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Bücherschau

Erdheim, Claudia - Bist du wahnsinnig geworden?

Erinnerungen mit bissigem Humor und feiner Ironie

Claudia Erdheim wurde 1945 in Wien geboren und ist eine bekannte Schriftstellerin und Philosophin. Sie stammt aus einer gutbürgerlichen Familie, aus der auch ein so namhafter Wissenschaftler wie Jakob Erdheim, ein pathologischer Anatom, hervorging. Ihre Mutter Tea Genner-Erdheim setzte diese Tradition fort und wurde eine bekannte Psychoanalytikerin.
Um die romanhafte Erzählung der Jugenderinnerungen von Claudia Erdheim zu verstehen, muss man eigentlich zuerst die Lebensgeschichte ihrer Mutter im Nachwort von Goldy Parin-Matthey lesen. Erst dann begreift man ein wenig, dass dieses ambivalente Verhalten der Mutter (die gutbürgerliche Herkunft, gepaart mit der Neigung und Verherrlichung des Kommunismus und die durchlebten Ängste als Halbjüdin während der Nazizeit) das Leben der kleinen, vaterlos aufwachsenden „Clautschi“ prägte. Die oft skurrilen Eigenarten der Mutter sind für das intelligente, aufgeweckte Kind meist verwirrend und verstörend. Die Mutter spricht mit ihr und ihrer älteren Schwester Itschi wie mit Erwachsenen – auch unverblümt über ihre Patienten, Krankheiten, sexuelles Verhalten und überfordert so die Kinder pausenlos. Im chaotischen Haushalt müssen die Kinder schon früh viele Aufgaben übernehmen und die schulische und außerschulische Erziehung ist ebenfalls nicht wirklich auf die Bedürfnisse der beiden Mädchen zugeschnitten. Leseprobe: „Unter der Woche ist die Göttin der Vater; am Wochenende ist sie dann die Mutter; na, und eigentlich ist sie die Tea. Tea sollen wir zu ihr sagen, und nicht dieses primitive Mama“. Aber mit bissigem Humor und feiner Ironie gelingt es Claudia Erdheim, mitreißend über die 50er Jahre und ihre Kindheit zu schreiben.
Es sind kurze Episoden in fast atemlosen Sätzen, schnell dahingesagte Situationen, die, aus der Sicht des Kindes, nur so aus der erwachsenen Claudia heraussprudeln. Mit dem scharfen, entlarvenden Blick eines Kindes zeichnet sie jetzt im Rückblick das Bild einer Frau und Mutter (sie wird von den Kindern auch als die Frau Doktor, die Göttin oder Grandy tituliert) ,die mit sich selber und ihrer Situation offenbar nicht wirklich im Reinen ist. Immer wieder ist man schockiert, wie herzlos diese intelligente Frau mit ihren Kindern umgeht. Bewundernswert, wie die kleine Clautschi ihre Mutter früh durchschaut und mit ihren Allüren fertig wird. Trotz allem war es aber offenbar eine komisch-schöne Kindheit, an der uns die Autorin wie in einem alten Album mit Bildgeschichten teilhaben lässt.
Claudia Erdheims Erinnerungen lassen vor unserem geistigen Auge das Wien der Nachkriegszeit wieder auferstehen und viele Leser werden sich noch daran erinnern können. Wie sich doch der Alltag in den letzten 60 Jahren geändert hat! Der Einkauf beim Greißler, die Straßenbahnfahrten mit Schaffner, aber vor allem die Sprache der damaligen Zeit. Das Wienerische der gutbürgerlichen Mittelschicht mit jüdischen Ausdrücken vermischt, wie man in Wien der fünfziger Jahre halt so „gredt“ hat! Es ist gut, dass es am Ende des Buches ein Glossar gibt. Wer von den heutigen Teenies weiß denn noch, was deigezn, Haftelmacher, goijisch oder Gattihose bedeutet?
So können auch jüngere Leser diesen interessanten Zeitzeugenbericht aus einer Zeit, die noch gar nicht so lange vergangen ist, lesen. Und die älteren werden sicherlich ein wenig in Erinnerungen schwelgen.
Renate Oppolzer

Erdheim, Claudia - Bist du wahnsinnig geworden?
Roman. Wien: Czernin 2018. 128 S. - fest geb. : € 20,00 (DR)
ISBN 978-3-7076-0626-3

 

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