Bücherschau

Kriminelle Energien

Georg Pichler über spezifische Merkmale und Tendenzen des österreichischen Krimis

Die österreichische Krimiliteratur ist äußerst bunt und abwechslungsreich – und erfolgreich. Bunt und abwechslungsreich, obwohl Kriminalromane grundsätzlich nach relativ einfachen Modellen gebaut sind. Doch die einfachen Strukturen des Genres (ein Verbrechen und deren Verfolgung und Aufklärung durch die Polizei, einen Detektiv oder eine Privatperson) können durch phantasievolle Täter-Opfer-Konstellationen, den dargestellten diversen kriminellen Energien, deren psychologische Entwicklungen und der Milieuschilderungen mittels entsprechender Sprache dann doch so manchen trivialen Krimi zu einem literarischen Ereignis werden lassen. Der Erfolg zeigt sich gegenwärtig nicht nur auf den Bestsellerlisten und in steigenden Verkaufszahlen von (auch österreichischen) Krimis, sondern auch in der zunehmenden Verwendung von Krimis als literarische Vorlagen von Filmen bzw. von TV-Serien.
Über den Kriminalroman in Österreich meinte Franz Schuh einmal: „Krimis sind eine Großstadtgattung – außer sie spielen auf dem Land. Entweder brauche das Verbrechen Beton-Anonymität oder Dorftratsch“. Und das sind natürlich die zwei Hauptstränge der österreichischen Krimiliteratur: Der in vielerlei Facetten launige wienerische Krimi und der gleichsam unendlich variantenreiche Land- bzw. Regionalkrimi. Jedes Bundesland, ja beinahe jeder Bezirk in Österreich wurde mittlerweile zum Schauplatz eines Kriminalromans auserkoren. Auch historische Krimis, angesiedelt etwa in der K.u.K-Zeit oder in den Kriegszeiten des 20. Jahrhunderts erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.
In den letzten Jahrzehnten war der österreichische Krimi geprägt von den großen Erfolgen etwa der Polt-Romane von Alfred Komarek, von den Mira-Valensky-Krimis von Eva Rossmann, Edith Kneifls psychologischen Ermittlungen, den ausgeklügelten Romanen um die Wiener Privatermittlerin Carlotta Fiore von Theresa Prammer, den Krimis von Christine Grän, Georg Haderer, Ernst Hinterberger, Andreas Pittler, Manfred Rebhandl, Heinrich Steinfest, Manfred Wieninger, um nur einige zu nennen.
Parallel dazu erreichten die sprachanarchistischen und naturgemäß stets mit einem ordentlichen Quantum urösterreichischen Humors versehenen Werke von Wolf Haas (der nach seinem letzten Brenner-Roman nun keine Krimis mehr schreiben möchte), die Metzger-Romane von Thomas Raab oder die Lemming-Romane von Stefan Slupetzky große Popularität.
Wurden österreichische Krimis bislang überwiegend in Österreich gelesen, so können in letzter Zeit Andreas Gruber mit seinen harten Fantasy- und Horror-Krimis, Marc Elsberg mit seinen wissenschaftlichen Thrillern („Blackout“ beispielsweise wurde allein im deutschsprachigen Raum über eine Million mal verkauft) oder die ersten beiden Thriller der „Totenfrau“-Trilogie von Bernhard Aichner außergewöhnliche internationale Erfolge vorweisen. Aichners Verlag geht übrigens davon aus, dass nach dem Boom der skandinavischen, also vor allem der schwedischen Krimis nun wohl ein Boom der österreichischen Krimis folgen werde. Nun, KrimileserInnen lassen sich auf jeden Fall gern überraschen.

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