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Bücherschau

Gesellschaftliche Debatten

Alexander Kluy über gesellschaftlich brisante Debatten im Sachbuchsektor

Gesellschaftlich brisante Debatten dominieren nicht nur die Agenden und Diskussionsseiten der nationalen und internationalen Presseerzeugnisse von seriösen Wochenzeitungen über bunte Illustrierte bis zu von Einzelpersonen betriebenen Blogs. Sie stellen auch einen zentralen Bereich des Sachbuchsektors dar.

Der ethisch-moralische Bogen reicht von Psychologie und der Anleitung zur Lebenskunst über Kindererziehung bis zur außerfamiliären Erziehung in Schulen und deren Evaluierung. Und weit darüber hinaus, bis zu digitalen Lebenswelten inklusive der Ambivalenz von Privatheit, Intimität und Überwachung und weiteren kontroversen Themen wie medizinischer Lebensverlängerung und Sterbehilfe.

Lebenskunst, Erziehung, Schule
Der Bereich der "Lebenskunst" weist mit Richard David Precht, Stefan Klein und Wilhelm Schmid drei der derzeit erfolgreichsten Sachbuchautoren deutscher Sprache auf. Neue Publikationen belegen mit großer Regelmäßigkeit vordere Plätze auf den Bestsellerlisten. Nahezu im Alleingang hat der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid, inzwischen ein sehr gefragter Keynote-Speaker und Seminarleiter, in den letzten zwanzig Jahren seit seinem Buch "Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst" die Lebenskunst als Genre erschaffen. Sie basiert auf einer Mischung von antiker und neuzeitlicher Philosophie unter starker Beachtung der Lebenswelt, mit der in Harmonie und frei von Stress ein glückliches Leben zu gestalten sei.(1)

Sinn, Lebenskunst und die Versöhnung mit sich selber stehen auch im Zentrum des Denkens von Richard David Precht und Stefan Klein, der sich auf den Bereich des Glückes und der Glücksökologie konzentriert.

Ein damit inzwischen eng verwandter Bereich stellt die wachsende Literatur über Burn-Out, Neue Askese, Lebensumstellung und Entschleunigung dar. Ihren Ahnherrn besitzen diese Publikationen im Amerikaner Henry David Thoreau (1817-1862), der in Schriften wie "Walden" für einen Rückzug zu sich selbst und damit einhergehend für eine innere Neubesinnung auf Intensität und das bewusste Auskosten des gelebten Augenblicks plädierte.

Klarheit, Ruhe, Freude am Wesentlichen und die Befreiung von als falsch identifizierten Zielen und die Emanzipation von materiellen Statussymbolen steht im Zentrum dieses Konzepts, für das der englische Begriff des "Downshifting" publizistisch wie psychologisch bereits weitere Verbreitung gefunden hat.(2)

Im Bereich der Kindererziehung und Kinderpädagogik haben in den letzten Jahren im deutschsprachigen Raum die Bücher des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul großen Erfolg erfahren. Sein Eltern-Kind-Konzept kreist um die Pole Integrität, Imitation und Stärkung des kindlichen Selbstbildes.

Digitales, Privates, Überwachung
Eine starke Aufmerksamkeit hat infolge der Veröffentlichungen des Whistleblowers und vormaligen Mitarbeiters der National Security Agency (NSA) Edward Snowden die digitalen Lebenswelten erfahren.

Snowdens publizistischer Kontaktmann, der Engländer Glenn Greenwald, hat nach einer Reihe "leaks" von Geheimdokumenten, die weltweit für Furore sorgten, ein Aufsehen erregendes Buch über die Spionagetätigkeiten der US-Geheimdienste vorgelegt, das den Bereich von Privatheit und Kommunikationsüberwachung, von Durchleuchtung, Intimität und kritischer Öffentlichkeit ins Licht der Öffentlichkeit gerückt hat.(3)

Auf andere, zumeist erhellende und aufklärerische Art und Weise haben sich Autorinnen wie Kathrin Passig und Mercedes Bunz und Netz-Analytiker wie Sascha Lobo, Nicholas Carr oder Eli Pariser mit Wesen, Kern und Möglichkeiten wie mit den Zukunftsaussichten des Internets auseinander gesetzt – über traditionelle ideologische Grenzziehungen hinweg.(4)

Was etwa dazu führte, dass der 2014 überraschend verstorbene deutsche Feuilletonist und Herausgeber der konservativen "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" Frank Schirrmacher in seinem Buch "Ego" eine sozialrevolutionäre Position einnahm und von einer sich selber beschleunigenden und gefühlskalten Ökonomisierung durch die Neuen Medien schrieb: "Wir erleben die neue Ära des Informationskapitalismus. Er hat damit begonnen, die Welt in einen Geisteszustand zu verwandeln. Er tut und plant große Dinge. Er will Gedanken lesen, kontrollieren und verkaufen." Und weiter: "Verhalten, für das es ,keine Gründe’ gibt, kennt der Informationskapitalismus nicht. Auch Freundschaft, Loyalität, Liebe haben in seinen Augen rationale Gründe, die im eigennützigen Interesse des Einzelnen liegen."(5)

Manfred Spitzer, Professor für Psychiatrie in Ulm, hat angesichts des fundamentalen Wandels der Jugendkultur beide Bereiche zusammengeführt und mit Erkenntnissen der Hirnforschung kurzgeschlossen. Mit großem Echo in den Medien wie bei den Verkaufszahlen hat er dem Phänomen einer "digitalen Demenz" das Wort geredet.(6)

Generationen, Alter, Sterbehilfe
Auch über einen fortschreitenden Klimawandel, über Renten- und Generationengerechtigkeit wie auch über das Phänomen einer alternden, allerdings nur in Maßen alters- oder behindertengerechten Gesellschaft wird aus unterschiedlicher Perspektive und aus unterschiedlichen Blickwinkeln, vom Betroffenen bis zum "Wutbürger", räsoniert.(7)

Noch umstrittenere Themen, die en vogue sind und in der öffentlichen Diskussion noch kaum Zeit hatten, Spuren zu hinterlassen, welche mit Distanz und Kühle in Augenschein genommen werden können, finden ihren Weg zwischen Sachbuchdeckel.

Etwa das Thema von medizinischer Lebensverlängerung und Sterbehilfe. Letztere wird in manchen europäischen Ländern mittlerweile auf parlamentarischem Niveau unter Beiziehung zahlreicher VertreterInnen aus Religion, Philosophie, Ethik und Gesellschaft diskutiert.

Wie auch die anderen Debatten-Themen liefern Bücher über diese teils laufenden, teils frisch angestoßenen Felder reichlich Argumentationsmaterial über das grundlegende und grundlegend erwünschte, vorgestellte oder noch zu erarbeitende Wesen, über das Selbstbild und die Selbstdefinition einer Gesellschaft.


Anmerkungen:
(1) Wilhelm Schmid: Dem Leben Sinn geben. Von der Lebenskunst im Umgang mit Anderen und der Welt, Berlin 2013

(2) Helena Horn: Wie Mondrian Ihr Leben verändern kann. Downshifting – die neue Einfachheit, Weinheim 2014; Sabine Asgodom: 12 Schlüssel zur Gelassenheit, München 2008; Halko Weiss u.a.: Das Achtsamkeits-Buch, Stuttgart 6. Aufl. 2012

(3) Glenn Greenwald: Die globale Überwachung. Der Fall Snowden, die amerikanischen Geheimdienste und die Folgen, München 2014

(4) Kathrin Passig und Sascha Lobo: Internet – Segen oder Fluch, Berlin 2012; Mercedes Bunz: Die stille Revolution. Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen, Berlin 2. Aufl. 2012; Eli Pariser: Filter Bubble. Wie wir im Internet entmündigt werden, München 2012

(5) Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens, München 2013, S. 10

(6) Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012

(7) So zum Beispiel: Sven Kuntze: Die schamlose Generation. Wie wir die Zukunft unserer Kinder und Enkel ruinieren, München 2014

Näheres:

https://www.wirlesen.org/artikel/was-lesen/medien-fuer-erwachsene/sachliteratur/gesellschaftliche-debatten

 

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