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Bücherschau

Segev, Tom - David Ben Gurion

Ein Staat um jeden Preis

Im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs erhob sich die Frage, wohin die offensichtlich an Leib und Leben bedrohten Juden Mitteleuropas denn allenfalls flüchten und sich ansiedeln könnten. Bei der Konferenz von Evian im Juli 1938 zeigten sich die die Staaten der Welt im Hinblick auf die Weltwirtschaftskrise und die Stimmung der Bevölkerung aber sehr zurückhaltend. Zwar gab es diverse Pläne zur Ansiedlung jüdischer Siedler, so im sowjetischen von der Sowjetunion eingerichteten autonomen Gebiet Birobidschan oder in der portugiesischen Kolonie Angola. Auch Madagaskar war im Gespräch als mögliche Zufluchtsstätte. Der dominikanische Diktator Trujillo wollte 100.000 Juden aufnehmen – übrigens aus rassistischen Erwägungen: er wollte nämlich sein Land „weißer“ machen. Die Frage einer „jüdischen Heimstätte“ blieb also offen – und auch Theodor Herzls zionistische Vision hatte den Nachteil, dass die in Palästina lebenden Araber keine besondere Neigung und Notwendigkeit verspürten, ihre Heimat an eine Bevölkerung abzugeben, deren Vorfahren schon vor fast 2000 Jahren vertrieben worden waren.
Im Jahr 1948 wurde dann, wie man weiß, Israel gegründet, wie Tom Segev meint, „ein Staat um jeden Preis“. In seiner neuen, ausführlichen Biographie des Staatsgründers David Ben Gurion zeigt Segev, dass dieser keineswegs an den alten jüdischen Traditionen hing – die Jiddische Sprache lehnte er beispielsweise ab, und wäre es nach ihm gegangen, hätte man nach 1945 auch alle jüdischen Displaced Persons in evakuierten bayrischen Dörfern untergebracht, um sie paramilitärisch auszubilden. General Eisenhower verwarf natürlich die skurrile Idee.
David Ben Gurion, geboren 1886 als David Grün in Polen, zog aus dem Pogrom in Kischinew (1903) die zionistische Konsequenz – er wanderte bereits 1906 nach Palästina aus. Der Charismatiker mit der Löwenmähne, der bis in das hohe Alter den Kopfstand übte, zeigte gegenüber den Schteteljuden Osteuropas eine Art Verachtung, und die Begegnung mit Naziopfern bereitete ihm sichtlich Unbehagen. Sein kritischer, aber wohlmeinender Biograf vermutet, dieses Verhalten gegenüber Holocaust-Überlebenden habe vielleicht darin seinen Ursprung, dass er, aus Scham, weil er nicht helfen hatte können, ihnen „kaum in die Augen schauen konnte“.
Wenn man es hart ausdrückt, so hat der Zionismus mit seiner von Ben Gurion bewusst in Kauf genommenen ewigen Kampfstellung gegenüber den Palästinensern und seiner geglückten Eroberung von „Lebensraum“ mehr mit den „völkischen“ Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts zu tun als mit der uralten Weisheit der Rabbiner. 70 Jahre ist Israel alt und 13 Jahre war David Ben Gurion Premierminister des von ihm proklamierten Staates. Dass es für diesen Staat kaum Frieden geben kann, war dem Gründervater bewusst.
Robert Schediwy

Segev, Tom - David Ben Gurion
Ein Staat um jeden Preis. München: Siedler 2018. 800 S. fest geb. : € 36,00 (BI)
ISBN 978-3-8275-0020-5

 

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