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Bücherschau

Anna Mitgutsch - Die Faszination des Unsagbaren

Brigitte Winter über die große österreichische Dichterin Anna Mitgutsch

Schon mit ihrem ersten Roman „Die Züchtigung“ (1985) traf Waltraud Anna Mitgutsch (wie sie sich noch bei ihren ersten Büchern nannte) einen neuen, unerbittlichen Ton. Diese nicht nachlassende erzählerische Intensität hielt sie auch bei ihren folgenden Werken, das zu einem wahrlich stattlichen Œuvre gewachsen ist, in dem verschiedene Motivverdichtungen in jeweils neuen poetischen Gestaltungsweisen Themen wie Fremdheit und Zugehörigkeit, Erinnern und Vergessen, Ausgestoßen-Sein und Weltentfremdung behandelt werden. Sie stellen der Gegenwart die fortwirkende Vergangenheit gegenüber, legen Brüche, schmerzhafte Schnitte und Abgründe in Biografien offen und fragen letztlich unbeirrbar nach dem Wert und Gewicht eines Lebens, nach dem Grund von Schicksalen.

Die am 2. Oktober 1948 in Linz geborene Anna Mitgutsch war nach dem Studium der Anglistik und Germanistik in Salzburg bis 1978 Assistentin am Institut für Amerikanistik in Innsbruck, und dann Lehrbeauftragte in England, Seoul und in den USA. Die Erfahrungen ihrer Auslandsaufenthalte flossen später in ihre Romane ein, die sämtlich als genaue Psychogramme der Entfremdung gelesen werden können. 1985 kehrte sie nach Linz zurück und legte ihren ersten Roman „Die Züchtigung“ eine unter die Haut gehende Studie zum Thema der Mutter-Tochter-Beziehung vor, in dem sie das lebenslängliche Leiden einer Tochter an der Beziehung zur gewalttätigen Mutter schildert.

Am Anfang ihres Debütromans steht eine Art Schutzbehauptung: „Seine Gestalten sind frei erfunden“. Das Erziehungsmotto der Mutter lautet: „Kinder müssen unbedingt geschlagen werden, sonst wird nichts aus ihnen, wer sein Kind liebt, der spart die Rute nicht“. Und sie hat es zwanghaft befolgt: „Schläge, das bedeutete nie einen spontanen Zornausbruch, auf den Betretenheit und Versöhnung folgen konnten. Das begann mit einem Blick, der mich in ein Ungeziefer verwandelte. Und dann das Schweigen, in dem noch nichts entschieden war und in dem es doch kein Entkommen mehr gab. Das Verschulden wurde von diesem Schweigen verschluckt, es wurde nie erörtert. Ausreden, Erklärungen, Entschuldigungen gab es nicht. Da stand das Vergehen, vom Bananenfleck auf dem Kleid bis zur verweigerten Nahrungsaufnahme, unsühnbar, und plötzlich war das Vergehen nur mehr Symbol für die ungeheure Schlechtigkeit, für die keine Züchtigung ausreichte. Hol mir den Teppichklopfer, befahl sie, oder, hol mir den Prügel. Das war ein armdicker Holzprügel, den sie im Lauf der Erziehung an mir entzweischlug.“
Schläge als Bestrafung, Therapie, Prophylaxe, Schlagen als Ritual, als Ersatzbefriedigung, als Gottesdienst: „Es gab unantastbare Regeln bei diesen Schlagritualen, die ich nie zu durchbrechen gewagt hätte, weil ich überzeugt war, die Strafe würde sich sonst ins Unvorstellbare, Unüberlebbare steigern. Ich durfte mich nicht hinter Möbel oder unter dem Tisch verstecken, ich durfte nicht versuchen, über die Stiege oder durch die Tür zu entkommen, und ich durfte keinen Gegenstand zwischen mich und das Züchtigungsinstrument bringen. Es handelte sich ja beim Schlagen um einen ernsten, geradezu feierlichen Vollzug, um einen Dienst im Namen eines höheren Gesetzes, der nicht durch ein Versteck- oder Nachlaufespiel ins Lächerliche gezogen werden durfte.“
Diese Mutter setzte ihren Wahn täglich und tätlich um. Das Kind sollte zu einem anständigen Menschen geprügelt werden, sollte abgerichtet werden, damit einmal etwas Besseres aus ihm wird. Schläge auch als Vergeltung für die eigene finstere Jugend – weil auch die Mutter, aufgewachsen auf einem kleinen österreichischen Bauernhof, in einem dumpfen, brutalen Milieu, ist von ihrem Vater misshandelt worden, einem Trinker und Tyrannen. Auch ihr ist Lebensangst ein- und Selbstbewusstsein ausgeprügelt worden – und ihre Mutter hatte auch nichts anderes kennengelernt. Als die Tochter 14 Jahre alt ist, ersetzten subtile Formen der Bestrafung die Schläge. Erwachende Sexualität wird abgetötet, die Tochter als Rivalin mit Überfütterung ausgeschaltet, in die Isolation getrieben. Dass die Tochter diese Hölle überlebt hat, erscheint wie ein Wunder. Ebenso die Kraft, mit der sie sich rückblickend der Mutter, dem „Rätsel und der Selbstverständlichkeit“, wenn nicht verzeihend, so doch verstehend, nähert. Der Schatten der (toten) Mutter ist nicht zu vertreiben. Die Beziehungen zu Männern sind tief gestört. Nach der Flucht in die Ehe mit einem schwachen Mann, findet sie sich wieder in der Situation der Geschlagenen. Die Beschädigungen und Narben sind groß und unauslöschlich. Sachlich, einfach und direkt, konstatierend und nicht anklagend, voll poetischer Kraft und Intensität erzählt dies Anna Mitgutsch. Die Betroffenheit, die von diesem furiosen, wenn auch schwer erträglichen Bericht ausgeht, kommt vor allem aus der Sprache: es wird erzählt und nicht analysiert, die (erlebte oder neu erfundene) Realität liefert die Analyse.
Im Jahr darauf folgte mit dem Roman „Das andere Gesicht“ die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Frauen, die sich in denselben Mann verlieben. Es sind zwei Frauen, die verschiedener kaum sein können. In einem komplizierten Geflecht von Anziehung und Abstoßung, von Ängsten und Sehnsüchten, wird die Geschichte ihrer komplizierten Freundschaft geschildert, in das ein Mann auf fatale Weise einbricht.
Der Roman Ausgrenzung (1989) setzt mit den beklemmenden Erfahrungen der Mutter eines übersensiblen und sozial auffälligen Sohnes das Thema der problematischen Mutter-Kind-Beziehung fort.
Es geht um Marta und ihren Sohn Jakob, einem zarten Kind mit großen blauen Augen. Er ist anders. Er hat andere Begabungen und Fähigkeiten als die, die man von einem Kind seines Alters erwartet. Er reagiert nicht, oder anders als erwartet, wenn er angesprochen wird. Die Wörter, die er sagt, formen sich nicht zu Sätzen, sondern werden, wie seine Spiele, zu rhythmisch wiederholten Ritualen und er führt die Hand der Mutter zu den Dingen, die er haben will. Allein gelassen von ihrem Mann, den Ärzten, den Freunden, den Nachbarn, versucht Marta, sich in Jakobs Welt zu begeben, um ihn besser zu verstehen. Sie stellt ihren Tageslauf, sie richtet ihr ganzes Leben auf Jakob ein. „Das Kind ist ein Grenzfall“, erklärt sie den Kindergärtnerinnen, den Lehrern, den Therapeuten und Spezialisten. Die Grenze, die sie und Jakob von den anderen trennt, bleibt.
Mit der Schuldzuweisung, die sich unzählige Male wiederholen wird, mit dem Versuch, den „Fall“ Jakob durch eine zweifelhafte Diagnose („Autismus“) in ein System zu zwingen, beginnt der verhängnisvolle Prozess der Ausgrenzung, der völligen Isolierung zweier Menschen: "Wie leicht es war, Fachausdrücke für ihn zu finden, wie unmöglich, ihn zu verstehen“.

In ihrem großen Erinnerungsroman „In fremden Städten“ (1992) erzählt Anna Mitgutsch vom radikalen Aufbruch einer Frau, die Mann und Kinder verlässt, um in ihre amerikanische Heimat zurückzukehren, weil der Entwurzelung nie eine Beheimatung am neuen Ort und im neuen Leben folgte.

In „Abschied von Jerusalem“ (1995) gerät die Erzählerin durch eine Affäre mit einem jungen Araber in Konflikt mit ihrer lebenslangen Suche nach den eigenen jüdischen Wurzeln. Dvorah, eine etwa 50-jährige Österreicherin mit Forschungsauftrag in New York, die ihre jüdische Identität spät, dafür umso vehementer entdeckt, reist nach Israel wie in ihre Wahlheimat, findet dort jüdische Freundinnen und bleibt doch eine Fremde. So lässt sie sich auf Sivan ein, der sich als armenischer Christ ausgibt. Beide treffen sich an der Grenze ihrer Welten. Dvorah traut sich kaum, ihren israelischen Freunden von ihrer Leidenschaft zu erzählen, Sivan lehnt es ab, sich mit ihr im jüdischen Teil Jerusalems sehen zu lassen. Sie begegnen einander im Niemandsland, lieben sich auf verlassenen Friedhöfen in Ostjerusalem, sind jeweils nur wenige Abendstunden zusammen und trennen sich vor Mitternacht, um allein wieder ihrer Wege zu gehen, bis zum nächsten Tag, am selben Ort, zur selben Stunde.
Dvorah erlebt Jerusalem, die verbotenen Zonen und die erlaubten Orte, lernt die unsichtbaren, aber scharf geschnittenen Grenzen kennen, die die arabischen, armenischen, christlichen, jüdischen Viertel voneinander trennen. Wer sie überschreitet, betritt Feindesland. Was Dvorah selbst nicht glauben mag, ahnt man als Leser von Anfang an: Sivan ist ein palästinensischer Terrorist. Selbst als sie in der Zeitung von einer Schießerei zwischen israelischer Polizei und palästinensischen Terroristen liest und auf einem der Bilder den erschossenen Sivan erkennt, hält sie ein Versehen, einen tödlichen Zufall für nicht ausgeschlossen. Der Roman offenbart die durchaus dselbstsüchtige Weigerung Dvorahs, ihre Bilder von Sivan, ihren Freundinnen, von Israel und dem Judentum aufzugeben, als die Geschichte einer uneingestandenen Desillusionierung.

Im Roman „Haus der Kindheit“ (2000) wählt Mitgutsch erstmals einen männlichen Protagonisten, der als Sohn einer Emigrantin vergeblich versucht, mit der Rückkehr in die oberösterreichische Heimat den verlorenen Lebenstraum der Mutter wiederzufinden.
Max unternimmt drei Versuche, sich dem Haus der Kindheit zu nähern. Das erste Mal, im Herbst 1945, findet es der amerikanische Soldat von fremden Menschen bewohnt. Die Mutter, vom Schmerz um die vielen Toten verstört, fürchtet die Erinnerung, verbannt auch die Sprache, die das Erinnerte in Bilder fassen könnte, aus ihrem Umkreis und spricht nur noch englisch. Nach ihrem Tod fährt Max 1974 ein zweites Mal nach H. Er ist inzwischen erfolgreicher Restaurator edler Häuser. Nun will er das Haus der Kindheit zurückhaben. Es ist im Besitz der Stadtverwaltung von H. und ziemlich heruntergekommen. Seine Forderung nach Gerechtigkeit prallt am Bürokratendeutsch ab. Die Mieter, SA-Nachkommen, haben Wohnrecht auf Lebenszeit. Aus den Akten springt Max die Tragödie seiner Familie an. Die kostbaren Details seiner Erinnerung finden sich wieder auf der Inventarliste des von den Nazis konfiszierten Hauses.
In den neunziger Jahren kommt der nun Siebzigjährige, der eine Bypass-Operation hinter sich hat, zum dritten Mal nach H. Das Haus ist jetzt frei, er will es renovieren, sein Lebenswerk krönen. Aber die Sehnsucht, endlich die Wurzeln zu finden, sich zugehörig zu fühlen, erfüllt sich nicht. Die kleine jüdische Gemeinde in H. kann ihm nicht wirklich Heimat sein. Er fühlt sich enttäuscht, einsam, alt. Hat Max das Verlorene am falschen Ort gesucht? Immerhin hat er, dem Gedächtnis der Mutter zuliebe, im Haus der Kindheit jede Jahreszeit einmal verbracht, bevor er endgültig den Rückflug nach New York antritt.
Anna Mitgutsch entfacht hier das komplizierte Wechselspiel von Erinnern und Erfinden, die Psychologie der Grenzgänger und Heimatlosen, auf der Suche nach den Wurzeln, zeigt die Formen der Ausgrenzung, die Heimatlosigkeit zwischen den Kulturen und Sprachen. Der Konflikt, vielschichtig und unbegreiflich, bleibt ungelöst. Mit Max, dem eleganten, aber im Grunde bindungsunfähigen Genießer, der Frauen aufnimmt, formt und wieder stehen lässt wie hübsche Einrichtungsgegenstände, ist ihr eine überzeugende, authentisch wirkende Charakterstudie gelungen. Eine ganze Reihe von Nebenfiguren mit jüdischen Wurzeln, vor allem Frauen, suchen in Variationen von Nähe und Distanz ihre jeweils eigenen Antworten auf die Frage: Wo komme ich her? Wo gehöre ich hin?

„Familienfest“ (2003) ist in den USA angesiedelt und verfolgt über mehrere Generationen die Geschichten und Mythen einer jüdischen Einwandererfamilie, deren Wurzeln und Zusammenhalt immer mehr zu schwinden drohen. Es handelt sich um eine weit verzweigte jüdische Familie in Boston. Anna Mitgutsch „erfindet Neues mit Hilfe des Gewesenen“, wie es einmal Ruth Klüger ausgedrückt hat, sie besichtigt im Rückblick das 20.Jahrhundert aus der Sicht und den Erfahrungen einer Familie, die zu Beginn des Jahrhunderts in die USA einwanderte.

„Zwei Leben und ein Tag“ (2007) ist das mit der Biografie Herman Melvilles verschränkte, retrospektiv aufgezeichnete Protokoll einer Beziehungsgeschichte, die am akademischen Wanderleben ebenso gescheitert ist wie an der Verantwortung für den gemeinsamen Sohn, der als psychischer Grenzgänger schwer Orientierung zu finden vermag. Den drei Protagonisten des Romans stellt Anna Mitgutsch hier den Lebensweg von Herman Melville, des großen amerikanischen Dichters, in biografischen Skizzen zur Seite. Auch er führt ein Leben außerhalb der von der Gesellschaft schützend abgesteckten Normen. Allein mit seiner Weise, die Welt zu sehen. Dass er diese Einsamkeit bei genauerer Betrachtung mit der gesamten Menschheit teilt, ist eine der Erkenntnisse, die die Lektüre nicht nur dieses Romans von Anna Mitgutsch vermittelt, wie auch jene, dass die Mehrheit von uns den bequemeren Weg wählt, durch Gruppenbildung den Anschein einer Gemeinsamkeit herstellt und jene ausgrenzt, die sich in Gruppen nicht fügen. Wollen. Oder können. So wie Herman Melville.

„Wenn du wiederkommst“ (2010) ist eine Totenklage. Die Hauptfigur erfährt, dass der Mann, den sie seit mehr als 30 Jahren liebt, gestorben ist.
Nach jahrelangen Ausweichmanövern und in einem Abschnitt ihres Lebens, „in dem die Jugend vorbei ist und das Alter noch nicht bedrohlich erscheint“, haben sich die Österreicherin und ihr amerikanischer Exmann doch für ein gemeinsames Leben in Boston entschieden. Drei Tage ist es her und jetzt ist Jerome tot. Sie fragt sich, wie es ist, denjenigen zu verlieren, mit dem man den Lebensabend verbringen wollte, und aus dem anfänglichen Gefühlschaos entwickelt sich eine ungewöhnliche Liebes- und Lebensbeziehung. Anna Mitgutsch beschreibt, formal dem jüdischen Trauerritual folgend, die Entwicklung der Gedanken- und Gefühlswelt ihrer Protagonistin von der Trauerwoche über den Trauermonat bis zum Ende des Trauerjahres. Nicht zuletzt erzählt der Roman auch darüber, wie gemeinsame Erlebnisse, Krisensituationen und Glücksmomente erinnert werden. Zwar halten sich die positiven und negativen Erinnerungen die Waage, doch schnell ist klar, dass das Eigenbild mit dem Fremdbild nie zur Deckung kommen wird. Liegt es wirklich nur daran, dass Jerome ein Schauspieler war, der sich allen anders dargestellt hat? Anna Mitgutsch zeigt auch in diesem großen Roman über Liebe, Abschied und Trauer wieder die Diskrepanz zwischen unserer Wahrnehmung und der Wirklichkeit, das Verhältnis zwischen Erinnern und Erfinden.

Der Bewegung in den Lebensgeschichten in den Romanen von Anna Mitgutsch entspricht (so Evelyne Polt-Heinzl) häufig eine Bewegung im Raum: ein missglückter Aufbruch, eine Reise, eine versuchte Rückkehr, der Aufbruch der Enkelin als Hoffnungsgeste in Familienfest und die Bilanz eines ruhelosen Reiselebens. Schicht um Schicht deckt Mitgutsch im reflektierten Erleben ihrer Protagonistinnen und Protagonisten verwickelte und in der NS-Vergangenheit festgezurrte Lebensfäden auf; ebenso die kleinen Lebenslügen, die einen gerechten Blick auf das eigene Dasein mit seinen Brüchen und Wendungen so schwer oder unmöglich machen. Daraus entsteht das Lebensunglück, selbst gemacht und zugleich vom Schicksal - dem allgemein menschlichen wie dem konkret historischen - zugeteilt, angereichert durch die Schwierigkeiten der Verständigung der Geschlechter miteinander. Dass Mitgutsch sich nie auf einen der Motivstränge festlegt, vielmehr ihr Zusammenwirken und ihre gegenseitigen Bedingtheiten immer im Auge behält, macht ihre Bücher dicht und differenziert. Mit den geografischen wie kulturellen Transgressionen, die das Einzelleben oder die Familiengeschichte prägen, sind ihre Erzählwelten auch ein diskursiver Beitrag zu den Folgekosten von Migrationsbewegungen - auch für die spätere(n) Generation(en).

„Ohne dem Bedürfnis, „sich dem Unsagbaren mit den unbrauchbaren Mitteln, die uns als Menschen zur Verfügung stehen, zumindest anzunähern, gäbe es keine Kunst, die Jahrhunderte, Jahrtausende überdauert, keine Religion, keine Philosophie, und die Welt wäre ein noch düsterer Ort“, sagte Anna Mitgutsch einmal in einem Interview, denn, „wenn es einem Kunstwerk – egal, ob Musik, Bild, Foto, Literatur – gelingt, uns zu berühren, dann WISSEN wir für einen Augenblick ... das ist das, was wir mit unserem dürftigen Wortschatz als das Göttliche spüren (…) Das geht mir so bei Kafka, fast immer bei Amos Oz, auch wenn ich manche – nicht alle, eher die späten – Romane von Philip Roth lese. Aber auch bei einem einfachen Gedicht von Eichendorff kann es passieren, im richtigen Augenblick, wenn man endlich innerlich verstummt und sich zurücknimmt.“.
In dem großartigen Essay „Die Faszination des Unsagbaren“ (in den Grazer Poetik-Vorlesungen 1999, die unter dem Titel „Erinnern und Erfinden“ im Droschl Verlag erschienen) schreibt Anna Mitgutsch: „Dort, wo die Sprache endet, wo das Schweigen beginnt, glaubt die Literatur Erkenntnis zu gewinnen, in der Kühnheit, im Noch-nicht-Gedachten und -Gesagten, das aus den Grenzbereichen gewonnen wird, wohin die Konventionen des Denkens und der Sprache nicht reichen.“
Jeder ihrer Romane, die sie seit 1985 veröffentlichte, tastet sich vor in jene Grenzbezirke an den Rändern der Sprache, in Bereiche, vor denen die Wahrnehmung zurückscheut: in die Abgründe der Trauer und der Gewalt im sogenannten „Zusammenleben“ der Menschen.

 

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