek. Reports from the Edges of America and Beyond“. Auf Deutsch erschienen drei Reportagen daraus 2006 unter dem Titel „In der Hölle. Blicke in den Abgrund der Welt“ im Tropen Verlag. Es sind Berichte im Auftrag des „New Yorker“ aus Liberia während des Bürgerkriegs und Somalia, als die letzten UN-Truppen das Land verließen (in der Originalausgabe auch Berichte aus dem Irak während der Operation Desert Storm. Im amerikanischen Magazinjournalismus ist es gute Tradition, Schriftsteller in die Welt zu schicken und sich überraschen zu lassen, was dabei herauskommt. In gewisser Weise wird sogar erwartet, dass der Autor die Grenzen des Journalismus überschreitet und eine Geschichte liefert, nicht nur einen Artikel.
In Johnsons erschütternden Berichten, die eher Erzählungen genannt werden können, herrscht vor allem der Tod, der Müll und das Recht des Stärkeren. Johnson erkundet darin einen vergessen und verlorenen Kontinent und zugleich die menschlichen Abgründe. Unaffektiert, schockierend klar und hart recherchiert präsentiert uns der Wirklichkeitsfanatiker Denis Johnson die Kehrseite der Zivilisation.
Am Ende seiner ersten Liberiareise fragte Johnson: „Wo liegt Liberia? Kümmert es da draußen irgendwen?“. Bei seiner zweiten Reise erfuhr er am eigenen Leib, dass jeder, der glaubt, mit den dortigen Verhältnissen nichts zu tun zu haben, schon in der Falle sitzt. Die Gleichgültigkeit „da draußen“ hat die Verbrechen erst möglich gemacht.
Die Meisternovelle „Train Dreams“ (2003) erzählt die Geschichte des Tagelöhners Robert Grainier, der irgendwann im Jahr 1866 geboren wurde, entweder in Utah oder in Kanada, und der nie erfuhr, wer seine Eltern waren. Er war in seinem Leben niemals betrunken, hat nie eine Waffe besessen und hat kein einziges Mal in einen Telefonhörer gesprochen. Er ist mit zahllosen Zügen gefahren, saß in vielen Automobilen und ist einmal, 1927, sogar in einem Flugzeug gereist. Dabei hat er sich in den über 80 Jahren seines Lebens bis auf wenige Meilen dem Pazifik genähert. Gesehen hat er den Ozean nie.
Es ist das unauffällige, aber tragische Leben des Robert Grainier, der selbst keine nennenswerte Spuren hinterlassen hat und umso mehr vom Leben gezeichnet wurde. Ein schreckliches Ereignis steht im Zentrum dieser Existenz: ein Feuersturm raubt ihm 1920 Haus, Weib und Kind. Auf schauerliche Art hat er seine Familienmitglieder dann noch einmal wiedergesehen. Seine Frau Gladys erscheint ihm als "untröstliche Muttergestalt aus dem Jenseits", und seine Tochter Kate findet er eines Nachts schwer verletzt vor seiner Tür, als "Wolfsmädchen, über das man sich im Tal abergläubische Geschichten erzählt". Die poetische Novelle zeigt auf der Grundierung einer Revue amerikanischer Mythen und Traumbilder, wie die Welt eines von den Gegebenheiten und nicht zuletzt von der Entwicklung der Technik Überwältigten komplett aus den Fugen gerät.
Für seinen großen und knapp 900 Seiten starken Vietnam-Kriegsroman „Tree of Smoke“ (2007; „Ein gerader Rauch“) erhielt Johnson den National Book Award. Hier rückt er den Krieg einerseits in ein mythisch überhöhtes Licht, andererseits, so paradox das klingen mag, gelingt ihm eine höchst präzise Darstellung von Richtungslosigkeit. Er erzählt von Skip Sands, einem CIA-Spion in der Ausbildung für psychologische Kriegsführung in Vietnam, und den Katastrophen, die über ihn hereinbrechen. Und auch von seinem Onkel, einem undurchsichtigen Geheimdienstler, sowie den haltlosen Houston-Brüdern Bill und James, die es als junge Soldaten aus der Wüste Arizonas an Orte tiefster Desillusionierungen verschlägt - der eine endet als krimineller Säufer in der Heimat, der andere wütet als brutale "Kampfmaschine" im Dschungel, um am Ende elend zugrunde zu gehen. Und nicht zuletzt von Kathy Jones, einer Krankenschwester, die nach dem Tod ihres Mannes, eines Missionars auf den Philippinen, eine Affäre mit Skip Sands hat und bis ans Ende ihren Glauben nicht verliert.
Einer seiner Protagonisten arbeitet übrigens für eine Abteilung, die zuständig ist für Desinformation. Und so kommt es zu geradezu komischen Dialogen: "Ich dachte, das ist eine Aufklärungseinheit." "Ist es nicht. Wir wissen auch nicht, was das ist."
Denis Johnson gelang mit seinem Opus magnum (der Roman hat knapp 900 Seiten) ein großes, bewegendes, sprachgewaltiges Epos über menschliche Getrieben- und Verlorenheit, den Wahnsinn des Krieges, der Verzweiflung und Einsamkeit, durchaus durchsetzt von Humor. Ein großer Kriegs- und Familienroman, in dem die Konflikte verschiedener Familien die großen Konflikte der Zeitgeschichte widerspiegeln, über die "vergeblichen Versuche der Menschen, einander und die Welt zu verstehen".
Eines seiner humorvollsten Werke legt Johnson 2009 mit „Nobody Move“ („Keine Bewegung!“) vor. Es ist ein Thriller um den sympathischen Friseur und Hawaiihemdträger Jimmy Luntz aus Alhambra, Kalifornien, der sich mit einer schönen Barbekanntschaft aufmacht, 2,3 Millionen Dollar zu ergaunern. Wie es das beliebte Genre aber will, sehen das einige Leute gar nicht gern. Skrupellose Leute mit großkalibrigen Waffen etwa. Die Geschichte ist als Serie für die Zeitschrift "Playboy" entstanden. Und natürlich müssen da, wie es die Gesetze der Pulp Fiction (und darum handelt es sich hier) verlangen, irgendwann auch Blut und Hirnmasse spritzen. Das alles präsentiert Denis Johnson aber eben cool und abgeklärt und mit sehr viel Humor. Philip Roth hielt das Buch treffend für einen „großen, finsteren, ernsten Spaß“.
Auch sein bislang letzter Roman „The Laughing Monsters“ (2014), der nun in deutscher Übersetzung erschien („Die lachenden Ungeheuer“) ist einem Genre geschuldet, das literarisch im deutschen Sprachraum nicht so hoch angesehen ist: des Abenteuer- und Spionageromans.
Roland Nair, der Ich-Erzähler der "Lachenden Ungeheuer", den Johnson nach Afrika entsendet, sucht ebenso nach Erlösung, vordergründig nach einer höchst irdischen, der Erlösung von seiner langweiligen Existenz. "Ich bin zurückgekommen, weil ich das Chaos liebe. Anarchie. Irrsinn. Allgemeinen Zerfall", sagt er zu Beginn. So langweilig allerdings ist seine Existenz gar nicht. Offiziell gehört er den dänischen Streitkräften an. Faktisch arbeitet er in geheimer Mission für die Nato, doch "Geheimagent", so Nair: "Das sagt heute keiner mehr." Er soll Michael Adriko ausfindig machen, einen Kameraden aus alten Tagen in Afghanistan, der sich abgesetzt hat und sein eigenes Ding durchzieht. Michael hat keine Lust mehr auf den Job als "Auftragsrambo", der aus ihm geworden ist: "Ein Gorilla, ein Bauer, ein Rädchen in einem Roboter, der auf Lügen programmiert ist."
Für Nair ist Adriko ein "Hexenmeister, der im Kessel rührt", um den Zaubertrank eines anderen, abenteuerlicheren Lebens zu brauen. Die nötigen Zutaten hat er bereits. Denn wie Nair treibt auch sein Freund ein doppeltes Spiel. Er versucht, hochangereichertes Uran aus demontierten russischen Sprengköpfen an den Mossad zu verkaufen – das Ganze ist allerdings ein Fake, genauso wie die Proben, die angeblich aus einem abgestürzten Flugzeug stammen.
Die Geschichte wendet sich so oft, dass offen bleiben muss, wer am Ende wen betrügt. Wo sowieso jeder jeden betrügt, ist die einzige richtige Seite nur die eigene. Aus dem doppelten Spiel wird zwischenzeitlich ein dreifaches, als die Freunde von den eigenen Leuten, die mittlerweile auch Nair auf dem Schirm haben, gefangen genommen und in ein Guantanamo-artiges Lager verschleppt werden. Doch auch hier scheint etwas zu gehen, ein Millionen-Deal, bei dem Nair in der Rolle eines Interessenten auftritt und als Strohmann mitbietet um das Uran. Tatsächlich lässt Nair sich nur zum Schein anheuern – seinen Rückzug hat er vorsorglich abgesichert durch hochsensibles Datenmaterial, das er an den Meistbietenden verkauft, GPS-Koordinaten, Karten vom Glasfaserkabelnetz der US-Army. Aber was ist mit Michael? Unter welchen Vorzeichen wurde er, früher als Nair, wieder freigelassen? Ist ihm zu trauen?
Die unsichere Loyalität seiner beiden dunkel bestrahlten Helden zeigt Denis Johnson als ein Spiegelbild dessen, was Militärexperten als "fourth generation warfare" bezeichnen. Gemeint ist die trübe Lage globaler Hinterhofkriege mit ihren dubiosen Allianzen und undurchsichtigen Freund-Feind-Bewegungen. "Seit Nine Eleven hat sich die Jagd auf Mythen und Märchen zu einem ernsthaften Geschäft entwickelt. Einer Industrie", heißt es einmal. Afrika ist nicht nur der reale Schauplatz, wohin der Westen seine Konflikte ausgelagert hat, er ist im Roman auch ein Emblem für die Phantasmen, die diese Konflikte antreiben. Immer wieder wird es im Buch als Heimat der Mythen und Legenden heraufbeschworen.
Wie so oft jongliert Denis Johnson mit Genre-Versatzstücken, diesmal solchen des Spionage- und Abenteuerromans. Da gibt es die billigen Absteigen, in denen das Strandgut der westlichen Welt angespült wird, Glücksritter wie Nair, ein etwas verkommener, zynisch-melancholischer Haudegen mit einer Schwäche für Prostituierte. Und natürlich fehlt auch nicht die geheimnisvolle Schöne, der Nair genauso verfallen ist wie dem Alkohol, der hier aus kleinen Plastikbeuteln gesaugt wird. Eine großartige, bitterkomische Parodie auf den Agententhriller in Zeiten von Fake News.






 

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