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Bücherschau

Reiber, Joachim - Gottfried von Einem

Komponist der Stunde null

Gottfried von Einem, der wohl bedeutendste österreichische Componist(!) des 20. Jahrhunderts, war körperlich wie geistig eine eindrucksvolle Persönlichkeit. Der musikalisch hochbegabte Bub erhielt bereits als Kind Klavierunterricht, studierte bei Boris Blacher, dem er zeitlebens in großer Freundschaft verbunden blieb, Kompositionslehre, war 1937/38 Assistent an der Berliner Staatsoper und schrieb erste frühe Stücke.
Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegte er seinen Wohnsitz nach Salzburg, wo er im Direktorium der Festspiele neue Akzente setzte. 1947 wurde der einfühlsame, sensible Künstler mit der Oper „Dantons Tod“ nach einem Theaterstück von Georg Büchner beinahe über Nacht berühmt. Musikalisch ging der Componist seinen eigenen Weg. Seine Musik, die sich innerhalb der Grenzen der Tonalität bewegt, brach nicht mit der Tradition. Der Avantgarde erteilte er eine klare Absage. „Gottfried von Einem war ein tonaler Componist in einer atonalen Zeit, immer zugleich modern und unvorhersehbar“, charakterisierte ihn ein Musikkritiker.
Einem komponierte weitere Literaturopern, „Der Zerrissene“ nach Nestroy, „Der Prozeß“ nach Kafka, „Der Besuch der alten Dame“ nach Dürrenmatt etc. Zu zwei seiner sieben Opern, „Jesu Hochzeit“ und „Tulifant“, schrieb Lotte Ingrisch, seine zweite Frau, das Libretto. Dazwischen und daneben komponierte er Kammermusik, Streichquartette, Kantate, Stücke verschiedenster Art und Lieder. Das Lied war seine musikalische Lieblingsgattung. Er vertonte unter anderem Gedichte von H. C. Artmann, seiner Frau und Christine Busta. Mit Christine Busta, der großen österreichischen Lyrikerin, verband ihn eine Seelengestimmtheit, die sich in ihrer Korrespondenz reflektiert. Der Autor hat einige dieser Briefe veröffentlicht, wie sein Buch ja überhaupt auf reichhaltigem Quellenmaterial (Tagebücher, Briefe, Erstaufführungsberichte in Zeitungen etc.) basiert.
Gottfried von Einem hatte ein reiches, aber quälendes Gefühls- und Seelenleben. Er suchte das Helle in einer Welt der Dunkelheit und fand es im musikalischen Schöpfertum. In Zeiten der Muße wurde er dann wieder von tiefen Depressionen geplagt. Ein weiteres Grundmotiv seines Lebens war das Trauma des fehlenden Vaters. Er war ein außereheliches Kind. Sein leiblicher Vater war ein ungarischer Graf. Die Mutter verheimlichte es ihm. Die Suche nach einer Vaterfigur beschäftigte ihn ein Leben lang. Joachim Reiber, ein deutscher Historiker und Musikkenner, hat in seinem aufschlussreichen, kritischen Buch den psychologischen Aspekt in den Mittelpunkt seiner Darstellung gerückt. In seiner niveauvollen Künstlerbiographie kommen aber auch das zeitgenössisch Ambiente und die Analyse der Werke des großen Tonkünstlers nicht zu kurz.
Friedrich Weissensteiner

Reiber, Joachim - Gottfried von Einem
Komponist der Stunde null. Wien: Kremayr und Scheriau 2017. 253 S. : zahlr. Ill. -fest geb. : € 24,00 (BI)
ISBN 978-3-218-01087-0


 

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