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Bücherschau

Hochgerner, Christine - Wo ist Yvonne

Ein mitreißend erzählter Roman über vier Frauengenerationen

Die 13-jährige Yvonne Huber lebt bei ihrem Vater Anton und dessen Eltern auf einem Bauernhof in Niederösterreich. Ihre Mutter, die Evelyn heißt, in Pflegefamilien aufgewachsen ist und später eine Ausbildung zur Verkäuferin beginnt, um im Lehrlingsheim, wo sie wohnen kann, vor sexuellen Übergriffen durch „ältere Pflegebrüder“ oder „brave Nachbarn“ geschützt zu sein, kennt sie nicht. Yvonne fordert deshalb von ihrem Vater genauere Auskünfte ein. Doch der will nicht sagen, dass man, wie sie noch ein Baby gewesen ist, ihre 18-jährige Mutter „vollgepumpt mit Drogen“ aufgegriffen hat und diese dann mit großen Schuldgefühlen und im Wissen, „dass sich Menschen wie sie die Zukunft nicht aussuchen können“, lieber in die Anonymität der Großstadt flüchtet, als über ihr „Engagement“ auf Burg Eckberg (wo sie Perücke trägt und stark geschminkt ist) aufzuklären.
Von der Strategie des „schweigenden Abwartens“, die er als Kind eingeübt und beim Vater stets angewendet hat, will Anton auch bei seiner auf ihr Recht pochenden Tochter, zu erfahren, wer ihre Mutter ist, nicht abweichen, was sich als Fehler erweist. Denn am Tag nach der „Auseinandersetzung“ verschwindet Yvonne, um auf eigene Faust nach der Mutter zu suchen.
Die Polizei geht davon aus, dass sie „ihr Elternhaus“ aus freien Stücken verlassen hat. Ansonsten passiert von Seiten der Ordnungshüter wenig.
Viel zielstrebiger geht da schon die pensionierte Krankenschwester Magda Hofmeister ans Werk. Einer Detektivin gleich entwirrt die engagierte Frau, die in jungen Jahren für die Legalisierung von Schwangerschaftsabbruch demonstriert, später ihre Eltern gepflegt und jetzt mit einem durch eine Genmutation hervorgerufenen Brustkrebs zu kämpfen hat, ein sich auf den Impetus des „Fressen und Gefressenwerdens“ stützendes Geflecht aus Diskriminierung, Kränkung, Missbrauch, Vergewaltigung und Unterdrückung, das sich in diesem aus wechselnder Perspektive mitreißend erzählten Roman über vier Frauengenerationen erstreckt.
Durch ihre auf gelebter Solidarität basierende Initiative (schließlich ist die mit dem „Gefühl, nie wieder aufstehen zu wollen“, konfrontierte, verzweifelte Mutter des Mädchens, Evelyn Steiner, ihre Nachbarin) wird „lange Weggeschobenes und Verdrängtes (…) an die Oberfläche gespült“, ja brechen Risse auf, die man bis dahin „immer wieder sorgsam zu glätten versucht hat“.
Dass es nicht gut ist, in seiner Vergangenheit „gefangen“ zu sein, als hätte man sich darin versteckt, zeigt die Autorin auf beeindruckende Weise. Es helfen hier weder Flucht noch krampfhaftes Verdrängen und Vergessenwollen.
Und selbst wenn „die stille Zwiesprache mit der fernen Tochter (…) zum erdachten Zuhause“ avanciert, so scheint dies nur ein schwacher Trost. Nachdem nämlich keine Spaßpillen der Welt ein Gedächtnis auf Dauer zu besänftigen vermögen, will Schuld (in welcher Form auch immer) irgendwann einmal beglichen sein, kommt doch die Vergangenheit, wie man sieht, „immer stärker (…) zurück, so wie ein Zug, der nur noch rückwärts“ fährt.
In diesem Postulat stecken die handlungstreibenden Elemente des Romans, dessen dramatische Geschichte in ihrer kriminalistischen Zuspitzung auf einen Showdown zuläuft, während dem man nicht bloß einem „toten Hund“ begegnet, sondern auch schon mal der „Lauf des Gewehrs zwischen die Schulterblätter“ gerät.
In so einer Situation hilft natürlich „das vertraute Gefühl von Heimat“ eher weniger. Da ist „durchbeißen“ angesagt.
„Durchbeißen“ muss sich durch Christine Hochgerners Roman aber niemand. Im Gegenteil. Hier kommt die starke Neigung zum Verschlingen auf, handelt es sich doch bei „Wo ist Yvonne“ um ein schmackhaftes Stück gute Literatur.
Andreas Tiefenbacher

Hochgerner, Christine - Wo ist Yvonne
Roman. Klagenfurt: Sisyphus 2017. 156 S. - br. : € 14,80 (DR)
ISBN 978-3-903125-17-9

 

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