Bücherschau

Was kann Lyrik?

Thomas Ballhausen - Eine Wiederholung

Mit den folgenden Zeilen und Ausführungen komme ich – einen hoffentlich lohnenden, auf jeden Fall etwas eigenwilligen, im Titel angekündigten Weg – auf mich selbst und meine Gedanken zur Lyrik zurück. Das Angekündigte (z.B. des Ansatzes, des Angestrebten usw.), dem ich in einem kleinen ersten Text beizukommen anstrebte, liegt gewinnbringend hinter uns. Es ist also das depuis der Vergangenheit, das ich in all seinen Bedeutungen nutze, um mit mir selbst ins Gespräch zu kommen, um auf mich zu antworten: das depuis als seitdem, als ein von hieran, aber auch als eine Form der Gerichtetheit, ein von mir aus, von mir ausgehend, ein von mir an mich (und, so ist zu hoffen, auch darüber hinaus). Der Sprung im Register gestattet und verlangt einen einleitenden (traditionellerweise vielleicht auch: anrufenden?) Hinweis auf die Lebensnotwendigkeit der Literatur, auf die politische Lesbarkeit im Verhältnis zur Sprache, auf die befreiende Pluralität des Lyrischen, auf den produktiven Brückenschlag zum Theoriediskurs. Ich will also mehr, wenn hier – nicht zuletzt aufgrund einer aktuellen Veröffentlichung, die mich auf freundliche Weise dazu gebracht hat – wieder anknüpfe.
Was kann Lyrik – eine Frage, die angesetzt wurde, um sie für die gegenwärtigen Zustände (und mitunter wohl auch: Zumutungen) des literarischen Feldes zu beantworten. Eine Frage, auf die angesichts der Sonderstellung der Lyrik innerhalb der literarischen Gattungen aber, das muss ergänzt werden, nur in einer Form von Vorläufigkeit und Augenblicksgebundenheit reagiert werden kann. Im Versuch der  Beantwortung soll und muss das (vermeintlich) Unmögliche gemacht werden, nämlich der Lyrik gemeinschaftlich, im fortdauernden Austausch und über Interessenslagen hinweg, das Wort geredet werden. Die Lyrik muss und soll, so die Geschichtsschreibung, uns als Ursprungsform alles Literarischen gelten, als eine Gattung, in die andere förmlich eingeschlagen sind, sich aus ihr im historischen, also kurvenreichen Verlauf, herausentfaltet haben. Das eigenständige Wissen der Kunst als transversale Ergänzung gegen das Wissen der Wissenschaft freundlich ausspielend, erlaube ich mir (erneut) den Titel der Veranstaltung zu zerlegen, die lyra zu drehen und zu wenden. Also: Was. Kann. Lyrik. Das Einräumen einer Sonderstellung der Lyrik in all ihren Ausformungen öffnet die Felder, über die wir auch weiterhin ins Gespräch kommen, auf die Optionen und Wirkungsweisen des Gedichteten zu sprechen kommen sollen. Hier greift nun das encore, das noch, das noch einmal, das immer und immer wieder, das Insistieren, das Erneute.
Aus dem Kontext eines umfassenderen Literaturbegriffs heraus erweisen sich die Zuschreibungen an die Lyrik nicht selten als retardierende Momente, als Gemeinplätze und Geleier, das dem Verhandelten nicht gerecht wird: Begrifflichkeiten des Schwierigen, des Ungelesenen und – was in unseren auf Vernutzung ausgerichteten Zeiten besonders schwerwiegend wirksam wird – des angeblich Unverkäuflichen. Die partielle Richtigkeit dieser Punkte soll hier nicht bestritten, aber doch um andere, nicht weniger wesentliche Aspekte ergänzt werden. So soll das Können von Lyrik auch unter dem Gesichtspunkt eines gültigen Spannungsverhältnisses aus textlichen, gattungsspezifischen Qualitäten und einer marktlogisch marginalisierend angesetzten Wirkungslosigkeit gedacht werden. Das Was der Lyrik wiederum kann beispielsweise auch unter dem mitunter sehr kühlen Hinwegloben zur Königsdisziplin gedacht werden, die das Verhandelte in einen Raum des Ausweichens verschiebt. Wo aber bleibt bei all dem etwa die Frage nach der Notwendigkeit von Lyrik, das versöhnliche by heart? Ohne in billige Romantik (oder besser: was darunter auch firmiert und missverstanden wird) abzugleiten, sollen Qualitäten zum Vorschein gebracht werden: die Gabe der Verdichtung, ohne der Komplexität des Dargestellten völlig verlustig zu gehen, die Umstrukturierung des vermeintlich Vertrauten, das Aufbrechen der oftmals viel zu schnell akzeptierten Gegebenheiten oder das Spiel mit dem mehrdeutigen Kriterium der Kürze. Für neueste Entwicklungen kann exemplarisch das Aufgreifen neuer medialer Wirklichkeiten stehen – wenngleich es ja nicht immer gleich slam oder die Metamoderne der new sincerity sein muss.
Diesen zutiefst gegenwärtigen Wirkungsweisen kann eine Einrechnung historischer Tiefendimensionen, erinnernd und eben nicht einmahnend, auch im Sinne des erhofften Austauschs nur zuträglich sein: Gehen wir etwa vom Maß der Verse und Strophen aus, um zu einem gültigen Bestimmungskriterium für Lyrik zu kommen, müssen wir diesem Gedanken wohl das aristotelische Argument einer Darstellung des Thematisierten entgegenhalten. Es ist der Modus, der sich als entscheidend erweist, der den Unterschied macht und, unter Einrechnung des sogenannten Wirklichen, auf das Mögliche abzielt. Um sich von faktualen Lesweisen aber deutlich anzugrenzen, bleibt der Vers aber doch bis ins 18. Jahrhundert hinein als Signum von Poetizität, nicht zuletzt wegen der ästhetischen Fundierung der Lyrik im Lied, bestehen. Der Brückenschlag zu den lyrics unserer Tage ist hier, achtet man etwa auf die Personalunion von Dichtenden und Singenden, durchaus angebracht. (By the way: Warum also nicht John Donne als unseren Zeitgenossen akzeptieren und Thom Yorke als Post-Elisabethaner rezipieren?) Die Zäsur des 18. Jahrhunderts bringt mit der weitgehenden Emanzipation bzw. Professionalisierung des Kritikerstandes und der diskursiven Aufwertung der entsprechenden Werke auch den Auftakt zu einer verstärkten Theoretisierung der Lyrik als Gattung. Neben dem Standpunkt der Form, der gewählt wird, eben um den Debatten um die Dichtenden auszukommen, ist doch die Beschäftigung mit der Subjekttheorie unumgänglich. Die zentrale Frage lässt sich an diesem Punkt also auch zu Was können die Lyriker erweitern. Der sich ab spätestens Mitte des lange währenden, wirksamen 19. Jahrhunderts vollziehende Bruch mit dem romantischen Gestus einer Verwicklung von schreibendem Subjekt und beschriebenen Objekt wirkt hier weiter fort – zeitigt aber, so der retrospektive Lektüreeindruck regalfüllender Forschungsliteratur, auch den unausgesetzten Versuch, Grundmuster oder auch Funktionsweisen der Lyrik nicht nur zu analysieren, sondern festzuschreiben.
An diesem Punkt wird eine Parallelbewegung wirksam, die sich als das Aufbrechen normativer Poetiken und die Etablierung eines modernen Literatursystems manifestiert. Auch durch das produktive, zu befürwortende Eingreifen der Literaten auf dem Level von Theorie werden durch die weitgehende Etablierung der Prosa der Lyrik neue Wege und Felder zugewiesen, Versuche einer neuen Fassbarkeit des heterogenen Charakters, der sprachlichen Ausnahmenatur und der ästhetischen Referenzialität dieser Gattung unternommen. Das eingelagerte, produktive und auch immer noch aktuelle Spannungsverhältnis zwischen den Gattungen Prosa und Lyrik provoziert bis in unsere Gegenwart hinein Hybridformen, Experimente und nicht zuletzt das wiederholte Abstreifen metrischer Korsette. (Und depuis und encore lassen uns an dieser Stelle fast schon von einem erbrachten Beweis sprechen: Das Korsett bleibt gelockert, es ist in einem permanenten Prozess des Abstreifens befindlich). Die Lyrik gewinnt in gewisser Weise ihre Nacktheit zurück, die ihre Aktualität und die Bandbreite ihres Könnens herausstreicht. Die lyrische Lesbarkeit der Welt, die, einem Gedanken von Paul Chan zufolge, mehr auf Rhythmisierung denn auf narrative Kohärenz setzt, ja, setzen muss, verleitet zur provokanten, nicht weniger notwendigen Frage, der es auch weit über die Veranstaltung hinaus nachzugehen gilt (wird damit depuis doch auch über den darin eigelagerten Titel hinausgegangen): Was kann Lyrik nicht? Im besten Sinne also: encore et encore.


Literaturhinweise
Thomas Ballhausen: Was kann Lyrik? In: Programmzeitung Kulturzentrum bei den Minoriten 05/06 (o.Jg.) 2015, 5-6.
Thomas Ballhausen: Mit verstellter Stimme. Ein poem murder mystery aus früheren Tagen. Horn: Verlag Berger 2017 (=Neue Lyrik aus Österreich 17).
Paul Chan: Selected Writings 2000 – 2014. o.O.: Laurenz-Stiftung/Badlands Unlimited 2014.
Poetry in Theory. Edited by Jon Cook. Oxford: Blackwell Publishing 2004.
Handbuch Gattungstheorie. Herausgegeben von Rüdiger Zymner. Stuttgart: J.B. Metzler 2010.

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