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Bücherschau

J. M. Coetzee - Aus dem beschädigten Leben oder Die Natur des Menschen

Heimo Mürzl über J. M. Coetzee

Literatur als Ort des kollektiven Gedächtnisses: Der Literatur-Nobelpreisträger J.M. Coetzee fokussiert seinen Blick auf den Alltag im Schatten der Geschichte.
John Maxwell Coetzee zählt zu den unerbittlichsten Chronisten menschlicher Unzulänglichkeiten und hält dem Leser einen Spiegel vor, in den dieser nicht sehen will, aber unbedingt sehen sollte. Verwurzelt in seiner Heimat – J.M. Coetzee wurde am 9.Februar 1940 in Kapstadt geboren – mit einem Blick auf seine südafrikanische Heimat in ihren dunklen Schattierungen, legt er seinen Lesern im übertragenen Sinn immer wieder einen Strick um den Hals und zieht diesen immer enger. Gewalt und Ohnmacht sei auch heute für viele Menschen alltägliche Lebenswirklichkeit und seine Aufgabe als Schriftsteller sei es, so unangenehm das auch sein mag, „gelegentlich das Licht auf die dunklen Ecken der menschlichen Existenz zu richten.“ Und die Kunstform Literatur sei (s)ein Mittel, die Welt zu erkennen und aufgrund der Kraft und Wirkungsmacht, die großer Kunst innewohnt, die Menschen wirkungsvoll anzusprechen und aufzurütteln. So hat J. M. Coetzee – in der Weltliteratur wohl eine ebenso solitäre Erscheinung wie sein südafrikanischer Künstlerkollege William Kentridge in der Sparte Bildende Kunst – über die Jahrzehnte ein weltberühmtes und 2003 mit dem Nobelpreis ausgezeichnetes Erzählwerk entwickelt, in dem er auf meisterhafte Weise ethische Fragen in literarische Imagination übersetzt und essenzielle Fragen stellt: Wie ist das Verhältnis zwischen Macht und Ohnmacht, wieweit verformbar ist das Individuum, was machen Gewalt und Unterdrückung mit und aus Menschen und wie überhaupt kann sich der Einzelne noch selbst entscheiden und auf wessen Kosten geschieht das? Und wie und wo bildet sich Identität heraus?

Schuld und Scham
Wie J. M. Coetzee in seinen autobiographischen Romanen („Der Junge. Eine afrikanische Kindheit“, „Die jungen Jahre“ und „Im Sommer des Lebens“) so eindringlich wie nachdrücklich schildert, stand die Frage der Identitätsfindung im Zentrum seines Heranwachsens. Der kleine John Maxwell wird englisch erzogen, findet aber auf der Farm eines Onkels sein zweites Zuhause. Hier spricht er Afrikaans, die Sprache seiner burischen Vorfahren. „Afrikaans ist wie eine gespenstische zweite Haut, die er überall mitnimmt und in die er jederzeit schlüpfen kann, wodurch er sofort zu einer anderen Person wird, schlichter, fröhlicher und leichtfüßiger.“ Auch das schwierige und angespannte Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen, zwischen Knechten und Herren spielt in seiner Kindheit und Jugend eine zentrale Rolle. All die unausgesprochenen, schwer fassbaren, aber nicht zu übersehenden kleinen Ungerechtigkeiten und das bedrückend-schwere große Unrecht des Apartheid-Systems rufen ein (noch) diffuses Schuld- und Schamgefühl im heranwachsenden Coetzee hervor.
Dieses seelische Unwohlsein und eine unbestimmbare Unsicherheit bestimmten den weiteren Lebensweg von J. M. Coetzee. Nachdem er an der Universität von Kapstadt sein Literatur- und Mathematikstudium abgeschlossen hatte, ging er in den Sechziger-Jahren nach England, arbeitete dort als Programmierer für IBM, suchte danach in den USA sein Glück und promovierte an der University of New York über Samuel Beckett. Erst 1972 kehrte Coetzee nach Südafrika zurück, wo er bis 2002 als Literaturprofessor an der Universität von Kapstadt arbeitete. Seit 2002 lebt er mit seiner Frau in Adelaide, Australien und seit 2006 ist er auch australischer Staatsbürger.
Verrat, Hass, Gleichgültigkeit, Entfremdung von der eigenen und Angst vor der fremden Kultur und immer wieder die Struktur von Macht sind die Themen, denen Coetzee mit großer Obsession und mit mikroskopischem Blick nachspürt. Viele seiner Bücher (u.a. „Im Herzen des Landes“ und „Warten auf die Barbaren“) sind nichts weniger als literarische Abrechnungen mit dem Kolonialismus und dem Südafrika der Apartheid im allgemeinen und Rassismus, (männlicher) Gewalt und sexueller Ausbeutung im speziellen. Obwohl seine Bücher von den extremen Verhältnissen im Südafrika seiner jungen Jahre geprägt wurden, sind sie doch viel mehr als (Anti-)Apartheid-Romane. Sie sind Weltliteratur im wahrsten Wortsinn: Sie beschreiben die Welt wie sie ist, und nicht wie sie sein sollte. In ihrer Zerrissenheit, mit all ihren Widersprüchen, Ungerechtigkeiten und ihrem Unrecht. Coetzee ist jedoch kein Autor, der seine Leser an der Hand nimmt und ihnen den Weg vorgibt – den müssen sie schon selbst finden. Er unterstützt sie aber mit einer ebenso präzisen wie detailliert recherchierten Wegbeschreibung.

Wucht und Intensität
Was das Werk von Coetzee so außergewöhnlich und herausragend macht, ist seine Indifferenz, das Fehlen jeder Eindeutigkeit. Coetzee beschreibt präzise und klar, wägt ab, bleibt korrekt und sachlich und vermeidet parteiliche Rhetorik. Und ist gerade deshalb viel näher an der „Wahrheit“ dran und überlässt es dem Urteilsvermögen der Leser, sich selbst ein Bild zu machen, die Fakten abzuwägen und einzuordnen und danach Position zu beziehen. Coetzees Romane berichten von der Natur des Menschen und lesen sich meist wie literarische Nachrichten aus dem beschädigten Leben.
In seinem Buch „Leben und Zeit des Michael K.“ ist vieles von dem wiederzuerkennen, was Coetzze selbst an einem Autor wichtig ist: kühle Distanz, luzide Beobachtung, sprachliche Brillanz, ästhetische Qualität und ethische Korrektheit. Coetzee erzählt in diesem parabelhaften Roman von einem von Krieg und Anarchie erschüttertem Kapstadt (Südafrika), das Michaels Leben aus den Fugen geraten lässt. Der in seiner schlichten Art sympathische Antiheld, vaterlos in einem Heim aufgewachsen, kann und will die Welt, diese von Coetzee so unnachahmlich beschriebene Welt, nicht verstehen und nichts mit ihr zu tun haben. Er will einfach nur Gärtner sein und wird doch in diesen Strudel aus Anarchie, Bürgerkrieg, Gewalt, Ausweglosigkeit und Verzweiflung mit hineingerissen. Zusammen mit seiner Mutter flieht er aufs Land, wird von den Behörden auf kafkaeske Art schikaniert und stellt nach dem Tod seiner Mutter desillusioniert und traurig fest: „Meine Mutter hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Sie hat anderen Leuten die Fußböden geschrubbt, ihnen das Essen gekocht, ihnen den Abwasch gemacht. Sie hat ihnen die Wäsche gewaschen. Sie hat ihnen die Badewanne saubergemacht. Aber als sie alt war und krank, haben sie sie einfach vergessen. Sie haben sie sich aus den Augen geschafft. Als sie gestorben war, haben sie sie ins Feuer geworfen. Sie haben mir einen alten Karton mit Asche gegeben und mir gesagt: „Hier ist ihre Mutter, nehmen sie sie weg, wir können nichts mit ihr anfangen.“
Der Titelheld zieht sich daraufhin völlig zurück und lebt ein Leben jenseits der Zivilisation, lebt von mit der Hand erlegten Tieren und von Pflanzen und Früchten, die er selbst unter größten Mühen sät, hegt und pflegt. Obwohl Coetzee diese Geschichte mit einer Wucht und Intensität erzählt, die ihresgleichen sucht, gelingt ihm das Kunststück, die Verzweiflung des Antihelden nie Überhand gewinnen zu lassen, sondern stets ein wenig Hoffnung – und mag sie noch so fern und vermessen sein – offen zu lassen. Coetzee, der als erster Autor überhaupt zweimal mit dem Booker Preis ausgezeichnet wurde, erhielt für diesen Roman 1983 den Booker Award das erste Mal. 1999 erhielt er ihn für seinen wohl berühmtesten und nicht ganz unumstrittenen, mit dem kongenialen John Malkovich in der Titelrolle auch erfolgreich verfilmten Roman „Schande“ das zweite Mal. Mit „Schande“ hat J. M. Coetzee auch den sogenannten „großen“ Roman geschrieben, der vor allem im deutschsprachigen Raum als endgültiger Nachweis von Genialität und literarischer Könnerschaft angesehen wird.

Weiser oder Rebell
Die vielen Brüche in Coetzees Werk provozierten immer wieder die Frage, ob er mehr zum Weisen tendiere oder zum Rebellen. Eine Antwort darauf zu finden, ist schwierig. Nicht so schwierig ist es festzuhalten, dass sehr viele Protagonisten in den Büchern Coetzees seelisch Versehrte sind. Das, was sie dazu machte und aus der normalen Lebensbahn geworfen hat, liegt meist in ihrer Kindheit und Jugend, ohne dass der Autor es immer explizit ausformuliert.
„Schande“ ist Coetzees Opus Magnum und der südafrikanische Literaturnobelpreisträger erzählt auf meisterhafte Art und Weise die Geschichte des alternden Literaturprofessors David Lurie, dem eine Affäre mit einer seiner Studentinnen zum Verhängnis wird und der durch diesen „Fehltritt“ in Ungnade fällt. Mit welcher Vielschichtigkeit und Lebensnähe Coetzee in diesem Ausnahmewerk seine Romanfiguren zeichnet ist schon außergewöhnlich. Wie er es aber zudem gekonnt versteht, dass sein fokussierter Blick auf den Alltag im Schatten der südafrikanischen Apartheid-Geschichte mit dem Thema der unauflöslichen Spannung zwischen Liebe und Begehren konvergiert, ist unvergleichlich und einzigartig.
Dass seine sexuelle Affäre mit der Studentin Melanie, die ebenso seine Tochter sein könnte, vom Disziplinarausschuss der Universität als sexueller Missbrauch ausgelegt wird, irritiert und verletzt den alternden Casanova und Teilzeit-Macho sehr – beruft er sich doch auf das (Menschen)Recht auf sexuelles Begehren und wählt dabei die Worte: „Ich war nicht mehr ich selbst. Ich wurde Diener des Eros.“ Coetzee macht das (männliche) Begehren zum Thema – für ihn ist es auch ein Symptom einer nicht auflösbaren Spannung der männlichen Identität als solcher. Bevor er von der Universität hinausgeworfen wird, quittiert David Lurie seinen Dienst, verlässt Kapstadt und fährt, mit sich selbst und seiner Existenz als Mann im Unreinen, auf die abgelegene Farm seiner Tochter Lucy.  Zunächst scheint es auch, als könnten der Einfluss Lucys und der natürliche Rhythmus des Farmlebens David Luries aus den Fugen geratenes Leben neuen Halt geben. Als dann aber drei schwarze Jugendliche die Farm überfallen und Lucy vergewaltigen und David Lurie nichts dagegen unternehmen kann, bricht ein grundlegender Konflikt zwischen Vater und Tochter offen zutage. Während David Lurie aus Gründen von Recht und Würde die Verfolgung und Bestrafung der Täter einfordert, kämpft Lucy dafür, das aus der Vergewaltigung entstandene Kind nicht abzutreiben und die jugendlichen Täter nicht zu anzuzeigen und ihrer Strafe zuzuführen. Nur so – pragmatisch und sich den realen Verhältnissen anpassend – meint Luries Tochter Lucy, sei ein Leben auf ihrer Farm überhaupt möglich. David Luries auf humanistischen Idealen und den schönen Künsten aufgebaute Denk- und Lebenswelt fällt daraufhin wie ein Kartenhaus in sich zusammen.
Mit dem alternden Literaturprofessor David Lurie hat J. M. Coetzee wohl seine in ihrer Ambivalenz beeindruckendste und verstörendste Romanfigur geschaffen und zum Zentrum seines großartigsten Romans gemacht. Mit seinem Alterswerk – von einer geplanten Jesus-Trilogie liegen bisher zwei Bände vor – knüpft der mittlerweile achtundsiebzig Jahre alte Nobelpreisträger von 2003 weniger an sein Opus Magnum „Schande“ als an die mit Philosophie und Wissenschaft spielenden, fabelartigen mit viel Verve und noch mehr Vorstellungskraft geschriebenen Werke in seinem ebenso vielfältigen wie umfangreichen Werk.
In den Romanen „ Die Kindheit Jesu“ (2013) und „Die Schulzeit Jesu“ (2018) jongliert Coetzee nicht nur mit Fakten und Fiktionen, spielt auf amüsante Weise mit diversen biblischen Bezügen (von der Augusteischen Volkszählung bis zur Flucht nach Ägypten), lässt den Leser wie nebenbei an Kulturgeschichte und Glaubensfragen teilhaben und macht sich einen Heidenspaß daraus, den erdachten jungen Jesus, der in seinen Romanen David heißt, als hochbegabten, altklugen und dabei irgendwie ganz normalen Jungen zu beschreiben, der Zauberer, Entfesselungskünstler oder Rettungsschwimmer werden will und seinen Freunden voll Überzeugung erklärt: „Ich muss keinen Lebensunterhalt verdienen.“
Einmal mehr in seinem künstlerischen Schaffen spielt der großartige Autor Coetzee mit scheinbaren Gewissheiten, kokettiert mit fehlenden Eindeutigkeiten und bricht gleichsam im Vorbeigehen sämtliche literarische Normen. Letztlich handelt es sich um meisterliche Charakterstudien eines Kindes, bei dem es sich auch um den menschgewordenen Gottessohn handeln könnte. Auch wenn Coetzee in seinem Alterswerk die gedankenklare Radikalität durch philosophische Altersmilde ersetzt, bleibt er ein außergewöhnlicher Autor, dem die Schärfung des Geistes ebenso wichtig ist, wie die Schulung der Seele und des Herzens.




 

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