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Bücherschau

Ingo Schulze - Zwischen Verheißung und Realität

Heimo Mürzl über Ingo Schulze

Ingo Schulze bestaunt die Welt mit gesundem Ekel und wachem Blick und wird nicht müde mit unbestechlichem Engagement für eine gerechtere und freiere Gesellschaft zu kämpfen.
 

Der 1962 in Dresden geborene Ingo Schulze zählt zu den herausragenden intellektuellen Stimmen der sogenannten Wendeliteratur. Engagiert, klug, integer und dabei immer menschlich und sehr selten ideologisch, dogmatisch und (zu) parteiisch hat er bei seiner literarischen Analyse des Status quo immer das Versprechen einer gerechteren und freieren Gesellschaft im Blick. Das eigene Gewissen, der selbst entwickelte Kompass für Gut und Böse, Recht und Unrecht und das eigene Leben zwischen ostdeutscher Sozialisation und westdeutscher Verheißung (und Realität) waren und sind für Schulze die Instanzen, die ihn in seinem Denken und Handeln maßgeblich leiteten. Nicht allen konnte es Schulze als Kind einer realsozialistischen Erziehung und bis heute politischer Mensch Recht machen – der Vorwurf, ein „ostdeutscher“ Autor und naiver Denker in Personalunion zu sein und sich als „auf einem Auge Blinder“ auf das Verfassen von literarischen Werken zu beschränken und sich öffentlicher Stellungnahmen zu Politik und Gesellschaft zu enthalten, ist bis zum heutigen Tag nicht verstummt.

UNBESTECHLICHES ENGAGEMENT
Nicht erst nach erfolgreich bestandenem Abitur im Jahr 1981, nein, seit Ingo Schulze die unbeschwerten Jahre der Kindheit hinter sich gelassen hatte, begann er sich einzumischen. Und er wurde nicht mehr müde, sich weiter und immer mehr einzumischen. Die Zeit des achtzehn Monate dauernden Grundwehrdienstes in der Nationalen Volksarmee in Oranienburg und das anschließende Studium der klassischen Philologie in Verbindung mit Germanistik und Kunstgeschichte in Jena hatten nicht nur den Blick geschärft und die Neugierde geweckt, sondern Ingo Schulze zum politischen Menschen mit unbestechlichem Engagement geformt. Nachdem er einige Jahre als Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur tätig war, fand er seine Berufung als freier Schriftsteller, dessen Aktivitäten und Einflussbereiche aber weit über den eigenen Schreibtisch hinausreichen. Ihn als einen der kompetentesten Chronisten der jüngeren deutschen Geschichte zu bezeichnen, greift bei Ingo Schulze eindeutig zu kurz. Von der ostdeutschen Provinz über das sonnige Italien bis hin zum historischen Sankt Petersburg reichen die Schauplätze seiner Bücher. Der seit 1993 in Berlin lebende Autor bestaunt nicht nur Deutschland, sondern die ganze Welt mit gesundem Ekel und wachem Blick und bezieht in seinen Büchern und öffentlich als politischer Mensch Stellung.
Gleich sein erstes Buch, „33 Augenblicke des Glücks“, fand großen Anklang bei Kritik und Leserschaft und wurde auch mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Die in der traumhaften Kulisse von Sankt Petersburg angesiedelten, zwischen Realismus und Surrealismus oszillierenden Geschichten, berichten auf mitunter absurd-phantastische, dann wieder empathisch-mitleidende Art und Weise vom schwierigen Spagat zwischen praktisch unvereinbaren Welten. Schulze hätte es sich leicht machen können, hätte sich nach dem großen Erfolg seines Buchdebüts ganz auf das Verfassen kunstvoll geschriebener, zeitfern-„unpolitischer“ Prosa verlegen können, mit diesem Erfolgsmodell bis zu seinem Lebensende weitermachen können – und hätte damit vermutlich Erfolg gehabt. Ingo Schulze wählte einen anderen Weg, kümmerte sich wenig um die Erwartungshaltung von Kritik und Leserschaft und scheute kein (literarisches) Risiko. So machte er sich angreifbar, gab Lesern und Kritikern die Möglichkeit missverstanden zu werden und wurde gerade dadurch zu einem Solitär unter all seinen schreibenden Kollegen: Ein politischer Mensch mit unbestechlichem Engagement, jenseits von marktkonformen Veröffentlichungen und kalkulierbaren öffentlichen Einmischungen.

ZWISCHEN ALLEN STÜHLEN
Dass sich der erfolgreiche Autor Ingo Schulze stets auch als politisch denkendes und menschlich handelndes Individuum betrachtet und sich zu keinem Zeitpunkt taktisch verhält, den realen Sozialismus ebenso aufs literarische Korn nimmt wie den surrealen Kasinokapitalismus, die Ursachen von Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Vereinzelung und Populismus erkennt und benennt, sichert ihm einen unruhigen und ungemütlichen Platz zwischen allen Stühlen. Und doch sollten gerade diese den oft genannten literarischen Elfenbeinturm hinter sich lassenden, die Zerrissenheit der gegenwärtigen Gesellschaften abbildenden und mit Empathie und Mut Stellung beziehenden Bücher verpflichtende Schullektüre sein. Nicht nur, aber auch weil sich Ingo Schulze als hellsichtigster Beobachter und Beschreiber aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen erweist und vorbildhaft vorführt, wie wichtig es ist, die Dinge beim Namen zu nennen und die gesellschaftlichen und politischen Zustände als veränderbar zu begreifen. Das Leben bietet vielen Menschen Unsicherheit, Enttäuschung, Kränkung, Verletzung und Entwurzelung. Und viele der Geschichten und Bücher von Ingo Schulze bieten so etwas wie die Hoffnung auf einen Humanismus, der einen gangbaren Weg zu einer gerechteren und freieren Gesellschaft sucht und findet.
In „Simple Storys“, seinem von der Kritik hochgelobten Roman aus der ostdeutschen Provinz, erzählt Schulze in neunundzwanzig Kapiteln und nur oberflächlich betrachtet „einfachen Geschichten“ von der Wiedervereinigung und dem dramatischen Bruch, der sich nach 1989 durch so viele ostdeutsche Biographien zieht. Schulze beschreibt den Übergang vom rigiden Überwachungsstaat des realen Sozialismus zum berechnend kalkulierenden und eiskalt handelnden Kasinokapitalismus ebenso informativ wie unterhaltsam, ohne je die unangenehmen Folgen für die betroffenen Menschen auszuklammern. Er beschreibt die Schwierigkeiten, die die so lange herbeigesehnte Freiheit den Menschen macht – jeder ist jetzt für sich selbst verantwortlich und keiner kann mehr dem System die Schuld zuweisen. Dass die hart erkämpfte Freiheit zugleich neue Unfreiheiten und Abhängigkeiten schafft, verschweigt Schulze ebenso wenig wie die Erkenntnis, dass Furchtlosigkeit und erwünschte Selbstbestimmung allein nicht satt machen und die Wohnung wärmen. Mit wieviel Verve und Esprit gelingt es Schulze, davon zu erzählen, dass hinter den realsozialistischen Mauern nicht alles nur schlecht war und im gelobten Westen vieles auch heute noch schlecht ist – das kann er und das macht ihm so rasch auch keiner so gekonnt nach.

EIN HELLSICHTIGER TOR
Obwohl Ingo Schulze seinen jüngsten Roman „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ als klassischen Schelmenroman konzipiert hat und einen gutgläubig Naiven und reinen Toren zum Romanhelden macht, ist dieses Buch mit seiner stimmigen Verknüpfung von amüsanter Handlung und poetischer Analyse, lustvollem Erzählen und scharfer Gesellschaftskritik wohl das bisherige Opus Magnum in Ingo Schulzes Werk. Schulzes wahrhaft anarchischer Ansatz, dem gesellschaftlichen Status quo mit seinen Auswüchsen Demokratieverlust, soziale Ungerechtigkeit und menschenverhetzender Populismus einen hellsichtigen Toren als Widerpart gegenüberzustellen, ist ebenso gewagt wie originell. Peter Holtz ist eine Romanfigur, die stets das Gute will, das Glück für alle anstrebt und mit aller Macht und großer Naivität dafür kämpft. Wie dieser gutmütige und selbstlose Narr die unterschiedlichen Systeme aushebelt, indem er deren Ideen und Versprechungen immer beim Wort nimmt, entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik. Der reine Tor Peter Holtz ist letztlich hellsichtiger als alle anderen. Was für die einen Kalkül und Taktik ist, ist für ihn Überzeugung und Realität. Schulzes Roman erstreckt sich über den Zeitraum von 1974 bis 1998 und erzählt zu gleichen Teilen von der Zeit vor und nach der Wiedervereinigung. 1974 ist das Waisenkind Peter zwölf Jahre alt und aus dem Kinderheim ausgerissen, um seinen geliebten Heimleiter wiederzufinden, der ihn aus Überzeugung und mit humaner Grundgesinnung zu einem glühenden jungen Kommunisten erzogen hatte.
Wie der gefinkelte Erzähler Ingo Schulze seinen Romanhelden Peter Holtz zweieinhalb Jahrzehnte begleitet und ihn in jedem neuen Kapitel vor neue Herausforderungen stellt, ist so ausgeklügelt erdacht wie gekonnt in Romanform gegossen. Peter Holtz präsentiert sich allen Widerständen zum Trotz als unermüdlicher Kämpfer für eine bessere Welt. Ständig wird er missverstanden und meistens gerät sein Weltbild für kurze Zeit ins Wanken – und doch bleibt er der selbstlose Narr, der stets das Gute will. Und weil dieser Simplicissimus der Neuzeit alles ernst und alle beim Wort nimmt, ist ihm das Glück zwar immer hold – das von ihm angestrebte Glück für alle bleibt hingegen nicht mehr als ein Wunschtraum. Der Lauf der Welt und das Verhalten der Menschen bleiben Peter Holtz ein unlösbares Rätsel. Über einen Zeitraum von vierundzwanzig Jahren lässt Schulze den Leser an den Narreteien seines Romanhelden teilhaben, der selbst als Ich-Erzähler im Präsens von seinem Tun und Treiben berichtet. Peter Holtz ist ein Mensch, der einfach denkt und in völliger Übereinstimmung mit seinem jeweiligen Umfeld leben will. So kann der zwölfjährige Peter so überzeugt wie überzeugend von der klassenlosen Gesellschaft predigen wie ein linker Politiker und mit Verve und Witz über die Vorteile des realen Sozialismus referieren: „Wenn du ohne Geld durch unsere Republik reisen und dich satt essen kannst und alle freundlich zu dir sind, dann hat der Kommunismus gesiegt.“ So naiv wie dieser Satz klingt, so naiv und in seiner reinen Schelmenhaftigkeit zutiefst menschlich präsentiert sich dieser moderne Simplicissimus und vorbildhafte Gutmensch der Vor- und Nachwendezeit Deutschlands über knapp sechshundert Buchseiten. Kapitalistische Ausbeutungsverhältnisse und neoliberale von kühl kalkulierendem Denken und Handeln geprägte Lebensverhältnisse sind Peter Holtz ein Gräuel, das ihm quasi körperliche Schmerzen bereitet. So überrascht es nicht, dass er, dessen Bestrebungen sich immer wieder ins Gegenteil verkehren, zur expliziten Geldvernichtung schreitet, weil er keinen Ausweg mehr sieht. Als Maurer übernimmt er in Ostdeutschland baufällige private Mietshäuser, um dadurch dann in Gesamtdeutschland als mehrfacher Immobilienmillionär dazustehen. Sein Versuch dieses Vermögen gleich wieder selbstlos unter den Menschen zu verteilen, lässt ihn über Anlageumwege ungewollt noch reicher werden. Wie Ingo Schulze auf überaus vergnügliche Weise die Ideale und Utopien des Sozialismus mit den realen Kräften der kapitalistischen Marktwirtschaft aufeinanderprallen und so die naiven Vorstellungen seines Romanhelden ins Wanken geraten lässt, ist nicht nur ein Lesevergnügen, sondern stets mit Selbsterkenntnis und Erkenntnisgewinn verknüpft. So bleibt Peter Holtz über sechshundert Buchseiten lang den Irrungen und Wirrungen von Sozialismus und Kapitalismus ausgesetzt – ohne den idealen Weg zwischen Verheißung(en) und Realität zu finden.

ANALYSE UND APPELL
In seinem Roman „Peter Holtz. Sein glückliches Leben erzählt von ihm selbst“ hat Ingo Schulze einen gutmütigen Narren und menschenfreundlichen Toren zum Helden gemacht und ihn zu seinem literarischen Sprachrohr geformt. Die Kritik am gesellschaftlichen Status quo erfolgt hier gekonnt in Romanform. Ingo Schulze bezieht aber wie nur wenige Schriftsteller heutzutage auch abseits der literarischen Zirkel und intellektuellen Runden öffentlich immer wieder prononciert Position. Am deutlichsten und unüberhörbar wohl in seiner Dresdner Rede im Februar 2012, die in überarbeiteter Form auch als Buch unter dem Titel „Unsere schönen neuen Kleider. Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte“ erschienen ist. Schulze beklagt in diesem Text das „Ende der Utopie einer gerechten Welt“, klagt über „die ruinösen Folgen des Kapitalismus für das Gemeinwesen“, den Angriff auf den Sozialstaat, die Privatisierung vieler Bereiche und damit die Ökonomisierung aller Lebensbereiche und fordert unmissverständlich Widerstand und zivilen Ungehorsam ein. Dieser ebenso klarsichtige wie scharfzüngige Text ist zugleich messerscharfe Analyse wie auch leidenschaftlicher Appell und weist Ingo Schulze als einen der politischsten Denker unter den renommierten deutschsprachigen Autoren aus. Ingo Schulze ist ein Autor, der sowohl der poetischen als auch der politischen Verantwortung des Schriftstellers gerecht wird: „Es geht darum, sich selbst wieder ernst zu nehmen, wieder zu lernen, die Interessen unseres Gemeinwesens zu formulieren und einzufordern und nach Gleichgesinnten zu suchen. Wir müssen über die Geste und die symbolische Handlung hinaus unseren Willen gewaltlos kundtun, und dies – wenn nötig – auch gegen den Widerstand der demokratisch gewählten Vertreter.“


 

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