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Bücherschau

Philip Roth - Apostel der Unzucht

Robert Leiner würdigt den besessenen Lustschreiber Philip Roth

2012, im Alter von knapp 80 Jahren, nach mehr als 30 Büchern, hat Philip Roth ausdrücklich erklärt, er hätte vom Romaneschreiben die Nase voll. Viele konnten dies einfach nicht glauben, dass er, der besessene Lustschreiber, der oft beinahe jedes Jahr ein neues Werk herausbrachte, ganz mit dem Schreiben aufgehört haben. „Sind Sie denn wirklich der Meinung, Ihr Talent werde Sie in Ruhe lassen?“, wurde er im Vorjahr in einem Interview gefragt. „Tja, Sie sollten mir lieber glauben“, meinte er lakonisch, „seit 2009 habe ich nämlich nicht eine einzige Romanzeile zu Papier gebracht. Ich habe auch kein Bedürfnis danach. Ich habe getan, was ich getan habe, und das ist vorbei. Es gibt noch mehr im Leben als das Schreiben und Veröffentlichen von Romanen. Es gibt noch vollkommen andere Möglichkeiten, was ich zu meinem großen Erstaunen erst jetzt entdecke. (…) Im Augenblick studiere ich die amerikanische Geschichte des 19. Jahrhunderts. (…) Mein Kopf ist voll von damals. Ich gehe schwimmen, ich verfolge Baseballspiele, ich genieße die Landschaft, schaue mir den einen oder anderen Kinofilm an, höre Musik, esse gut und treffe mich mit Freunden. Auf dem Land interessiere ich mich sehr für die Natur. Für eine permanente Beschäftigung mit Dingen wie Altern, Schreiben, Sex und Tod bleibt da kaum noch Zeit. Am Ende des Tages bin ich einfach zu erschöpft.“ So hat er sich noch einige Jahre einen tatsächlichen Ruhestand gegönnt. Am 22. Mai ist er im Alter von 85 Jahren an Herzversagen gestorben.
Und was für einen Start legt er hin! Gleich für sein erstes Buch erhielt er in den USA den "National Book Award". Das war 1960, das Werk hieß "Goodbye, Columbus", die erste Sammlung von Erzählungen. Und der junge Autor war gerade 27 Jahre alt. In der Titelerzählung verliebt sich Neil Klugman, ein junger Mann aus dem kleinbürgerlichen jüdischen Milieu von Newark, in Brenda, eine Tochter aus einer wohlhabenden Neureichenfamilie, einem Sinnbild des erfolgreichen, aufstrebenden Nachkriegsamerikas, das in seinem Geld ertrank, in dessen ausladenden Häusern aber keine Bibliothek zu finden war.
Er erobert Brenda spielerisch und virtuos, aber sobald er am Tisch der Familie Platz nimmt, langweilen ihn das Klima des Tüchtigen und Anständigen, der Aufstiegsstolz und die Fantasielosigkeit, im Grunde sofort. Als die Rede auf die kommende Hochzeit kommt, überredet er Brenda, sich stattdessen um die Verhütung zu kümmern, woraufhin ihn die Familie verstößt. Angeödet wendet sich Neil Klugman ab, nicht nur von der Familie, sondern von ihrem ganzen Universum, dem geistlosen, geschichtsvergessenen, neureichen Geldimperium namens Amerika. Großartig schon der erste Absatz, in dem Neil Klugman die bildschöne Brenda erstmals zu Gesicht bekommt: Es ist eine Poolszene, Brenda taucht, schwimmt eine Bahn, rückt mit Daumen und Zeigefinger den verrutschten Badeanzug zurecht, "my blood jumped". Es war alles sofort da: das kühle, männliche Begehren, die Überheblichkeit des jungen Intellektuellen gegenüber den gesellschaftlichen Leistungsträgern, die Anmaßung des jungen Mannes gegenüber dem morschen amerikanischen Konservatismus, die lyrische Qualität von Philip Roths Prosa, die blanke Schönheit seiner Sprache. Und es deutete sich schon in diesem Erstling an: Diese kleine Erzählung war die Ouvertüre für ein gewaltiges Werk.

Der als jüdischer Amerikaner im Jahr 1933 auch geographisch auf der anderen Seite geborene spätere überzeugte New Yorker Philip Roth gehörte einer Minderheit an, die in der Ära, in  der Roth aufwuchs, noch massiven Benachteiligungen ausgesetzt war. Das prägte sein Amerikabild.
Philip Roth war das zweite Kind von Herman Roth (1901–1989) und dessen Frau Bess, geborene Finkel (1904–1981). Beide Eltern waren assimilierte amerikanische Juden der zweiten Einwanderergeneration. Die Großeltern mütterlicherseits stammten aus der Umgebung von Kiew, die jiddisch sprechenden Großeltern väterlicherseits, Sender und Bertha Roth, aus Koslow in Galizien. Sender Roth war in Galizien als Rabbiner ausgebildet worden und arbeitete in Newark in einer Hutfabrik. Herman Roth, das mittlere von sieben Kindern und erstes Kind in den USA, arbeitete nach achtjähriger Schulzeit erst in einer Fabrik, wurde dann Versicherungsvertreter und verkaufte Lebensversicherungen von Haus zu Haus. Bis zu seiner Pensionierung war er Bezirksdirektor der Metropolitan Life. Philip Roths vier Jahre älterer Bruder Sanford (Sandy) Roth (1927–2009) wurde Vizepräsident einer Werbeagentur und arbeitete nach seiner Pensionierung als Maler.
Sie wuchsen im jüdisch geprägten Stadtteil Weequahic in Newark, New Jersey auf. Philips Kindheit verlief behütet und weitgehend unbeschwert. Newark, seine Herkunft, zeichnete er immer wieder neu, umspielte deren engen Rahmen immer und immer wieder, bis hin zu „The Plot Against America“ und „Empörung“ (2009). Offenbar brauchte und liebte Roth auch die Enge dieser Welt, der er entkommen ist. Am getreusten beschrieb Roth die Welt, aus der er stammt, wahrscheinlich in „Mein Leben als Sohn“. Hier erzählte er auch von einem Rasiernapf des Großvaters, mit der Inschrift „S. Roth 1912“. Roth beschrieb den Napf als griechische Vase, auf der die mythischen Ursprünge seiner Rasse abgebildet sind. Das Rasierwerkzeug war das einzige, was seiner Familie aus der Zeit vor der Einwanderung erhalten blieb.
Von 1946 bis 1950 besuchte er die Weequahic High School mit fast ausschließlich jüdischen Mitschülern. An der Rutgers University begann Roth ein Jurastudium, wechselte 1951 auf die Bucknell University in Lewisburg, Pennsylvania, wo er 1952 in die philosophische Fakultät übertrat und ein Studium der Englischen Literatur aufnahm. Im College emanzipierte sich der junge Student zunehmend von seinem Elternhaus, während die Opposition zur christlich-konservativen Ausrichtung Bucknells eine bewusste Abgrenzung und gestärkte Individualität nach sich zog. Gemeinsam mit zwei Kommilitonen gründete er 1952 die Literaturzeitschrift „Et cetera“, in der er seine ersten literarischen Versuche herausbrachte. 1954 nahm er das Hauptstudium an der Universität von Chicago auf, das er im Folgejahr mit dem Master of Arts abschloss. Unter dem Einfluss der Lektüre Saul Bellows verabschiedete er sich schließlich von der akademischen Lehrmeinung über Literatur. Statt eine universitäre Laufbahn zu verfolgen, verpflichtete er sich für zwei Jahre bei der Armee, wurde jedoch bereits 1956 mit einer Wirbelsäulenverletzung, die er sich in Fort Dix zugezogen hatte, entlassen. Er kehrte nach Chicago zurück und gab an der Universität Schreibkurse.
Sowohl in der Armee als auch während der Anstellung an der Universität schrieb Roth Kurzgeschichten, die in renommierten Literaturzeitschriften erschienen. Dabei griff er auf seinen eigenen Erfahrungshintergrund eines Newarker Juden aus der unteren Mittelschicht zurück, der sein späteres Werk bestimmen sollte.
Im Oktober 1956 lernte er in Chicago die Sekretärin Margaret Martinson Williams kennen, die er im Februar 1959 heiratete. Die vier Jahre ältere geschiedene Mutter zweier Kinder von ganz anderer sozialer Herkunft gab Roth anfänglich gleichermaßen das Gefühl einer Herausforderung wie einer Befreiung. Später vergrößerten sich allerdings die Probleme und Auseinandersetzungen in ihrer Beziehung, die der Schriftsteller rückblickend etwa in „Mein Leben als Mann“ (1974) verarbeitete. In seiner Autobiografie „Die Tatsachen“ (1988) avancierte Margaret als Josie Jensen gar zum „Gegenselbst“, zur „Erzfeindin und Nemesis“ des Autors. 1963 trennte sich das Paar, doch Margaret Roth weigerte sich, in eine Scheidung einzuwilligen. Fünf Jahre später starb sie bei einem Autounfall.

Von 1958 an lebte das Paar in New York an der Lower East Side von Manhattan, 1959 verbrachten sie sieben Monate mit einem Guggenheim-Stipendium in Italien. Nach der Rückkehr ließen sich beide in Iowa City nieder, wo Roth an der Universität den Writers’ Workshop leitete. Die Erfahrungen im kleinstädtischen Iowa fernab der amerikanischen Metropolen flossen in Roths zweiten Roman „Anderer Leute Sorgen“ ein, der 1962 erschien, der im Unterschied zu Roths zuvor veröffentlichtem Erzählband bei den Kritikern jedoch gemischte Reaktionen hervorrief.

1962 wurde Roth Writer-in-Residence an der Universität Princeton. Nach der Trennung von seiner Frau begann er eine fünfjährige Psychoanalyse beim New Yorker Psychiater Hans J. Kleinschmidt, der die Fallgeschichte 1967 unter dem Titel „The Angry Act: The Role of Aggression in Creativity“ anonymisiert in einer medizinischen Fachzeitschrift veröffentlichte. Im Jahr darauf reiste Roth zum ersten Mal nach Israel und nahm am American Jewish Congress teil, führte Diskussionen mit israelischen Intellektuellen und dem Premierminister David Ben-Gurion. Von 1965 bis 1977 hatte Roth dann einen Lehrauftrag für Komparatistik an der University of Pennsylvania.

Berühmt machte Roth 1969 der Skandalroman „Portnoys Beschwerden“. In der Zeit der sexuellen Befreiung erzählte der Anwalt Alexander Portnoy auf der Analytikercouch von seinen ausgeprägten Komplexen und seinem Unglück mit Frauen, das er gänzlich auf seine überfürsorgliche Mutter und den schwachen Vater zurückführte. Selbstverliebt, bemitleidenswert, obsessiv war dieser Portnoy, mit seinem ausgeprägten Hang zu Selbstbefriedigung und Impotenz. Die Lächerlichkeit seiner Obsessionen, die Unmöglichkeit ihnen zu entkommen, und die Eloquenz, mit der er von ihnen berichtete, machen ihn zu einem Verwandten Woody Allens. „Portnoys Beschwerden“ schildert die sexuellen Erfahrungen und Nöte eines Heranwachsenden mit einer Offenheit, die selbst in der liberal-libertären Phase der späten sechziger Jahre noch einen Skandal provozierte. Der Witz dieser Selbstbetrachtung des Autors unter anderem Namen – eben Portnoy – aber ist bezwingend; es gibt kaum ein amüsanteres Buch der modernen Literatur.
Philip Roth selbst fand diesen Roman gar nicht so wichtig. Er sei einfach nur das vierte von insgesamt über 30 Büchern. Immerhin räumt er ein, dass er dem Thema "Masturbation" einen festen Ort auf der Landkarte der Literatur verschafft hat. Aber eigentlich, sagte er in einem Interview, sei das Thema von "Portnoys Beschwerden" etwas ganz anderes. Glutkern des Romans sei jene heiße Szene, in der Portnoys Onkel seinen großen, starken Sohn im Keller verdrischt, weil der mit einem nichtjüdischen Mädchen ein Verhältnis angefangen hat – hinterher gibt er dem Mädchen hundert Dollar und erzählt ihr, sein Sohn leide an einer seltenen Blutkrankheit. „Das schmutzige Geheimnis dieses Buches ist nicht die Masturbation. Es ist die Brutalität des Gefühls in einer jüdischen Familie, so Roth.
Als "Portnoys Beschwerden" erschien, galt der Autor als ein jüdischer Selbsthasser. Philip Roth wehrte den Vorwurf ab: "Unsinn. ,Jüdischer Selbsthasser' ist nichts weiter als das Schimpfwort, mit dem die jüdische Gemeinschaft jeden jungen jüdischen Schriftsteller begrüßt." Nicht bezweifeln kann man jedoch Folgendes: Seit "Portnoys Beschwerden" hat sich die Art, wie Philip Roth jüdisches Familienleben beschreibt, radikal verändert. Damals war ihm die jüdische Familie noch ein gigantischer, ein brüllender Witz – in seinen späteren Romanen dagegen erscheint sie als etwas Kostbares und Bedrohtes, übrigens auch als etwas Heroisches.

1971 veröffentlichte er die grandiose Satire „Unsere Gang“ über einen amerikanischen Präsidenten namens Trick E. Dixon. Jeder erkannte darin 1971 den damals regierenden Präsidenten Richard Nixon alias „Tricky Dick“, der zur Ablenkung von innenpolitischen Problemen einen kleinen Krieg mit Dänemark vom Zaun zu brechen gedenkt. Die Lektüre dieser bitterbösen Farce aus sechs immer grotesker werdenden Kapiteln, die den Protagonisten schließlich in die Hölle führt, ist immens lohnend. Sie zeigt einen kämpferischen Philip Roth am Werk, der die gleiche Rücksichtslosigkeit, die er beim Blick auf sich selbst walten ließ, ebenfalls dann benutzte, wenn es um politisches Engagement ging. Auch das mag verhindert haben, dass er den Literaturnobelpreis zugesprochen bekam.

Danach wurde Roth der Großmeister des autobiographischen Vexier- bzw. Verwirrspiels. In „Mein Leben als Mann“ (1974), vielleicht ein Schlüsselroman, schildert der Schriftsteller Peter Tarnopol eine Ehehölle, in die er gegen seinen Willen mit Selbstmorddrohungen und falschen Schwangerschaften getrieben wird. (Die Hölle, die eine Ehe mit Roth für die andere Seite bedeutete, beschrieb später seine zweite Frau Claire Bloom in ihren Erinnerungen.)
In diesem Buch trat auch das erste Mal der jüdische Schriftsteller Nathan Zuckerman auf, die vielleicht wichtigste Figur, die Roth erfunden hat. „Der Ghostwriter“, „Zuckermans Befreiung“ und „Die Anatomiestunde“ wurden die Zuckerman-Trilogie (mit „Die Prager Orgie“ als Epilog), erschienen in der ersten Hälfte der achtziger Jahre. Roth erzählte von der jugendlichen Kunstbegeisterung und den Schreibblockaden des arrivierten Schriftstellers, er erzählte von der absoluten Notwendigkeit und absoluten Unmöglichkeit aus dem Judentum, genauso wie aus der eigenen Familie, auszubrechen. Auch von seiner Figur konnte Roth sich nur schwer trennen: Erst 2007, in dem Roman „Exit Ghost“ (eine Regieanweisung aus dem „Hamlet“) verabschiedete Roth Zuckerman – endgültig, wie er sagte.
Ein wirklich persönliches Buch war „Patrimony“ (1991), das auf Deutsch „Mein Leben als Sohn“ heißt. Roth erzählte hier von den letzten Jahren im Leben seines Vaters, sehr genau, verletzend genau, aber auch sehr hingezogen zu dem alten Mann, er erzählte von seinem Hass und seiner Liebe, mit beiden kann man nicht zurechtkommen, denn irgendjemand ist immer von dem anderen abhängig: ein klassisches Vater-Sohn-Buch, ein klassisches Hassliebe-Buch.

In „Operation Shylock“ (1993), einer aberwitzigen Spionagegeschichte, erfand Roth für sein Roman-Alter-ego Philip Roth seinen Doppelgänger, Philip Roth, der den Auszug der Juden aus Israel propagiert. Ist dieser Doppelgänger nur ein Irrer, oder ist er ein gefährlicher Hochstapler? Die Ereignisse überschlagen sich, und der echte Philip Roth gerät in ein politisch brisantes Spionagenetz. Er beginnt an seiner Identität zu zweifeln und vermag bald nicht mehr, zwischen Wahn und Wirklichkeit sicher zu unterscheiden. Und dem Leser geht es ähnlich. Es ist eine Spionagegeschichte, ein Thriller, ein politischer Roman, absolut aberwitzig und absurd.

Als er für seinen Roman "Sabbaths Theater" noch einmal den "National Book Award erhielt, meinte er: "Ich habe ein boshaftes Buch geschrieben und fühle mich makellos wie ein Lamm". Von all seinen Romanen halten ihn viele mit Abstand für den bösesten. Auch wenn er in der Zwischenzeit in die Jahre gekommen war, verstand er es immer noch, eins draufzugeben. Nie zuvor war einer seiner Romanhelden so abscheulich, so abstoßend wie dieser Morris "Mickey" Sabbath, ein fetter alter Kerl, der einst zur See fuhr, sich in Bordellen herumtrieb, in New York als Straßenkünstler sein Dasein fristete, später als Dozent wegen "sexual harassment" vom College flog, der seine erste Frau aus den Augen, seine zweite an den Alkohol verlor, der seine Geliebte lüstern in die Arme anderer Männer trieb - und sich nun verzweifelt, aber immer noch erregt auf ihr Grab schmeißt. "Ficken" ist sein Lieblingswort: Er sagt es gern, er hört es gern, er tut es gern.
Sabbath ist mittlerweile 64, noch immer ein Hurenbock, ein Freund der lockeren Rede und stolz wie ein Kind auf den anhaltend aufragenden Mittelpunkt seines Lebens. Auch wenn er jetzt feststellen muß: "Der Schwanz wird nicht mit Garantie auf Lebenszeit geliefert."
Sabbath hat Übergewicht, arthritische Finger und Probleme mit der Prostata. Seine Geliebte ist tot, elendig an Krebs gestorben, seine Ehe hat er platzen lassen und damit Auskommen und Unterkunft aufs Spiel gesetzt. Und ein Freund aus der guten alten Zeit hat gerade Selbstmord begangen.
Da läuft Sabbath 1994 durch New York, die Stadt, die er vor 30 Jahren verlassen hat. Ein Ungetüm schleppt sich, auf dem Weg zur Beerdigung des Freundes, zum U-Bahnsteig hinab. Seine Dozentenstelle hat er vor fünf Jahren verloren, weil eine seiner Studentinnen den Tonbandmitschnitt vom gemeinsamen Telefonsex auf der Damentoilette liegenließ.
Sabbath entpuppt sich als widerlicher Alter, halb Lear, halb Falstaff, unbelehrbar und geil. Dabei hält er sich für charmant. Ein wahrlich unverfrorener Roman um einen Puppenspieler mit überreizter Phantasie, der sein Leben vor sich vorüberziehen lässt.
Die Rothsche Selbstbezichtigung, ein selbstkritischer Blick auf das eigene Werk, wird deutlich genug - doch er lässt eben auch, in Sabbaths Worten, die Gegenposition zu: Und allen, die sich jemals über ihn aufgeregt hatten, den Entsetzten, die ihn als gefährlich bezeichnet hatten, als widerlich, entartet und obszön, ihnen allen rief er jetzt zu: "Gar nicht wahr! Mein Versagen besteht darin, dass ich nicht weit genug gegangen bin! Dass ich nicht noch viel weitergegangen bin!"
Nicht zufällig und wie zum Trotz macht Roth gerade diesen "Apostel der Unzucht" zum Helden eines seiner umfangreichsten und vitalsten Romane.

Es folgte die amerikanische Trilogie mit „Amerikanisches Idyll“, „Mein Mann, der Kommunist“ und – als Höhepunkt – „Der menschliche Makel“ von 2000. Hier lieferte Roth eine tiefgründige Analyse Amerikas. Die Figuren dieser Bücher haben das amerikanische Versprechen radikaler Selbstverwirklichung alle sehr ernst genommen und sie sind deswegen alle mit der viel engeren Welt ihrer Herkunft zusammengestoßen. Roth zeigte die Konsequenzen aus dieser Entwicklung mit Emphase und Klarheit. Erstaunlich, dass der erste Schritt der Emanzipation bei Roth dabei immer aus der Liebe und Erotik besteht, mit der die Figuren in die Welt gezogen werden. Sex, das bedeutete bei diesem Autor den ersten Schritt nach Amerika, es bedeutete, ein vollständiger Amerikaner zu werden.
Roth verwickelte nicht nur sich selbst, die auftretenden Frauen und die Leser in seine Bücher, er verwickelte auch die Wirklichkeit. Roth beschrieb die amerikanische Wirklichkeit nicht, sondern ließ sie in seine Bücher hinein. Die Summe dieses Erzählwerks ist „Der menschliche Makel“. In diesem Roman um den jüdischen Altphilologen Coleman Silk, der sich dann als Schwarzer entpuppt, wird entfaltet, was aus der sexuellen Revolution geworden ist, was aus der Selbsterfindung geworden ist, was aus Amerika geworden ist, und – natürlich – welche Rolle Sex im Leben spielt.
Das Werk von Philip Roth ist unglaublich konsequent aufgebaut. Nachdem durch Zuckerman, seine Trilogie und die Auftritte in weiteren Romanen eine Leitfigur erfunden worden war, konnten andere Figuren wie David Kepesh (aus „Die Brust“ und anderen Büchern), Peter Tarnopol oder Philip Roth, allesamt Nachfahren von Neil Klugman, an seine Seite treten. Durch diese Figuren und durch den Bezug auf die Entwicklung Amerikas lassen sich Roth’ Romane in mehrere Gruppen ordnen.
Seit „Das sterbende Tier“ (in dem David Kepesh wieder auftritt, 2001) schrieb Roth sein Alterswerk, immerhin auch sieben Romane. Diese Bücher sind aber keineswegs altersweise, sie sind immer noch von viriler Lebendigkeit, in gewisser Weise sogar erfrischend töricht. Und trotzdem kommt hier immer alles so, wie es kommen muss. Roth war ein immer wieder erstaunlicher Bücherbaumeister. Seine nun meist kurzen Romane waren mit einer souveränen Meisterschaft komponiert, die sich bis zuletzt in „Nemesis“ zeigte.
Wenn man Roth liest, fallen einem sehr viele Adjektive ein (so Peter Michalzik): Unverfroren, erotoman, überreizt, unerträglich, zärtlich, kalt, großartig, scharfzüngig, zynisch, unerträglich, großkotzig, komisch, unflätig, erregend, bitter, rührend, tiefgründig, fesselnd, sarkastisch ... Sie widersprechen sich zum Teil. Aber sie gehören wirklich alle zu diesem Autor.

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