Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Christine Nöstlinger - Kinder haben jegliches Recht zu lügen

Karin Berndl über die große Schriftstellerin Christine Nöstlinger

Christine Nöstlinger ist im besten Sinne als abgeklärt zu bezeichnen. Die bekannte und erfolgreichste österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin ist von einer beeindruckenden Gelassenheit und Klarheit mit der entsprechenden Distanz und Nüchternheit gegenüber den Dingen. Diese Distanz ist nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln. Laut Selbstauskunft war sie immer schon eher die Beobachterin als die Akteurin. „Der theoretische Befund, dem ich so der Welt oder manchmal auch meinem Leben gebe, ist meist negativ und pessimistisch, aber trotzdem bin ich eigentlich relativ vergnügt und gelassen. Irgendwo habe ich eine heitere Grundstimmung und einen gewissen Humor, ja, ich tendiere eher zum schwarzen Humor und damit lässt sich es auch um einiges leichter ertragen“, sagt sie in einem Gespräch, das ich im Sommer dieses Jahres mit ihr führen durfte. Nach vierzig arbeitsreichen Jahren als Autorin mit mehr als hundertfünfzig Buchveröffentlichungen ist ihr das auch zuzugestehen. Ihre zahlreichen Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene erreichten Millionenauflagen. Sie hat alle namhaften Kinder- und Jugendbuchpreise erhalten, allen voran den Hans-Christian-Andersen-Preis, den wichtigsten internationalen Kinderbuchpreis, natürlich den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Österreichischen Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien sowie die höchstdotierte Auszeichnung, die es zu erlangen gibt, den Astrid-Lindgren-Gedächtnis-Preis. Zuletzt erhielt sie 2011 den Corinne-Buchpreis für ihr Lebenswerk.

Sie verfasste zahlreiche Drehbücher, Hörspiele und Theaterstücke. Sie arbeitete auch 25 Jahre als Kolumnistin für die Tagespresse und schlug dabei stets den ihr eigenen scharfen, gesellschaftskritischen Ton an, der auf politisches Engagement verwies.

Diese Haltung hat eine Geschichte
Christine Nöstlinger wurde 1936 in Wien geboren und wuchs im „17. Hieb“ auf, in der so genannten Vorstadt, genauer noch in der Geblergasse Nummer 48.
Sie bezeichnet sich selbst als ein „politisiertes Kind“. Ihre Arbeiter-Familie war von tiefer sozialdemokratischer Überzeugung und scheute nicht, ihre Kritik an Hitler laut zu äußern. In ihrer Familie wurde stets sehr offen und kritisch geredet. Bereits 1943, mit gerade mal sieben Jahren, wußte sie, von Konzentrationslagern und den Vergasungen. In „Maikäfer, flieg!“ (1973) und „Zwei Wochen im Mai“ (1981) werden ihre Erinnerungen an die Kriegs- und Nachkriegszeit Eingang finden. Kaum eine Kinder- und Jugendbuchautorin hat sich dies zu dieser Zeit getraut. „Maikäfer, flieg!“ wird unter der Regie der österreichischen Filmemacherin Miriam Unger 2015 realisiert und musikalisch von Gustav begleitet.

Mit „Rosa Riedl, Schutzgespenst“ (1979) entwirft sie wenige Jahre später einen realistischen Kinderroman, der einen Geist zur Hauptperson hat. Rosa Riedl war Haushälterin, bevor sie bei einem tragischen Unfall ums Leben kam. Seither schwirrt sie als „einziges Arbeitergespenst Europas“ durch einen Häuserblock. Rosa starb bei dem Versuch Herrn Fischl, einem jüdischen Bürger, zu Hilfe zu kommen, der von SA-Leuten gezwungen wurde, mit einer Zahnbürste das Signum der Sozialistischen Arbeiterpartei vom Pflaster wegzuputzen. Hundertfünf Jahre später wird sie sozusagen zur selbst ernannten Schutzbefohlenen der kleinen Nasti, die vor allerlei Dingen Angst hat. Ein „anrührend wienerischer Tonfall, der, ohne die Autorin achtbar werden zu lassen, ständig Durchblicke auf eine warmherzige, sachlich distanzierte Menschlichkeit freigibt“, wurde ihr schon 1979 von Wolfdietrich Schnurre in „Die Zeit“ attestiert.

Doch das Querdenkerische und Aufmüpfige in Christine Nöstlingers Persönlichkeit kommt nicht von ungefähr: Das frühe Interesse am Lesen und Literatur wurde durch ihren Großvater geweckt, der sein gesamtes Geld in die Anschaffung von Büchern investierte. Auch eine in Leder gefasste „Bildung“ war in seinem Besitz – auf Raten zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gekauft – so etwas traf man damals eher selten in einem Wiener Arbeiterviertel an. Schon als Kind hat sie Literatur für Erwachsene gelesen. Von Erich Kästners „Emil und die Detektive“ war sie als Volksschülerin begeistert und beim Tod von „Fabian“ im gleichnamigen Roman, der ihr vom Bibliothekar aus seinen privaten Beständen überlassen wurde, musste sie weinen. Damals war sie neun Jahre alt. Kästners Fabian war von Natur aus integer, ein kritischer Beobachter und wachsamer Geist, der gesellschaftliche Veränderungen notierte. Genau in diesem Sinne hat sich auch die Haltung der Autorin entwickelt.
Christine Nöstlingers Mutter war Kindergärtnerin; der Vater Uhrmacher. Sie war laut eigenen Aussagen ein richtiges „Papakind“. So hatte sie auch immer schon mehr für die Vater- und Opa-Figuren in ihren Büchern übrig als für die weiblichen Figuren, die sie erst über die Jahre positiver zu zeichnen lernte.


Mittelmäßiges Talent
Nach der Matura entschied sich Christine Nöstlinger gegen ihren inneren Wunsch Malerin zu werden für das Studium der Gebrauchsgrafik. Sie empfand sich selbst für die bildnerische Kunst als zu mittelmäßiges Talent. Um die Eltern nicht zu enttäuschen, studierte sie trotz mangelnder Überzeugung zu Ende. Auch bei den diversen Vorstellungsgesprächen konnte sie naturgemäß wenig überzeugen. Und so, sagt sie, „hat sie sich selbst ins ‚Leo‘ gestellt und geheiratet und zwei Kinder bekommen“. 1961 heiratete sie Ernst Nöstlinger. Er wird ihr zweiter Ehemann und Lebensmensch.
Erst mit dreißig Jahren beginnt sie zu schreiben. Sie wollte die Fadesse ihres Daseins als zweifache Mutter und Hausfrau mit der Gestaltung eines Bilderbuchs unterbrechen. Sie malte und erfand eine Geschichte dazu. Ihr Mann hatte damals Freunde beim Verlag Jugend und Volk und so „hat sie sich als Kinderbuchautorin versucht“, wie sie sagt. Wäre „Die feuerrote Friederike“ (1970) damals nicht erfolgreich gewesen, „hätte ich wahrscheinlich nie wieder versucht, zu schreiben“, sagt sie in einem der zahlreichen Interviews, die es zu ihr zu finden gibt. Über den Start ihrer Laufbahn als Kinderbuchautorin gibt es unterschiedliche Versionen.
So entstehen Geschichten
In den 1970er Jahren war ihre Art zu schreiben im Bereich der Kinder- und Jugendliteratur jedenfalls revolutionär. Mit „Die feuerrote Friederike“ hat sie die schulische und gesellschaftliche Inklusions-Debatte vorweg genommen. Sie hat darin eine Schule nach ihren Vorstellungen entworfen, in der Andersartigkeit nicht ausgrenzend wirkt, sondern wo jeder Platz findet. Wo Freiheit im Denken und Solidarität die Grundvoraussetzungen für das Zusammenleben sind. „Solidarität existiert faktisch nicht mehr“, sagt sie in unserem Gespräch. „Zuerst haben mein Mann und ich geglaubt, die Veränderung zum Besseren hin kommt schon. Dann brauchte es noch ein bisserl länger. Dann hat mein Mann immer zu mir gesagt, unsere Ideen müssen noch ein wenig überwintern. Es ist inzwischen ein etwas längerer Winter.“
Ihre Skepsis und ihr Pessimismus haben über die Jahre zugenommen. Doch nichts hat sich an ihrer inneren Haltung und Sichtweise auf Welt geändert: Sie ist direkt, ehrlich, unprätentiös und oft auch unangenehm. In Zeiten der politischen Korrektheit und Geschlechtergleichmacherei sind ihre Bücher noch immer herrlich unvorsichtig und widerspenstig.
Die Figuren ihrer Bücher sind nicht selten Außenseiter, widerständisch gegen Anmaßung, Unterdrückung und Ungerechtigkeit.
Auch in „Wir pfeifen auf den Gurkenkönig“ (1972), der nun in 44. Auflage vorliegt und mehr als eine Million Mal verkauft wurde, geht es um den Kampf gegen Unterdrückung und widrige Umstände: Die Familie Hogelmann entdeckt genau zu Ostern auf ihrem Küchentisch eine Art Gurke mit Armen und Beinen und einer Krone auf dem Kopf, die Machtansprüche stellt. Der kleine Fiesling, der von seinem Volk vertrieben wurde, sorgt mit seinen Intrigen und Manipulationsversuchen für jede Menge Turbulenzen. Einzig Vater Hogelmann zeigt Mitleid mit dem verstoßenen König, der dies auszunutzen versucht. Als der „Gurkinger“ dem Vater nämlich Geld in Aussicht stellt, wenn er durch eine Überflutung den Keller seine Untertanen vernichtet, greift die Familie ein und verfrachtet ihn kurzer Hand wieder dorthin, wo er hergekommen ist.

Der Gurkenkönig trägt den bedeutsamen Namen „Kumi-Ori I“, der Christine Nöstlinger und der Geschichte antisemitische Vorwürfe einbrachte. Sie selbst sagt, sie hätte zur Entstehungszeit des Buches Paul Celan gelesen und sei darin auf „kumi / ori“ gestoßen. „Meine Freundin Mira Lobe hat mir die hebräische Bedeutung gesagt und ich habe mir gedacht, dass ‚Erhebe dich‘ und ‚Leuchte‘ zu einem gestürzten König und einem rebellierenden Volk gut passen könnten“, meint sie in unserem Gespräch. Dass sie ein „antisemitisches Machwerk“ geschrieben haben soll, das als solches unentdeckt geblieben ist“, amüsiert und verwundert Christine Nöstlinger heute noch.

Denn auch Paul Celan hat, laut seiner Jugendliebe Ilana Shmueli, damals auch etwas Humorvolles zum Ausdruck bringen wollen: „Es war ein Preisen eines Teils der eigenen Anatomie, die bei seinem Besuch in Jerusalem wieder erwachte.“
„Man muss nicht immer bei Kindern recherchieren. Man muss viel eher die Tür zur eigenen Kindheit offen lassen.“

Öfters wird sie zu ihrem Zugang zu Kindern gefragt. Meist antwortet sie salopp, dass sie selbst zwei hatte und sonst nicht „speziell kinderlieb“ sei. „Das einzige Kind, das ich halbwegs gut zu kennen meine, dabei kann ich mich aber auch irren, ist das Kind, das ich einmal gewesen bin“, sagt Christine Nöstlinger.  Diese Türe zur eigenen Kindheit heißt es stets offen zu halten – jedoch ohne falsche Illusionen. Die hat sie auch den Kindern nie gemacht. Sentimentalität oder Kitsch findet man in Christine Nöstlingers Büchern nicht.
Dafür hat sie wohl mit „Hugo, das Kind in den besten Jahren“ (1983) ein Plädoyer geschrieben. „Ich muss mich nicht dauernd danach richten, was Erwachsene wollen! Ich bin ein freies Kind und weiß selbst am besten, was für mich gut ist“, heißt es darin. Hugo ist ein so genanntes „Altes Kind“. Er wird ein Leben lang kindlich bleiben, sowohl in Aussehen als auch in der hormonellen Entwicklung, und deswegen ständig unter Vormundschaft gestellt sein. Seine Eltern sind geschlechtslose Wesen namens Miesmeier 1 und 2. Doch Hugo gründet eine Gewerkschaft der Kinder und kann sich mit Zeitungspapier ein Flugschiff bauen und durch die Gegend zu fliegen, in dem er mit den Armen rudert. Was braucht es noch mehr für eine fantastische Gegenwelt? Das Buch wurde wohl aufgrund seiner Komplexität weniger von Kindern als von Erwachsenen gelesen. Interessant ist, dass es zu seiner Entstehungszeit auch als Plädoyer für die „Homoehe“ (Miesmeier 1 und 2 wurden als homosexuelles Paar interpretiert) und deren Adoptionsrecht verstanden wurde.

„Kindheiten sind immer sehr glücklich und unglücklich zugleich.“
Für den österreichischen Rundfunk erfand sie den Dschi-Dsche-i-Wischer-Dschunior: ein präpubertäres, bereits schulpflichtiges Wesen (konkretere Beschreibungen fehlen). Es erzählte auf eine nette Art täglich seine Sorgen mit den „Lehrwischen“, dem „Schwesterwisch“ und den „Altwischen“. Eine ideale Identifikationsmöglichkeit für Kinder diesen Alters.

Ihre Figuren sind alles andere als perfekt oder heldenhaft. Sie müssen mit den großen und kleinen, unberechenbaren Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens zurechtkommen. Von makellosen Heldenfiguren sind sie weit entfernt. Sie sind oft unvorteilhaft, manchmal unsympathisch, verletzlich, fühlen sich benachteiligt oder haben Kummer.
Ihre „Mini-Geschichten“ und die vielbändigen „Geschichten vom Franz“ sorgten in den 1980er und 1990er Jahren für hohe Auflagen. Nöstlinger ist über die Jahre zu einer begnadeten Geschichtenerzählerin geworden. Ihr besonderes Geschick besteht sicher darin, wirklichkeitsnahe Milieus, Sozialkritik und fantastische Elemente in einer Sprache mit dialektalen Einsprengseln und eigenwilligen Wortschöpfungen zu verpacken, die unmittelbar ansprechen und sofort Bilder entstehen lassen.

Eines der schönsten Bücher hat Christine Nöstlinger wohl mit „Rosalinde hat Gedanken im Kopf“ (1981) geschrieben. In sechs kleinen Episoden erzählt sie aus dem Leben der sechsjährigen Rosalinde. Rosalinde hat Kraut- und Rübengedanken, Freudengedanken und Trauergedanken im Kopf. Und manchmal Berufsgedanken. Sie möchte mal Fußballerin, mal Baggerführerin oder Hochseekapitänin oder Düsenfliegerpilotin werden. Auch wenn die anderen Kinder ihre Gedanken für „plemplem, total plemplem“ halten, hält Rosalinde an ihren Gedanken fest.
In der Pubertät erreicht die Achterbahnfahrt der Gedanken und Gefühle ihren vorläufigen Höhepunkt: Margarethe Maria Sackmeier, genannt Gretchen, ist mittendrin. Sie ist vierzehn Jahre alt und ziemlich pummelig. Auch alle anderen Familienmitglieder der Familie Sackmeier sind wohl genährt. So werden sie auch in der Nachbarschaft bloß als die „Säcke“ bezeichnet. Doch mit Mama Sackmeiers radikalen Veränderungswünschen wandelt sich auch das Familienleben der Sackmeiers. Gretchen zieht mit Schwester Mädi zu einer Freundin der Mutter, die beschlossen hat, abzunehmen und Sozialarbeiterin zu werden. Bruder Hänschen und Papa Sackmeier bleiben zurück. Mit „Gretchen Sackmeier“ startete Christine Nöstlinger 1981 eine Trilogie rund um ein Mädchen, das gebeutelt wird von den Höhen und Tiefen des Erwachsenwerdens. Nicht von der hübschen Klassenbesten, sondern vom unvorteilhaften Mädchen, das sich zur jungen Frau entwickelt, erzählt sie. „Von erwachsenen Frauen wurde mir später bei Lesungen und Signierstunden gesagt: ‚Gretchen Sackmeier hat mich über meine ganze Pubertät hinweg getröstet‘“, sagt sie in unserem Gespräch. Und es folgt noch ein trockener Kommentar: „Ich hätte mir nicht gedacht, dass ich Trostbücher schreibe.“

Trennungen, Scheidungen und veränderte Familienkonstellationen – in späterer Folge die so genannten Patchwork-Familien hat sie schon früh in ihren Büchern thematisiert wie in „Ein Mann für Mama“ (1972), „Sowieso und überhaupt“ (1991) oder zuletzt in „Als mein Vater die Mutter der Anna Lachs heiraten wollte“ (2013). Darin wünscht sich Cornelius, dass sein Vater endlich zur Vernunft kommt. Cornelius achtet auf regelmäßigen Schlaf, kocht gerne und ist alles andere als leichtsinnig. Nöstlinger zeigt, wie es Kindern ergeht, deren Eltern nicht und nicht erwachsen werden wollen. Sie haben zwar die Vorteile und die Abwechslung von zwei Wohnsitzen, aber müssen oft um eine notwendige Stabilität kämpfen. Anna Lachs, deren Mutter Cornelius‘ Vater ehelichen möchte, hat es nicht so gut getroffen. Sie ist zwar auch eine kleine ernsthafte Checkerin, aber nicht auf die Butterseite gefallen. Und die Rechnung geht schließlich auch nicht auf, wie man es von Kinderbuch-Klassikern wie „Das doppelte Lottchen“ gewöhnt ist. Die Geschichte endet nicht mit einem Happy End am Traualtar.

Iba die gaunz oamen Kinda
„Geld macht vieles leichter und möglich“, sagt Christine Nöstlinger trocken. Sie kennt Armut nur zu gut. Den Schneiderkünsten ihrer Mutter ist es zu verdanken, dass man ihr in der Schule nicht sofort die Armut angesehen hat. Und im Dialekt sprechen war zu ihrer Gymnasialzeit verpönt. Nicht ihren Dialekt sprechen zu dürfen, hat sie oft verstummen lassen. In „Iba die gaunz oamen Kinda“ (1974) setzt sie ihrer Liebe zum Dialekt, zum rauen Vorstadt-Jargon, ein Denkmal. In freien rhythmischen Versen erzählt sie in ihrer Trilogie „Iba die gaunz oamen Fraun“, „Iba de gaunz oaman Mauna“ und „Iba die gaunz oamen Leit“ über die vielen Erscheinungsformen von Armut. Neben sozialer Benachteiligung thematisiert sie auch mangelnde Empathie, Leere, Einsamkeit, seelische Verarmung und zunehmende Selbstgerechtigkeit.
Bei der derzeitigen Bildungsdebatte, die Diskussion um die Vererbbarkeit von Bildungschancen und das Klagen über die zunehmende Verwahrlosung der Jugend hat sie Déjà-vu-Erlebnisse. Auf die Frage, ob sie je gefragt wurde, ob sie einen Erziehungsratgeber schreiben würde, meint sie: „Ich würde nie einen schreiben. So etwas wie Erziehung gibt es ja nicht. Da gibt es einen schönen Ausspruch von Karl Valentin: ‚Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.‘ Erziehung erinnert mich an Spalierobst. Sie können einem Kind tausend Mal sagen, dass es nicht lügen soll, wenn das Kind merkt, dass Mama und Papa lügen, dann wird es das auch tun. Aber Kinder haben sowieso jegliches Recht zu lügen“, sagt die mehrfache Großmutter gleich darauf sanftmütig.
Die Klugheit des Alters
„Ich glaube daran, dass Menschen unter besseren Bedingungen bessere Menschen werden. In meinem Alter zerbreche ich mir nicht mehr darüber den Kopf, wie eine bessere Welt ausschauen sollte. Ich kann mir höchstens kleine Veränderungen vorstellen“, sagt sie in einem Interview im profil (2010).

Diese Distanz zu den Dingen bringt nicht nur das Alter mit sich, sondern auch schwere Erkrankungen und Verluste. Brustkrebs und Gebärmutterkrebs hat sie durchgestanden. 2010 verlor sie ihren Lebensmenschen Ernst Nöstlinger.
2012 ist das Bilderbuch „Guter Drache, böser Drache“ erschienen. Die Geschichte hat sie sich von einem kleinen Buben „geborgt“. Florian hat zwei Drachen, einen guten und einen bösen. Die beiden Drachen kann nur er sehen und sie begleiten ihn stets. Sie machen ihm immer wieder Mut, Neues auszuprobieren und zu entdecken. Ein Buch voll von magischem Denken und großer Lebensklugheit.
Christine Nöstlingers ereignisreiches Leben wirkt arbeitsam und zeitweilig auch anstrengend, wenn man jedoch die Gelassenheit und Bescheidenheit dieser Frau erlebt, kommt man nicht umhin zu fragen, woher sie diese nimmt, was das Geheimnis ihrer Lebensphilosophie ist.

„Mein Mann hat mir immer vorgehalten, dass meine Uneitelkeit meine Eitelkeit ist“, sagt sie. Und in diesem Sinne hoffen wir, dass sie weiterschreibt, heiter und pessimistisch zugleich.

Bücher von Christine Nöstlinger
(eine kleine Auswahl):

Die feuerrote Frederike 1970
Die drei Posträuber, 1971
Der Denker greift ein, 1981
Das Austauschkind, 1982
Ein Kater ist kein Sofakissen, 1982
Am Montag ist alles ganz anders, 1984
Gretchen hat Hänschen-Kummer, 1984
Liebe Susi! Lieber Paul!, 1984
Olfi Obermeier und der Ödipus, 1984
Der Wauga, 1985
Geschichten für Kinder in den besten Jahren,1986
Geschichten vom Franz (Serie) , 1984
Mitte der 1980er Jahren starteten die Geschichten vom Franz, 1987
Iba den gaunz oaman Mauna, 1987
Gretchen, mein Mädchen, 1988
Einen Löffel für den Papa, 1989
Die Serie über „Mini“ startete Nöstlinger in den 1990er Jahren
Sowieso und überhaupt, 1991
Wetti & Babs, 1992
Mama mia, 1995
Pudding-Pauli rührt um, 2009
Gemeinsam mit Jens Rassmus: Guter Drache, böser Drache 2012
Glück ist was für Augenblicke, 2013


 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur