Bücherschau

Freundlich, Elisabeth - Die Ermordung einer Stadt namens Stanislau

NS-Vernichtungspolitik in Polen 1939-1945

Vor 75 Jahren, am 6. und 12. Oktober 1941, begann noch vor der „Wannsee-Konferenz“ in Nadwórna und Stanislau in Polen die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ im „Generalgouvernement“.
In Elisabeth Freundlichs Buch sind die Stimmen der Überlebenden zu hören, ihre Zeugenaussagen, aber auch die Sprache der Mörder ist in Berichten von den Dienststellen, in Zitaten aus Reden und Anweisungen des Sicherheitsdienstes zu vernehmen. Von Anfang an wird man als Leser gezwungen, sich in das, was da gesagt wird, hineinzuhören – neben dem Interesse für die Fakten. Sie kreist den Massenmord am jüdischen Friedhof von Stanislau, dieses von den deutschen Besatzern verübte und geheimgehaltene Verbrechen Schritt für Schritt ein. Und obwohl die Aussagen vor Gerichten gemacht wurde, also auf das beobachtete Faktische bezogen sind, spiegeln sie stark die Ängste, Ungewissheiten, das Erschrecken und die trügerischen Hoffnungen der Zeuginnen und Zeugen wider.
Liest man den kurzen Bericht vom Stanislau-Verfahren vor dem Wiener Volksgericht und dem Prozess gegen die Brüder Mauer vor den Geschworenen (1966), LG Wien 31 Vr 5876/56, kann man nur erahnen, mit welcher Fassungslosigkeit Anti-Nazis, Überlebende der Shoah, Menschen mit Gerechtigkeitssinn sich 21 Jahre nach der Befreiung Österreichs durch die Alliierten auf den österreichischen Justizapparat, bzw. mehr noch auf Salzburger Geschworenen geschaut haben müssen. Der Prozess gegen die österreichischen Mörder von Stanislau war schon einmal 1957 eingestellt worden, er 1962 wurde er wieder aufgenommen. Freundlich war erschüttert über die Gleichgültigkeit der Mehrheit der Deutschen und Österreicher über die NS-Prozesse. Deshalb war es für sie wichtig, weitere, ihre Darstellung ergänzende Einzelstudien und Gesamtdarstellungen zu zitieren. So ist dieses Buch tatsächlich zu einem „Textbuch der Unmenschlichkeit“ geworden.
Elisabeth Freundlichs Buch erschien erstmals schon vor 30 Jahren. Im selben Jahr 1986 wurde, Ironie der Geschichte, der Gestapo-Mann Hans Krüger, der Hauptverantwortliche dieser Massenmorde, aus der deutschen Haft entlassen. 15 Jahre nach dem Tod der Wiener Autorin hat nun der Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, mit Paul Rosdy als Herausgeber, für diese wichtige, erweiterte Neuausgabe gesorgt.
Robert Leiner

Freundlich, Elisabeth - Die Ermordung einer Stadt namens Stanislau
NS-Vernichtungspolitik in Polen 1939-1945. Wien: Theodor Kramer Gesellschaft 2016. 316 S. : Ill. - br. : € 24,00 (GE)
ISBN 978-3-901602-66-5

 

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