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Bücherschau

Taubman, William - Gorbatschow

Der Mann und seine Zeit

Es ist unüblich, an den Beginn einer Buchbesprechung eine Gesamtbeurteilung zu stellen. Ich tue es trotzdem. Die Biografie des amerikanischen Professors für Politikwissenschaft William Taubman über den sowjetischen Politiker Gorbatschow, die er in elfjähriger Beschäftigung mit dem Thema niederschrieb, ist ein Standardwerk. Es ist akribisch recherchiert und blendend formuliert, reich an inhaltlichen Ergebnissen, ausgewogen im Urteil und von substanzieller Aussagekraft. Die Lektüre seines voluminösen Werkes erfordert allerdings Zeit und historisches Interesse.
Das Urteil über die Persönlichkeit Michael Gorbatschows und seines Wirkens als Generalsekretär der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) und als Staatspräsident fällt je nach ideologischem Standpunkt und perspektivischem Standort sehr kontroversiell aus. Während er im Russland Wladimir Putins als „Totengräber“ der Sowjetunion gilt und politisch völlig abgeschrieben ist, begegnet man ihm in der westlichen Welt, insbesondere in Deutschland, mit Hochachtung und sogar Verehrung.
Gorbatschow war ein Visionär, ein Staatsmann, der mit einem Minimum an Gewaltanwendung und Blutvergießen die Welt verändert hat. Das war eine einzigartige Leistung. Der große Reformer war völlig anders als alle anderen Sowjetführer vor ihm. Er war ein beinahe westlicher Politikertyp, offen, zugänglich, gebildet, charmant und volksnah. Die westlichen Staatsmänner (Reagan, Bush sen., Kohl, Mitterand, Thatcher) waren erstaunt. Wie war es möglich, dass eine totalitäre Gesellschaft, die jahrzehntelang das Kollektiv auf seine Fahnen geheftet hatte, eine so eigenständige Persönlichkeit hervorbringen konnte? Dieses Rätsel ist bis heute nicht gelöst. Nicht minder erstaunlich ist die Karriere Gorbatschows, wie er vom einfachen, aber hoch intelligenten Bauernbub nach heftigen Zusammenstößen und Machtkämpfen bis zum Generalsekretär und damit zum Parteichef der KPdSU aufsteigen konnte.
1985, als es so weit war, war die Wirtschaft der Sowjetunion schwer angeschlagen. Die kommunistische Planwirtschaft war gescheitert. Die landwirtschaftlichen Erträge stagnierten, die Militärausgaben im „Kalten Krieg“ mit den USA verschlangen Riesensummen, die Versorgung der Bevölkerung mit den lebenswichtigsten Gütern konnte nicht gewährleistet werden. Zahlreiche KP-Funktionäre waren korrupt und arbeiteten in die eigenen Taschen. Das Land brauchte dringendst Reformen. Gorbatschow nahm sie in Angriff. Er etikettierte sie mit den Begriffen „Perestroika“ und „Glasnost“. Die Neugestaltung des politischen und wirtschaftlichen Systems der Sowjetunion (Perestroika), die Umwandlung der totalitären Diktatur in einen demokratischen Parteienstaat, der Umbau der kommunistischen Planwirtschaft in eine freie Marktwirtschaft war ein utopisches Herkulesprojekt, das seitens der Nomenklatura auf heftigsten Widerstand stieß. Gorbatschows prominentester Gegner war der unberechenbare Boris Jelzin, der sich hartnäckig nach oben kämpfte. Unter „Glasnost“ verstanden die Reformer Versammlungs-, Presse- und Redefreiheit, die Einschränkung des Machtmonopols der KPdSU und eine neue Ausrichtung der Außenpolitik. Die lange Zeit, die Gorbatschow dafür benötigt hätte, hatte er einfach nicht. Trotz seiner Redegewandtheit und taktischen Geschicklichkeit konnte er nur einen Teil seiner politischen Pläne durchsetzen.
International setzte Gorbatschow auf die Beendigung des Kalten Krieges mit den Vereinigten Staaten, die Begrenzung der Rüstungsausgaben, das Verbot des Einsatzes von Atomwaffen und das Recht eines jeden Staates, seine gesellschaftlichen und politischen Probleme selbst zu lösen. Auf zahlreichen Gipfeltreffen und Kongressen vertrat er seine Standpunkte mit großer Überzeugung. Die Menschen fanden ihn äußerst sympathisch, die maßgeblichen Politiker begegneten ihm zunächst mit Skepsis, die bald in Wohlwollen umschlug. Frau Thatcher schätzte ihn, mit Bush sen. und Helmut Kohl verband ihn ein freundschaftliches Vertrauen. Kohl und Gorbatschow einigten sich bei persönlichen Gesprächen auf die friedliche Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten, wobei der russische Staatspräsident dem deutschen Bundeskanzler weitgehend entgegenkam.
Gorbatschows neue Außenpolitik beschleunigte die Unabhängigkeitsbestrebungen der europäischen Satellitenstaaten. In Polen und Ungarn, in der Tschechoslowakei, Bulgarien und Rumänien entledigte man sich der kommunistischen Herrschaft. Der Kremlchef nahm es zur Kenntnis. Aber auch in der Sowjetunion machten sich einige Teilrepubliken selbständig (die baltischen Staaten, Weißrussland, die Ukraine, Georgien usw.) Was Gorbatschow keineswegs gewollt hatte, geschah. Die UdSSR zerfiel. Als die Wirtschaftsreform misslang, formierten sich seine Gegner zum Sturz auf den Staatspräsidenten. Gorbatschow wurde während eines Urlaubsaufenthalts auf der Krim kurz festgehalten. Nach seiner Freisetzung versuchte er sich wieder politisch zu betätigen, scheiterte jedoch kläglich. Gorbatschow zog sich in das Privatleben zurück und lebt heute, wenig beachtet, in seiner russischen Heimat oder er ist auf Reisen.
William Taubman zeichnet das Psychogramm Michael Gorbatschows, schildert minutiös seinen Auf- und Abstieg und zollt dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit den Respekt, den sie verdient.
Friedrich Weissensteiner

Taubman, William - Gorbatschow
Der Mann und seine Zeit. Eine Biografie. München: Beck 2018. 935 S. fest geb. : € 39,10 (BI)
ISBN 978-3-406-70044-6

 

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