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Bücherschau

Terézia Mora - Die faszinierende Welt der Idiome

Karin Berndl über Terézia Mora, Georg-Büchner-Preis-Trägerin 2018

„Manchmal verdichten sich, wie Eiter, die Dinge. Die immer etwas merkwürdigen, sogenannten alltäglichen und scheinbar langsamen Prozesse, mit denen wir uns annähern, sagen wir: dem Leben-bis-wir-sterben, werden plötzlich beschleunigt und kommen außer Takt.“ Dieser Satz aus Terézia Moras erstem Roman „Alle Tage“ trifft wohl sehr in die Nähe dessen, was eine grundlegende Schreibmotivation dieser Autorin sein könnte. Der Puls des Lebens und da vor allem seine Arrhythmien interessieren sie. Grenzerfahrungen im Alltäglichen, das Scheitern, der Verlust und der damit verbundene Schmerz, das Verlorensein, tragische Versuche des Überlebens, die Sehnsucht nach einem Zustand von Glück, die Einsamkeit als letzte Zuflucht – das verbindet ihre meist männlichen Figuren. Davon gibt es zwar nicht so viele, aber dafür bleiben sie in ihrer Intensität dem Leser äußerst einprägsam.

Seltsame Materie
Schafft man sich einen ersten Überblick über die Autorin stellt man bald fest, dass sie viele namhafte Literaturpreise im deutschsprachigen Raum erhalten hat, bei bis dato vier Prosaveröffentlichungen, die alle jedoch nicht nur rein optisch massiv erscheinen, sondern es auch inhaltlich sind. 1997 gewann sie mit ihrer Erzählung „Durst“ über eine Familie im ehemaligen Ungarn und der zerstörerischen Alkoholsucht des Großvaters den Open-Mike-Literaturpreis der Berliner LiteraturWERKstatt und gleich einen Vertrag beim renommierten Rowohlt Verlag, der 1999 ihren Erzählband „Seltsame Materie“ (1999) veröffentlichte. Auch heute erinnert sich noch der eine oder andere Feuilletonisten an diesen Moment, als das erste Mal ihre Stimme erklang und sie einen Ton anschlug, der neu war in der damals schon kritischen, aber eher luftigen und oft harmlosen Gegenwartsliteratur dieser Zeit – natürlich immer mit einigen Ausnahmen. Dass diese neue und ungewöhnliche Stimme auch der Bachmannpreis-Jury gefiel, wundert also nicht: Mit ihrer Erzählung „Der Fall Ophelia“ gewann sie 1999 den Bachmannpreis.
Die studierte Hungarologin und Theaterwissenschaftlerin ist kein literarisches Leichtgewicht, das steht fest. Die gebürtige Ungarin lebt seit dem Fall des eisernen Vorhangs in Berlin. Sie schlug sich als Produktionsassistentin beim Fernsehen durch und ließ sich an der Deutschen Film- und Fernsehakademie am Potsdamer Platz zur Drehbuchautorin ausbilden. Sie verdiente sich eine Zeit lang ihren Unterhalt mit dem Schreiben von Krimi-Drehbüchern und mit verschiedenen literarischen Übersetzungen. Péter Esterházys Opus magnum „Harmonia Caelestis“ hat sie ins Deutsche übertragen und sich damit enorme Beachtung verschafft und dabei auch ihr sprachliches Feingefühl perfektioniert.

„Ich komme aus einer depressiv-pessimistischen Kultur, aus einer leidenden Kultur. Aber irgendwann habe ich mir gesagt, ich bin sterblich und dafür ist mir das Leben zu schade. Ich habe mir gesagt: Don‘t cry, work! Das ist etwas, was mich an meinen Landsleuten oft stört. Als wären sie beleidigt, weil nicht alles perfekt ist“ (aus einem Interview auf www.foreigner.de/interviews/interview_terezia_mora.html).

Grenzwanderungen bestimmen von Beginn an ihr persönliches und literarisches Leben. Aufgewachsen ist sie im ungarischen Sopron im Grenzgebiet zu Österreich. Sie stammt aus einer zweisprachigen Familie, aus einer so genannten Schwaben-Familie. Die Mutter ist deutschsprachige Kroaten, deren Vorfahren im 16. Jahrhundert um den Neusiedlersee angesiedelt wurden. Manche behielten ihre Sprache, aber viele haben das Kroatische nach zwei Generationen verloren und sprechen seither Deutsch. Die Muttersprache ihrer Großmutter ist Deutsch respektive ein österreichischer Dialekt, der dort gesprochen wird. Das ist auch die Muttersprache ihrer Mutter, obwohl sie im Kindergarten, wie auch die Autorin, Ungarisch gelernt hat. In ihrer Familie wurde dieser Dialekt gemischt mit ungarischen Wörtern gesprochen. Das Leben mit verschiedenen Sprachen, aber auch das Gefühl des Fremdseins durch die Sprache ist sie von früher Kindheit an gewohnt. Auch war sie in ihrer Kindheit und Jugend täglichen Anfeindungen ausgesetzt, einem Totalitarismus in allen Lebenslagen. Wer Deutsch sprach, wurde nicht selten als Nazi beschimpft.
Mit ihrer Volljährigkeit fiel der eiserne Vorhang. In „Seltsame Materie“ thematisiert sie die Zeit ihrer Kindheit und beschwört auf poetische und äußerst kraftvolle Weise die Erinnerungen an diese Kindheit. Eine Kindheit im Ostblock, in „Diktaturen“: Totalitäre Systeme, die sich nicht auf den politischen Raum beschränken. Das bäuerliche Leben und seine Gesetze, das Zusammenleben verschiedener Generationen, der Glaube und die Zugehörigkeit zu ethnischen und sprachlichen Minderheiten. „Mit der Wende kam auch der Wechsel des Idioms“, wie sie selbst in einem Interview im Schweizer Radio srf sagt. Nach einem halben Jahr Studium in Budapest, wo sie auch ihren heutigen Ehemann kennenlernte, der aus der ehemaligen DDR stammt, erfolgte der Umzug nach Berlin.

Alle Tage
Sprache ist identitätsstiftend und trennend zugleich. In „Alle Tage (2004)“ zeigt sie am Beispiel des Übersetzers Abel Nema, wie jemand mit jeder Sprache, die er neu lernt mehr und mehr zur Randfigur wird – ideell und sozial.
„An einem Samstagmorgen zu Herbstbeginn fanden drei Arbeiterinnen auf einem verwahrlosten Spielplatz im Bahnhofsbezirk den Übersetzer Abel Nema kopfüber von einem Klettergerüst baumelnd. Die Füße mit silbernen Klebeband umwickelt, ein langer schwarzer Trenchcoat bedeckte seinen Kopf. Er schaukelte leicht im morgendlichen Wind.“ Mit diesem eindringlichen Bild beginnt ihr erster Roman „Alle Tage“. Abel Nemas Gedanken wiegen schwer. Er hängt kopfüber und kriegt im wahrsten Sinne des Wortes nicht die Füße auf dem Boden. Abel ist Flüchtling und Mora begleitet ihn beim Leben und Überleben in Berlin am Beginn des neuen Jahrtausends. Zwei Jahre hat sie für dieses Buch nur recherchiert, keinen Satz geschrieben nur Notizen gemacht und Material gesammelt. „Was ich unbedingt zum Schreiben brauche, ist eine nahezu stupide Gleichmäßigkeit. Das bedeutet, dass ich jeden Tag, den ich schreibe – und das muss, so lange ich an einem Projekt schreibe, jeder Tag meines Lebens sein, sieben Tage die Woche –, dass ich ungestört bis spätestens neun, aber gerne früher, an meinem Schreibtisch bin“ (www.deutschlandradiokultur.de/leben-um-zu-schreiben.1153.de.html?dram:article_id=182019). Daher wundert es nicht wie akribisch und präzise komponiert dieser vielstimmige Roman ist, der nach und nach Abels Geschichte freilegt, aber den Menschen Abel nur schwer begreifbar macht.
Abel Nema ist nach der Maturafeier aus seiner Heimat, es könnte Ungarn sein, nach B., das sich als Berlin dechiffrieren lassen könnte, geflohen. Drohender Bürgerkrieg und die unerwiderte Liebe zu Ilia Bor, seinem Schulkollegin, haben ihn zu diesem Schritt veranlasst. Abel arbeitet als Übersetzer und findet im Universitätsprofessor Tibor einen Förderer und Mentor. Tibor organisiert ihm ein Stipendium, mit dem er in einem Sprachlabor der Universität zehn verschiedene Sprachen bis zur absoluten Perfektion erlernt. Über ihn wird er auch mit Mercedes bekannt, die als Tibors Assistentin arbeitet. „Eigentlich, sagte Mercedes Mutter Miriam, ist alles in Ordnung. Ein höflicher, stiller, gutaussehender Mensch. Und gleichzeitig ist nichts in Ordnung mit ihm. Wenn man das auch nicht näher benennen kann.“ Mercedes geht mit Abel eine Scheinehe ein und sie wird ihm bis zur Scheidung nicht näher kommen. „Jeder hat sein Talent, sagte Mercedes. Meins ist es, das Unmögliche zu lieben.“ Mercedes wird später eine Schwester im Geiste finden: Oda, eine junge armenische Frau, die Darius Kopp auf seiner Reise durch das ferne Südosteuropa ein Stück weit begleiten wird. Doch die Stabilität eines Daueraufenthaltes kann den unruhigen Geist Abel Nemas nicht beruhigen. Denn mit jeder Sprache, die er dazu gewinnt, wächst seine Einsamkeit und er verliert zusehends an Halt.
Die Sprache als Allheilmittel zur Integration und Etablierung von MigrantInnen, wie es die Politik propagiert, wird hier ad absurdum geführt. Abel erleidet nach dem gewaltsamen Übergriff von dunklen Gestalten seiner nahen Vergangenheit, der am Beginn des Romans steht, eine andauernde Aphasie, eine Sprachstörung, die ihn in seiner Ausprägung zwar alles verstehen lässt, es ihm aber unmöglich macht, sich mit anderen verbal zu verständigen. Den Gipfel der Ironie bildet aber seine teilweise Amnäsie: „Entgegen der Erwartungen hat sich nur eine einzige Sprache, die Landessprache, soweit regeneriert, dass er einfache Sätze sprechen kann.“
„Alle Tage“ ist ein sprachgewaltiges und verstörendes Buch, das seinen Leser mit einer eigenartigen Stimmung und fragend zurücklässt.

Der einzige Mann auf dem Kontinent
Da kommt der erste Band „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009), der als Trilogie angelegten Romane um und über Darius Kopp, ja fast als leichtfüßige, plätschernde Kritik an der Internetökonomie daher. Das liegt wohl am Gemüt und der hedonistischen Haltung des etwas behäbigen und unauffälligen IT-Spezialisten und Sales Manager Darius Kopp. Er ist der einzige Verkäufer für den halben „Kontinent“, nämlich Osteuropa. Er ist ein Profiteur des IT Booms und schwimmt gemütlich mit im mittleren Management und ist ein artiger Konsumist. Doch auch dieses Leben gerät aus dem Takt. Diese von Cappuccino-Zeiten, dienstlichen Mittagessen, exzessiven After Hours getaktete Welt, die der strebsame Mann aus dem ehemaligen Ostdeutschland gleichmütig als sein Leben akzeptiert hat, gerät aus dem Gleichgewicht. Mora ist dabei ihrer Faszination für hochkomplexe Systeme und Arbeitswelten nachgegangen, die trotz der Ineffizienz der Spezies Mensch und ihrem Hang zur Bösartigkeit funktionieren und nur den einzelnen, der dem System nicht standhalten kann, „rausfallen“ lassen. Das Durchlavieren war für Kopp bisher eine leichte Übung und sein Mangel an Sensibilität und Einfühlungsvermögen dabei von Vorteil. Darius Kopp verliert Job und Status. Doch er gewinnt in dieser Zeit das wohl wichtigste: die Liebe zu Flora Meier.
Flora ist eine gebürtige Ungarin, die versucht, als Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin zu arbeiten, und sich im neuzeitlichen Prekariat durchkämpft, nicht ohne tiefgreifende Pläsuren davonzutragen. Was Kopp an Sensibilität fehlt, bringt Flora in die Beziehung mit, aber auch ihre Begleiterin: Die Depression. Floras Alltag ist ein täglicher Spießrutenlauf: „Wir wollen gar nicht so weit gehen, von Mobbing zu reden, es ist häufig nur die Atmosphäre oder, noch banaler, einfach die akkumulierte Müdigkeit und Flora bricht wieder zusammen.“, sagt Kopp über die Zustände seiner Frau. Es fällt ihm schwer die Leidenszustände seiner Frau nachzuempfinden oder sie zu verstehen. Letzten Endes flüchtet sie in die Datscha einer Freundin, die dabei ist, eine Art Ökodorf zu etablieren. Anfangs darf Kopp sie noch besuchen, doch bald werden seine Besuche spärlicher. So endet der erste Roman und findet in „Das Ungeheuer (2013)“ seine traurige Fortsetzung.

Das Ungeheuer
Flora ist seit zehn Monaten tot und Darius Kopp wohnt seit Wochen bei seinem Freund Juri. Er ist in eine Erstarrung gefallen. Er ist gelähmt von der Empörung, dass Flora sich entschieden hat zu sterben, sich davon zu schleichen. Das, was sein Wohlsein in dieser Welt letztlich ausmachte, ist verloren gegangen. Juris Versuche, ihn wieder schrittweise ins Leben zurück zu bringen, scheitern. Bewerbungsgespräche werden zur Farce.
Was weiß Darius eigentlich über das Leben seiner Frau? Ihre Herkunft? Ihre Vergangenheit? Es ist an der Zeit, die Urne seiner Frau zu bestatten. Floras Asche steht seit zehn Monaten im Bestattungsinstitut, als Kopp beschließt, sich damit auf ins Herkunftsland seiner Frau zu machen. Mit dem Unterwegssein kennt sich der ehemalige Handlungsreisende aus. Er lässt sich treiben. Seine Stationen werden Ungarn, die kroatischen Inseln, Albanien, Bulgarien, Istanbul und schließlich Griechenland sein.
Hier entscheidet sich Terézia Mora für einen genialen Kunstgriff. Zwei Welten, zwei Wahrheiten finden eine ungewöhnliche Form in diesem Buch. Während Darius’ Road Movie erzählt wird, findet in der unteren Hälfte des Buches das elektronische Tagebuch von Flora Raum.
Kopp hat es im Computer seiner Frau entdeckt und es vor seiner Abreise noch übersetzen lassen. Die Texte von Flora hat Mora auch ursprünglich auf Ungarisch verfasst. Das passt zu der präzisen Arbeitsweise der ernsthaften Autorin. Die Tagebuchaufzeichnungen umfassen die Lebensjahre zwischen 20 und 37 – sie beginnen neun Jahre vor ihrer ersten Begegnung mit Darius und enden ein Jahr vor ihrem Suizid. Neben einer Auflistung der Symptome einer „F33_-rezidivierende depressive Störung“ finden sich Aufzeichnung von Träumen, Auflistung von Einnahmen aus ihren verschiedenen Gelegenheitsjobs, Zitate aus Büchern in denen sie nach Antworten auf die Angst machende Leere sucht.
Die Trennlinie zwischen den beiden Texten markiert die Grenze zwischen Gegenwart und Vergangenheit, bewusst und unbewusst, möglicherweise von Ursache und Wirkung, jedenfalls zwei Erzählungen, zwei Wahrheiten.
„Wieviel hält ein Mensch aus, ohne zu krepieren?“ Dieser zentrale Satz aus Bachmanns Romanfragment „Der Fall Franza“ fällt einem nicht zufällig hier ein. Moras stille und lang geheime Bewunderung für Ingeborg Bachmann wird hier aufs Neue deutlich und zeigt auch Moras literarischen Anspruch. In ihrem Vortrag im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur 2006 wird diese tiefgreifende Beziehung verständlich. Lange hatte sie sich von Bachmanns Texten ferngehalten: „Denn es ist so: Wie alle Hypersensiblen mag ich keine anderen Hypersensiblen. Ich bin ihnen schlicht nicht gewachsen. Sie nehmen mich zu sehr mit. Den blutigsten körperlichen Brutalitäten, ob im Leben oder in der Kunst, kann ich widerstehen. Die Empfindsamkeit der Bachmann, ihre Feinheit, ihre Subtilität jedoch entwaffnen mich vollständig. Egal, wo ich ihre Bücher aufschlage, es wird dort etwas stehen, das mich in meinen Grundfesten erschüttert“ (Die Masken der Autorin, Vortrag anlässlich der Tage der deutschsprachigen Literatur 2006).
Bereits in der preisgekrönten Erzählung „Der Fall Ophelia“ schreibt die erklärte Feministin an der Tradition eines paradigmatischen Weiblichkeitsmythos des 19. Jahrhunderts fort. Zwar schreibt die Autorin in ihrem Roman von einer meist zentralen männlichen Figur aus, doch entwickelt sie dabei ein dichtes Geflecht an Beziehungen, in denen Frauen eine tragende Rolle einnehmen. Oft sind sie die Leidtragenden, die Feinfühligen, ja die hochsensiblen Charaktere, die an den gesellschaftlichen Ansprüchen scheitern. Das macht die Lektüre ihrer Romane wahrlich nicht zum reinen Vergnügen.
„‘Du musst unerbittlich sein‘ – das war einer der ersten Sätze, die László Márton mir als junger Autorin beigebracht hat. Unerbittlich dem Darzustellenden (hier: der Gewalt in den Strukturen, wie ich sagen würde, oder dem fortgesetzten Krieg, wie Ingeborg Bachmann sagen würde) wie auch dir selbst gegenüber.“ In ihrem letzten Roman wird dies aufs Neue deutlich und er fordert auch seine Leserinnen und Leser bei der Lektüre aufs äußerste.

 

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