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Bücherschau

Was ist und wie notwendig ist Literaturkritik?

Brigitte Winter über die Literaturkritikerin Sigrid Löffler und ihr Plädoyer für eine unabhängige, glaubwürdige und kritische Literaturkritik

Die Literaturkritik ist hierzulande ins Hintertreffen geraten. Im Vergleich zum Status der Literaturkritik vor zwei, drei Jahrzehnten muss man ohne Zweifel einen Verfall konstatieren. Der klassische Rezensionsjournalismus wird zunehmend an die Ränder der Medienöffentlichkeit gedrängt und zunehmend wirkungsloser. Sein Einfluss, seine Definitionsmacht schwindet. Die Aufmerksamkeit ihr gegenüber nimmt ab, in den schrumpfenden Feuilletons sind immer weniger Kritiker tätig, immer weniger Entscheider, die über die Sortierung und Bewertung der Neuerscheinungen befinden. Und offenbar stört dies kaum jemanden. Denn: Wenn, wie Thomas Steinfeld meint, die Literaturkritik Bücher rezensiert, die die Leute nicht lesen, warum sollten die Leute dann noch die Rezensionen lesen?
Dieser nicht überraschende, jedoch zutreffende Befund stammt von Sigrid Löffler, einer der bekanntesten Literaturkritikerin im deutschen Sprachraum. Es lohnt sich, mit ihr über den Stand und die Möglichkeiten der Literaturkritik heute nachzudenken.
„Wir sehen“, so Sigrid Löffler in ihrer Rede auf die österreichische Literaturkritikerin Daniela Strigl, „wie parallel zum Abbau der klassischen Feuilleton-Kritik die Werbe- und Marketingabteilungen und die Pressestellen aufgerüstet werden und das Terrain der unabhängigen Kritik unterwandern, ganz im Vollgefühl, historisch das Rennen gemacht zu haben. Wir sind uns bewusst, dass eine unabhängige, diskursive Literaturkritik immer mehr durch offene oder versteckte Medienpartnerschaften ersetzt wird.“
Der Grund dafür ist, dass sich in den Redaktionen überwiegend der Service-Journalismus durchgesetzt hat: Nicht mehr der unabhängige, souveräne Kritiker ist die Instanz, sondern der Konsument. Dessen einziges Kriterium ist der Markterfolg, und dieses Erfolgskriterium setzt alle Qualitätskriterien außer Kraft. So wird das Urteil eines Kritikers immer öfter ersetzt durch willkürliche Ratingsysteme.
Das alles bleibe, so Löffler weiter, naturgemäß nicht ohne Wirkung auf das Selbstverständnis der Literaturkritiker. Sie kämpfen mit einer Vielzahl von Verlustängsten, gegen die auch eine Panzerung mit Dauerironie und Zynismus nicht wirklich hilft: „Angst vor dem Verlust von Einfluss, Deutungshoheit und Sozialprestige, aber auch schlicht Angst vor Stellenabbau und dem Verlust des Arbeitsplatzes. Ihre Überlebensstrategien sind gekennzeichnet von Selbstzweifeln und Verunsicherung.“
Für den Literaturkritiker ergeben sich daraus einige unbequeme Fragen: Wie soll er auf die veränderten Marktbedingungen reagieren? Wie soll er sein angestammtes, aber von vielen Seiten angefochtenes Arbeitsfeld behaupten? Soll er es überhaupt noch verteidigen, wenn doch seinem Beurteilungs- und Bewertungsgeschäft die Kundschaft abhanden gekommen ist? Wie weit soll und muss er gehen in der Anpassung an veränderte Marktbedingungen und Leser-Erwartungen? Und wo beginnt die Preisgabe der kritischen Urteilskompetenz und Unabhängigkeit? Ab welchem Punkt untergräbt der Kritiker seine eigene Glaubwürdigkeit, indem er dem Trend zur fröhlichen Konsumentenberatung nachgibt? Und wo hört die Kritik auf, wo beginnt das Verkaufsgespräch mit dem Kunden?
Sigrid Löffler: „Warum also nicht der Versuchung nachgeben, die Kritik durch Medienunterhaltung zu ersetzen, um das Publikum zu amüsieren, das doch nur bei Laune gehalten werden möchte? Warum nicht in den medialen Überbietungswettbewerb der Schnellredner und Fernsehkasperln eintreten und statt der Bücher lieber sich selbst inszenieren, mit Turbo-Gequassel, Totschlag-Urteilen, verbissenem Spaß-Krampf und anderen Narreteien? Warum sich den Mächtigen in den Verlagshäusern nicht als journalistischer Dienstleister empfehlen, als verlängerter Arm der Marketingabteilungen? … Warum nicht lieber gleich gut gelaunte Konsumempfehlungen und Marketing-Texte über sozusagen börsennotierte Top-Titel schreiben? Und wenn man etwas raffinierter vorgehen will, dann kann man sich dabei einen scheinkritischen Gestus zulegen, der die Affirmation nur umso reizvoller und pikanter zur Geltung bringt.
Wenn also Literaturkritik im Grunde eine Form der Verkaufsförderung ist, warum sie dann verschämt betreiben? Warum sie nicht offensiv betreiben, mit Verve und Pfiff, als pointiertes Briefing für den Party-Small-Talk eines denk- und lesefaulen Publikums? Mindestens eine professionelle Gewandtheit im Schreibstil sollte man der Schmutzkonkurrenz durch die endemisch zunehmende Laienkritik im Internet noch voraushaben.“
Wie in allen bedrohten Berufen gebe es auch unter den Literaturkritikern zunehmend mehr Zyniker, bemerkt Löffler, die schreiben, was sie selbst nicht denken, und propagieren, was sie selbst nicht glauben. Die Frage ist nur: „Kann ein Zyniker als Kritiker glaubhaft sein? Oder merkt es das Publikum? Und wenn das Publikum es merkt, macht es ihm dann etwas aus? Merkt es das Publikum, wenn Literaturkritiker nicht mehr als Kritiker schreiben, sondern für andere, nicht deklarierte Zwecke? Das sind die Alternativen, wie ich sie sehe: Ironische Selbstaufhebung der Kritik und deren völlige Auflösung im medialen Spiel. Oder Arbeit an der eigenen Glaubwürdigkeit als Kritiker, durchaus im Wissen, dass die eigene Legitimität in den Augen der Öffentlichkeit in jedem Moment auf dem Spiel steht.“
Doch der Kritiker darf kein Warenausrufer und auch nicht der journalistische Dienstleister oder gar der verlängerte Arm der Marketing-Abteilungen der Verlage werden. „Es mag sein“, meint Sigrid Löffler, „dass meine positiven Urteile vom Publikum als Empfehlung verstanden werden, doch ich betreibe keine Verkaufsförderung, ich versuche, die Qualität eines literarischen Textes zu ergründen und zu definieren. Meine Glaubwürdigkeit als Kritikerin hängt von meinem unabhängigen, kritischen Urteil ab, das ist die einzige Legitimation, die ich habe. Urteilen heißt unterscheiden. Also gibt es auch negative Urteile, vulgo Verrisse.“
Und: „Wir brauchen die Literaturkritik heute dringender denn je, auch wenn sie vielerorts gerade unterlaufen, diskreditiert und abgeschafft wird, weil sie als antiquiert gilt und weil ihre Denkfiguren als zu umständlich, zu anstrengend, zu zeitraubend angesehen werden. Benötigt werden die Kompetenz, die Leidenschaft und das unabhängige Urteil des Kritikers, denn diese Qualifikationen sind unentbehrlich in der geheimen Solidargemeinschaft von Autoren und ihren Lesern. Wenn die richtigen Bücher und die richtigen Leser zusammenfinden sollen, dann bedarf er der kritischen Moderation der Literaturkritiker. Das können weder die Werbesprüche von Marketing-Leuten, Service-Journalisten oder Fernseh-Marketenderinnen, noch die zumeist durch nichts legitimierten Laien-Kritiker im Internet.“










 

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