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Bücherschau

Friedrich Torberg - Mit einzigartigem Witz und jüdischer Unmittelbarkeit

Marianne Sonntagbauer über Friedrich Torberg

Friedrich Torberg war ein engagierter Schriftsteller, der allen Ideologien misstraute. Mit Leidenschaft und Humor kämpfte er für Gerechtigkeit und Meinungsfreiheit. Zur Welt kam er in Wien als Friedrich Ephraim Kantor am 16. September 1908 als Sohn Alfred Kantors und seiner Frau Therese, geborene Berg. Er entstammt einer deutsch-jüdischen Prager Familie. Sein Vater geht als leitender Angestellter einer Prager Spirituosenfirma nach Wien. Friedrichs Schwester Sidonie ist sechs Jahre älter als er, seine Schwester Ilse wird 1906 geboren. Schon in der zweiten Klasse Volksschule trägt er im Kriegswinter 1915/1916 eigene patriotische Gedichte vor. Torberg besucht das Gymnasium in der Wasagasse und tritt der Wasserballsektion des jüdischen Sportvereins SC Hakoah Wien bei. Als der Vater 1921 zum Prokuristen der Firma befördert wird, übersiedelt er mit seiner Familie nach Prag. Torberg erhält 1924 die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, die er bis 1945 behält. Noch in der Gymnasialzeit nimmt Friedrich Kantor, da seine literarischen Attacken gegen das Schulsystem wohl üble Folgen für ihn gehabt hätten, wäre die Autorschaft entdeckt worden, ein Pseudonym an. Aus der Endsilbe seines Vaternamens Kantor und dem Geburtsnamen seiner Mutter Berg stellt er den Namen Torberg zusammen. Bei der Matura am Deutschen Gymnasium im Jahre 1927 durchgefallen, beginnt er mit der Niederschrift seines ersten Romans “Der Schüler Gerber hat absolviert“, dessen Manuskript von Max Brod an den Zsolnay Verlag nach Wien geschickt wird. Ab 1927 arbeitet Torberg beim „Prager Tagblatt“ als Sportreporter und Theaterkritiker. Die Leitung der Kulturredaktion liegt damals in den Händen Max Brods. Torberg betätigt sich als Journalist, unter anderem für „Der Tag“ in Wien. Hier ist er Stammgast im Café Herrenhof, in dem auch die Schriftsteller Hermann Broch, Robert Musil und Franz Werfel verkehren. In Prag schreibt er für die Wochenzeitschrift „Selbstwehr“ und kommt dabei mit den radikalen Zionisten in Kontakt. Ab 1935 schreibt Torberg für den von deutschsprachigen Emigranten in der Tschechoslowakei gegründeten „Prager Mittag“. Er wird Schwimmer und gefeierter Wasserballer, nachdem er 1924 Hagibor Prag beigetreten ist. Der Sport wird ihm Lebensgefühl und trägt wesentlich für seine politische Einstellung und selbstbewusste Haltung gegenüber dem Judentum bei. 1928 beginnt Torberg an der Universität Prag Philosophie und Rechtswissenschaften zu studieren. Nach drei Semestern bricht er das Studium ab.

DER SCHÜLER GERBER
1930 debütiert Friedrich Torberg mit Hilfe seines Prager Mentors Max Brod als Romanautor. „Der Schüler Gerber hat absolviert“, so lautet der Originaltitel des 1930 erstmals veröffentlichten Romans, später nur noch „Der Schüler Gerber“. Kurt Gerber ist ein begabter Schüler und steht kurz vor der Reifeprüfung. Der herrschsüchtige und sadistische Professor Kupfer quält ihn ständig mit seinem schwachen Fach Mathematik. Kupfer ist auch noch der Klassenlehrer und nutzt jede Gelegenheit die Schüler zu demütigen. Aber nicht nur die Schule belastet Gerber. Seine erste Liebe mit Lisa ist eben gescheitert und sein Vater erkrankt schwer. Gerber will seinem Vater eine Enttäuschung ersparen. So bleibt ihm nur, den ungleichen Kampf mit dem übermächtigen Professor Kupfer aufzunehmen. Das Ende ist Selbstmord, obwohl er – der Leser erfährt es in der letzten Zeile des Romans – von der Prüfungskommission für reif erklärt wird. Mit diesem Roman gelingt Torberg der literarische Durchbruch.
In Torbergs zweiten Roman „Und glauben, es wäre die Liebe“ (1932) verleben acht junge Menschen in den dreißiger Jahren einen heißen Sommer miteinander. Sie alle schreiben Tagebuch und ihre Beziehungen und Liebschaften sind einem ständigen Wandel unterworfen. Sie versuchen sich den persönlichen und gesellschaftlichen Problemen einer politisch erschütterten Zeit zu stellen und scheitern gleichermaßen an der Unfähigkeit, über sich hinauszudenken. Mit seinem zweiten Roman steht Torberg vor der Aufgabe, an den Sensationserfolg seines Erstlings, des „Schüler Gerber“, anzuknüpfen. Sowohl bei den Kritikern als auch dem Publikum ist ihm das gelungen.
„Die Mannschaft. Roman eines Sport-Lebens“ (1935) handelt von den Erlebnissen des jungen Mannschaftskapitän Harry Baumester und seiner Wasserballmannschaft. Der Roman trägt autobiografische Züge. Er spiegelt Torbergs Begeisterung für den Sport und die Zusammengehörigkeit in einer Mannschaft. Sein nächster Roman, „Abschied. Roman einer ersten Liebe“ (1937), handelt über Verwirrung, Trennung und Wiedersehen.
In den dreißiger Jahren pflegt Torberg in Altaussee Freundschaft mit Gina Kaus, Hermann Broch und Jakob Wassermann, die sich an ihren gemeinsamen Altausseer Sommern gefestigt und bereichert hat. Bis 1938 lebt er als Publizist, Theaterkritiker und Vortragender in Prag und Wien.

JAHRE IM EXIL
Im Jahre 1938, beim Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, weilt Torberg in Prag. Er fasst den Entschluss in die Schweiz zu emigrieren. In seinem Gepäck befinden sich die ersten Kapitel eines Romans über den Untergang seiner Heimatstadt, „Auch das war Wien“, an dem er die nächsten zwei Jahre arbeitet. Im Frühjahr 1939 verlängern die Behörden in der Schweiz die Aufenthaltserlaubnis nicht mehr. Die nächste Station auf seiner Flucht ist Paris. Im September 1939 meldet er sich freiwillig bei der tschechoslowakischen Exilarmee in Frankreich. Im Mai 1940 wird er dienstfrei gestellt, da die Strapazen beim Militär sein Herz belasten. Seinen Genesungsurlaub verbringt er in Paris. Am 12. Juni 1940, zwei Tage vor der Besetzung der Stadt durch deutsche Truppen, gelingt es Friedrich Torberg gemeinsam mit Freunden in einem Auto aus Paris zu entkommen. Im Juni 1940 flüchtet er von Paris nach Bordeaux, von dort über Spanien nach Portugal. Mit Hilfe des „Emergency Rescue Committee“ für gefährdete Flüchtlinge und des amerikanischen PEN-Clubs, der ihn in die zu beschleunigter Erlaubnis vorgesehene Gruppe von „Ten Outstanding German Anti-Nazi-Writers“ aufnimmt, erhält Torberg Anfang Oktober 1940 ein „Emergency Visum“ für die Vereinigten Staaten. Am 9. Oktober 1940 verlässt er an Bord der S.S. Exeter, auf einem der letzten noch aus Europa abgehenden Schiffe der „American Express Company“, Lissabon und tritt die Überfahrt nach Amerika an. Am 18. Oktober 1940 erreicht er New York. In Hollywood wird er von Warner Brothers für ein Jahr unter Vertrag genommen. Doch der Jahresvertrag wird nicht verlängert. Während seines Aufenthalts bei Warner Brothers hat er nur unproduktive Arbeit zu leisten und seine späteren literarischen Versuche in englischer Sprache – vor allem Stories und Treatments als Basis für die Drehbücher – bleiben, von einer Ausnahme abgesehen, fruchtlos. Im Sommer 1944 geht sein Wunsch in Erfüllung. Nach dem Erfolg des Films „Voice in the wind“, dessen Drehbuch er schreibt, ist es ihm möglich nach New York zu übersiedeln. Torberg arbeitet vorerst an der Ausgabe des deutschen „Time Magazine“ mit. In New York findet er beim Verleger Gottfried Bermann-Fischer, der seinen 1936 aus Berlin nach Wien übersiedelten Verlag 1938 nach Stockholm verlegt und ihn während des Kriegs von Amerika aus leitet, eine wichtige Aufgabe. Bermann-Fischer bereitet das Wiedererscheinen der „Neuen Rundschau“ und eine intensivierte Verlagsproduktion vor, für die er Torberg nicht nur als Berater, sondern auch als Autor heranzieht. Zu den Folgen der Zusammenarbeit gehört auch das herausgegebene „Zehnjahrbuch“ des Bermann-Fischer Verlages (1938-1948). 1945 heiratet Torberg die aus einer Wiener Bürgerfamilie stammende Marietta Bellak, von der er 1962 wieder geschieden wird. Im selben Jahr erhält er die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Friedrich Torbergs in der Emigration entstandenes Werk ist umfangreich. Hauptthemen in seinem Werk aus dieser Zeit sind die Auseinandersetzung mit dem Jude-Sein und der Konflikt zwischen Individuum und totalitärem System. Er verfasst die Novelle „Mein ist die Rache“ (1943), in der er erschreckend, schonungslos, mit großer Sensibilität und in nüchternem Stil von den Geschehnissen in einem Konzentrationslager erzählt. Es gilt als „gar nicht so schlimm“, bis ein neuer Lagerkommandant mit systematischen Mitteln den Ausrottungsbefehl für das Weltjudentum umzusetzen beginnt.
Im Roman „Hier bin ich, mein Vater“ (1948) gerät Otto Maier, Barpianist und österreichischer Jude, in die Fänge der Gestapo. Der zuständige Gestapobeamte Franz Macholdt, ein ehemaliger Schulkamerad von Otto, versucht ihn zu Spitzeldiensten zu erpressen, indem er ihm für den Fall seiner Mitarbeit die Freilassung seines Vaters aus dem KZ verspricht. 1939 schreibt Otto Maier in einer Pariser Gefängniszelle seine Geschichte nieder. Der Roman endet mit einem Gespräch Ottos mit seinem Religionslehrer, in dem es um den Versuch geht, Rechenschaft über den Verrat an seinen Freunden und seinem Scheitern abzulegen. Er spricht über den verzweifelten Irrweg, den er in einer aus den Fugen geratenen Zeit gegangen ist.
Der Roman „Die zweite Begegnung (1950) spielt 1948 in Prag zur Zeit der kommunistischen Machtergreifung. Der Einmarsch der Deutschen Wehrmacht 1939 sowie der sogenannte „Februarputsch“ 1948 in Prag, bei dem die KPČ die Macht in der Tschechoslowakei übernimmt, sind zentrale zeitgeschichtliche Ereignisse, entlang denen sich die Handlung des Romans entfaltet. Seine Tagebucheintragungen, die der Protagonist Martin Dub niederschreibt, sollen seine politische Entwicklung nachvollziehbar machen. Während die Ereignisse bis 1945 retrospektiv in geraffter Form erzählt werden, darunter Martins Jugend, sein Weg als sozialdemokratischer Journalist und Intellektueller, die Flucht nach Paris, wo er sich freiwillig zur Tschechoslowakischen Exilarmee meldet und die Rückkehr 1945 ins befreite Prag, setzt die eigentliche Handlung drei Wochen nach der kommunistischen Machtübernahme ein. Martin, der sich im Untergrund vor den neuen Machthabern versteckt hält, trifft seine Jugendliebe, die Tänzerin Wera Kirsanowa wieder, die ihn diesmal begleiten will, obwohl sie sich 1939 nicht zu einer gemeinsamen Flucht entschließen konnte und mit einem hohen kommunistischen Funktionär verheiratet ist. Problematisch gestaltet sich die Flucht insofern, als sein langjähriger Freund Jan Dvorsky, der sich inzwischen der Kommunistischen Partei angeschlossen hat, Martin zum Eintritt in die KP überreden und seine Flucht verhindern will. Schließlich gelangen Martin und Wera über die bayrisch-tschechoslowakische Grenze in die Freiheit. Der Roman dient Torberg vor allem dazu Kritik am Kommunismus stalinistischer Prägung zu üben. Vom Genre her hat Torberg in diesem Roman sein politisches Statement in die Form eines Liebesromans eingefügt.  

ZURÜCK IN ÖSTERREICH
1951 kehrt Friedrich Torberg aus dem amerikanischen Exil nach Wien zurück. Er lebt in Breitenfurt bei Wien und im Sommer wird er wieder Stammgast in Altaussee, das er seit Kindertagen kennt. Er unternimmt Vortragsreisen durch Österreich und Deutschland, wird Mitarbeiter beim Wiener „Kurier“ und bei der Sendergruppe „Rot-Weiß-Rot“, ist Kulturkorrespondent für die „Neue Zeitung“ in Frankfurt und später für die „Süddeutsche Zeitung“ in München.
1954 gründet Torberg die Kulturzeitschrift „FORVM. Österreichische Monatsblätter für kulturelle Freiheit“, deren antikommunistische Linie er bis 1965 als Herausgeber bestimmt und die sich binnen kurzem zu einer auch international anerkannten Publikation entwickelt. Als Theaterkritiker trägt Friedrich Torberg zusammen mit Hans Weigel maßgeblich zur antistalinistisch begründeten Ablehnung der Stücke Bertolt Brechts durch die österreichischen Bühnen der Nachkriegszeit bei („Wiener Brecht-Boykott“, der bis 1963 anhält). Er setzt sich für die Flüchtlinge des Ungarnaufstandes 1956 mit der von der „Rockefeller Foundation“ unterstützten „Forum Kulturhilfe“ ein. Vom Rundfunk und Fernsehen oft eingeladen, wird er zu einer zentralen Figur des Wiener Kulturbetriebs. Von 1957 bis 1963 beginnt Torberg mit der Bearbeitung des literarischen Nachlasses von Fritz Herzmanovsky-Orlando. Seit 1961 übersetzt er zudem die satirisch-humoristischen Texte des israelischen Schriftstellers Ephraim Kishon aus dem Englischen, und zwar so meisterhaft, dass Kishon bald ein Bestsellerautor wird.
1962 wird seine Ehe mit Marietta Torberg geschieden, die auch zu seiner Nachlassverwalterin wird. Nach Friedrich Torbergs Tod gibt sie gemeinsam mit David Axmann zahlreiche Nachlassbände heraus, darunter viele kulturhistorisch bedeutsame Briefwechsel. Die „Gesammelten Werke“ erscheinen bei Langen Müller 1962 bis 1998.
Seine in den fünfziger und sechziger Jahren entstandenen Theaterkritiken sind zum Großteil in den 1966/1967 herausgekommenen zwei Bänden „Das fünfte Rad am Thespiskarren“ enthalten, welche zusammen mit dem Auswahlband „PPP. Pamphlete, Parodien, Post Scripta“ (1964) ein Kompendium lebendiger Kultur- und Zeitkritik bilden. „Das fünfte Rad am Thespiskarren“ befasst sich mit den aus fremden Sprachen ins Deutsche übersetzten Dramatikern. Torberg greift hier zu den alten Griechen zurück und behandelt englische, amerikanische, französische Dramenliteratur. „PPP“ enthält eine Auswahl an Aufsätzen, Glossen, Parodien, Nachschriften, Nachrufen und umfasst einen Zeitraum von mehr als dreißig Jahren.
In „Golems Wiederkehr“ (1968) gelingt einem jüdischen Häftling als einzigem die Flucht aus dem KZ. Prager Juden arbeiten zusammen mit einem SS-Offizier an einem Forschungsauftrag, ein tschechischer Widerstandskämpfer gegen die sowjetische Okkupation begreift, wie wichtig so unscheinbare Dinge wie ein fehlendes Taschentuch werden können und in die geordnete Alltagswelt eines Journalisten bricht plötzlich etwas Unbegreifliches ein. Torberg stellt Fragen nach dem Sinn der menschlichen Existenz, legt menschliche Verhaltensweisen bloß und bezieht Stellung angesichts der Bedrohung des Menschen durch totalitäre Machtapparate.
Mit dem 1972 erscheinenden Roman „Süßkind von Trimberg“, seinem Referenzbuch an den mittelalterlichen jüdischen Minnesänger, beschreibt er eines seiner Lieblingsthemen seit Jugendtagen. Süßkind wird von seinem Vater, einem Arzt im Dienste der Grafen von Trimberg, im Geist der jüdischen Religion und Tradition erzogen. Als Dreizehnjähriger überlebt er einen Pogrom, dem seine Eltern zum Opfer fallen. Er begleitet einen Bettelmönch, arbeitet bei einem Steinmetz, lernt die Liebe kennen. Ein Minnesänger nimmt sich seiner an und Süßkind wird ein fahrender Sänger und dichtet in deutscher Sprache, bleibt aber dem Judentum treu. Von den Adelsherren wird er geschätzt und geschützt, denn er ist unter den fahrenden Musikanten ein exotischer Vogel. Von den Juden wird er geachtet, denn er kommt bei den Nichtjuden gut an. Als er in einem Lied die Willkür der Mächtigen anzuklagen wagt und auch noch den Bischof von Würzburg beleidigt, beginnt sein Stern zu sinken. Er wird von allen verlassen und verstoßen, auch von den Juden, die befürchten, man könnte sie für seine allzu kühnen Verse verantwortlich machen. Süßkind ist ein Heimatloser und abgewiesener Landstreicher. Er stirbt einsam und verbittert.

DIE TANTE JOLESCH - DIE ERBEN DER TANTE JOLESCH
Zwei untergegangene Bestandteile des Abendlandes – die k.u.k.-Monarchie und ihr jüdisches Bürgertum – bilden die Basis für Friedrich Torbergs anekdotische Erinnerungsbücher „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ (1975) und „Die Erben der Tante Jolesch“ (1978). In der „Tante Jolesch“ skizziert er die Atmosphäre des ehemals habsburgischen Kulturkreises. In humorvoller Weise und mit Sprachwitz wird dem Leser die Welt des jüdischen Bürgertums vor Augen geführt. In ihren „Erben“ wird die Wiener Kaffeehauswelt mit ihren Käuzen und Originalen noch einmal zum Leben erweckt. Beide Werke landen auf den Bestsellerlisten.
Am 16. Oktober 1979, wenige Wochen vor seinem Tod, wird ihm der „Große Österreichische Staatspreis für Literatur“ verliehen. Friedrich Torberg stirbt am 10. November 1979. Er hat den Nimbus eines Staatsdichters, als Bundeskanzler Bruno Kreisky an seinem Grab spricht.
Viele seiner Texte erscheinen erst nach seinem Tod in Buchform. In „Apropos. Nachgelassenes, Kritisches, Bleibendes“ (1981) sind brillant formulierte essayistisch-analytische Texte, Aufsätze, Rezensionen, Parodien, Glossen, die Torberg zu der ihn jeweils faszinierenden Sache schreibt, vereinigt. „In diesem Sinne. Briefe an Freunde und Zeitgenossen“ (1981) zeigt Torberg als begeisterten Briefschreiber, der seinen Briefpartnern erzählt und erläutert, und zwar mit sprachlicher Präzision, intellektueller Schärfe und satirischer Treffsicherheit. Parodien, in denen er Stücke von Thomas Mann, Samuel Beckett, Carl Zuckmayer und den „Salzburger Jedermann“ aufs Korn nimmt, sind Teil der Sammlung „Wo der Barthel die Milch holt (1981).
Torbergs „Post Scripta“, die er in den fünfziger Jahren im Wiener „Kurier“ und im „Forum“ veröffentlicht, zeigen die kulturellen und politischen Ereignisse auf. „Kaffeehaus war überall. Briefwechsel mit Käuzen und Originalen“ (1982) hat einen besonders reizvollen, thematisch abgerundeten Korrespondenzkomplex zum Inhalt. Es sind Briefe aus der Zeit zwischen 1940 und 1950, in denen das Kaffeehaus, das alte Österreich und sein jüdisches Bürgertum stets gegenwärtig ist. Auch in „Pegasus im Joch. Briefwechsel mit Verlegern und Redakteuren“ (1983) betreibt er die Korrespondenz als Kunstform.
Der Roman „Auch das war Wien“ (1984), den Torberg während der Emigration schrieb, ist eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des untergehenden Österreich im März 1938, als Österreich von den deutschen Truppen okkupiert wird. Torberg skizziert die Geschichte zwischen dem jüdischen Bühnenschriftsteller Martin Hoffmann und der arischen Schauspielerin Carola Hell. Die beiden richten sich in Wien eine gemeinsame Wohnung ein und träumen von einer guten neuen Zeit. Der Roman stellt ein literarisches Zeitdokument dar und schildert eindrucksvoll die Stadt, die dem Untergang geweiht ist.
Die Novelle aus dem Nachlass „Der letzte Ritt des Jockeys Matteo“ (1985) schrieb Torberg in den 1940er Jahren. Der Jockey Guiseppe Matteo ist davon überzeugt, ein letztes Mal noch siegen zu können. Mit Feingefühl bringt Torberg dem Leser die Bedeutung der Situation nahe, wenn einem das genommen wird, wofür man sich verzehrt. „Auch Nichtraucher müssen sterben. Essays, Feuilletons, Notizen, Glossen“ (1985) enthält Berichte über das eigene Schaffen, Auseinandersetzungen mit literarischen Sitten und Unsitten, mit Wien, die deutsche Sprache und schließlich Polemik.
Friedrich Torbergs Briefwechsel mit Alma Mahler-Werfel ist im Band „Liebste Freundin und Alma“ (1987) gesammelt. In „Eine tolle, tolle Zeit. Briefe und Dokumente aus den Jahren der Flucht 1938-1941“ (1989) beschreibt Torberg die gefährlichste Zeit seines Lebens – die Flucht vor den Nationalsozialisten durch halb Europa, Emigration, Verlust der Heimat und endlich Rettung. Diese Lebensetappen stellt Torberg in Briefen an den Publizisten Willi Schlamm dar. Der Band „Voreingenommen wie ich bin. Von Dichtern, Denkern, und Autoren“ (1991) vereinigt eine repräsentative Auswahl aus seinen Schriften zur Literatur. „Wien oder Der Unterschied. Ein Lesebuch“ (1998) enthält neben einigen bisher unveröffentlichten Texten einen thematisch gegliederten Querschnitt durch Torbergs Werk und berücksichtigt die Gebiete Sport, Wien 1934 bis 1938, Sehnsucht nach Österreich, Kaffeehaus, Literatur und Theater, Franz und Alma Werfel und das Judentum. Als feuilletonistische Glanzstücke erweisen sich die witzigen Parodien und die geschliffenen Polemiken.
In der Zwischenkriegszeit pendelte Friedrich Torberg als „Weltbürger ohne Heimat“, wie er sich gerne selbst bezeichnete, zwischen Prag und Wien. Die Kaffeehauskultur prägte seine schriftstellerische Vielseitigkeit als Drehbuchautor in Hollywood, als Lyriker, routinierter Romancier, Kritiker, Polemiker, Parodist, emsiger Theaterkritiker, Feuilletonschreiber und später auch als Zeitungsherausgeber entscheidend mit. Als gefürchteter Rezensent und Polemiker stand er in der Nachfolge von Karl Kraus. Torberg galt als Autorität dafür, was in der Literatur und darüber hinaus im Kulturleben zählen sollte. Er führte eine umfangreiche Korrespondenz und wendete für seine Briefe viel Zeit und Sorgfalt auf. Seine Mischung aus Witz und jüdischer Unmittelbarkeit ist und bleibt einzigartig.



 

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