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Bücherschau

Pirjevec, Joze - Tito

Die Biografie

Josip Brosz (1892-1980), der sich später Tito nannte, entzieht sich bis heute jeder politisch und historisch eindimensionalen Zuordnung. Schließlich war er Partisan und Revolutionär, dann Staatspräsident Jugoslawiens, Diktator und Architekt eines alternativen sozialistischen Modells. Der slowenische Historiker Joze Pirjevec, Professor für Geschichte und ausgewiesener Tito-Experte, geht in dieser Biographie dem Phänomen Tito nach.
Tito war in sehr ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte im Erster Weltkrieg gekämpft, er war in russische Gefangenschaft geraten, hatte sich dort durch die Wirren der Revolution geschlagen. Im jugoslawischen Königreich agierte er im Untergrund, in Moskau konnte der Kroate den stalinistischen Säuberungen nur mit viel Glück entgehen. Tito war im spanischen Bürgerkrieg im Einsatz, führte die kommunistischen Partisanen im besetzten Jugoslawien an.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs brach er mit Stalin und konnte die jugoslawische Föderation bis zu seinem Tod zusammenhalten – etwa ein Jahrzehnt später fiel das Staatengebilde auseinander. Pirjevec hat so viele Fakten gesammelt, dass seine Biografie auch eine lesenswerte Geschichte Jugoslawiens ist. Auf sein Urteil über den „Genossen Tito“ muss man jedoch lange warten. Ganz am Schluss des Buchs, kurz vor den Fußnoten wagt er es, vorsichtig: „Ungerecht wäre es natürlich, seine Geschichte mit der Feststellung zu schließen, dass Josip Brosz – trotz seiner 35-jährigen Diktatur – ein Tyrann gewesen sei, wie es Stalin einer war. Im Gegenteil, gerade weil er sich dessen Tyrannei widersetzt und in Jugoslawien den Selbstverwaltungssozialismus mit mehr oder weniger menschlichem Antlitz geschaffen hat, blieb er zahlreichen Zeitgenossen als Staatsmann im Gedächtnis, dem man Dankbarkeit schulde“.
Doch das allein würde Titos Opfern und Tito selbst kaum gerecht und mit der wissenschaftlichen Präzision, die das ganze Buch prägt, ergänzt der slowenische Historiker dann auch ein paar Zeilen später: „Andererseits lassen sich aber auch weder die anfänglichen Grausamkeiten des Tito-Regimes (Nachkriegsmassaker, Goli Otok), noch sein letztliches Scheitern übersehen, denn ohne seine kohäsive Kraft war Jugoslawien in dieser Form weder am Leben zu erhalten noch ließ sich das Selbstverwaltungsexperiment in eine moderne und pluralistische Demokratie transformieren.“ Dass sich Jugoslawien 1980 „in dieser Form“ befand, auch dafür war Tito verantwortlich oder besser gesagt, er war daran schuld. Diese Erkenntnis beginnt sich in den meisten früheren jugoslawischen Republiken erst langsam zu entwickeln. Das hat mit den Nachwirkungen einer Diktatur zu tun, die am Ende zwar gewisse Freiheiten bot, aber längst keine Demokratie war.
Weniger ausführlich beschreibt Pirjevec in seiner Tito-Biografie die Nachkriegsmassaker. Dabei wurden nicht nur deutsche Soldaten, sondern auch Angehörige verfeindeter Widerstandsgruppen, Royalisten, sogenannte Kollaborateure und unschuldige Zivilisten ermordet, etwa Deutsche, die auf jugoslawischem Gebiet gelebt hatten.
„Große Männer machen große Geschichte“ oder irgendwann eben auch nicht mehr. Pirjevec folgt dieser klassischen historischen Methode sehr konsequent. Das hat Vor- und Nachteile, vieles wirkt zwangsläufig, alternativlos. Dass Tito auch Spielräume hatte, kommt oft etwas zu kurz. Pirjevec‘ Biografie, die zugleich auch eine Geschichte Jugoslawiens darstellt, ist trotz all der Faktenfülle gut und spannend lesbar und sicherlich ein Standardwerk.
Robert Leiner

Pirjevec, Joze - Tito
Die Biografie. München: Kunstmann 2018. 744 S. - br. : € 20,60 (BI)
ISBN 978-3-95614-242-0

 

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