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Bücherschau

Florjan Lipus - Verweigerte Wehmut

Peter Klein über den großen slowenischsprachigen österreichischen Schriftsteller Florjan Lipus

© Marko Lipus

Ein Porträt über Florjan Lipuš muss man mit dem Bericht über einen Skandal beginnen, der bezeichnend ist für den Umgang mit ihm und anderen Dichtern slowenischer Sprache in Österreich.
Der Große Österreichische Staatspreis für Literatur wird einmal im Jahr im Wechsel mit den Sparten Musik, Architektur und bildender Kunst verliehen. 2016 war wieder die Literatur dran. Es ist mit 30.000 Euro die höchste Auszeichnung, die das Land für Schriftsteller zu vergeben hat. Die Jury besteht aus bisherigen Preisträgern wie Friederike Mayröcker, Gerhard Rühm, Peter Handke, Josef Winkler und Peter Waterhouse. Vorgeschlagen wurde Florjan Lipuš. Nachdem bei der entscheidenden Jurysitzung eines der Mitglieder nicht dabei sein konnte, aber nur die Stimmen Anwesender gezählt werden, hätten sich mindestens drei der Genannten für diesen Vorschlag aussprechen müssen. Es war aber so, dass zwei der Anwesenden den Vorschlag entschieden ablehnten, und zwar unfassbarerweise mit dem Argument, der Autor schreibe ja nicht auf Deutsch. Und so hat Florjan Lipuš diesen Preis nicht bekommen.
Peter Handke sagte dazu: „Ich wollte den großen slowenisch-österreichischen Autor Florjan Lipuš auszeichnen, vor allem für den Roman ‚Boštjans Flug‘, für mich eines der drei, vier Bücher von Weltliteratur, die in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben worden sind. Er erzählt von Florjans Mutter, die einem Partisanen Brot gegeben hat und dafür im KZ vergast worden ist, zusammenfantasiert mit einer Liebesgeschichte, die man in solcher Innigkeit noch nie gelesen hat, so, wie es nur in einer slawischen Sprache möglich ist. Dieses Meisterwerk wurde vom Kunstsenat zurückgewiesen: Man kannte Florjan Lipuš nicht, obwohl er bei Suhrkamp erscheint und auch Josef Winkler sehr für ihn votiert hat. Das Argument war, dass man ihn nicht beurteilen kann, weil er ja übersetzt ist. Das heißt, ein österreichischer Schriftsteller slowenischer Sprache kommt nicht einmal für die Erörterung zum Großen Österreichischen Staatspreis infrage! Ich finde, dass der Kunstsenat sich damit disqualifiziert hat und abgeschafft werden sollte.“
Es ist ein Skandal, dass einer der großen österreichischen Dichter der Gegenwart solcherart behandelt wird.
Florjan Lipuš, geboren am 4. Mai 1937 in Lobnig bei Bad Eisenkappel und aufgewachsen in einem engen Graben der Karawanken im Kärntner Grenzgebiet als Sohn zweier Kärntner Slowenen  musste als Sechsjähriger mitansehen, wie seine Mutter vor seinen Augen von als Partisanen verkleidete Gestapo-Männern verhaftet wurde, die sie in ihrer Menschenfreundlichkeit zuvor bewirtete. Sie wurde in das KZ Ravensbrück deportiert und dort ermordet. Er besitzt nur noch ein Foto von ihr und weiß so gut wie nichts über sie. Die Söhne lebten dann allein mit ihrer sterbenden Großmutter in der Einschicht in einer Seitenklamm des Grabens Remschenig und wurden nach deren Tod nur durch einen glücklichen Zufall entdeckt. Diese beiden Erlebnisse werden Florjan Lipuš zeit seines Lebens vor Augen bleiben und ihn prägen, auch literarisch: Der einsame, elende Tod der Großmutter und stärker noch der erzwungene Aufbruch und Abschied der Mutter, deren erhoffte und ersehnte Rückkehr nicht und nicht eintritt und deren gewaltsamer Tod schließlich zur furchtbaren Gewissheit wird – sie sind die Urszenen seines literarischen Kosmos.
Erst nach der Befreiung 1945 konnte er die Volksschule und später als begabtes Kind das bischöfliche Knabenseminar Marianum in Tanzenberg bei Maria Saal / Gospa sveta besuchen, wo, in anderen Schulklassen, u.a. Gustav Janus und Peter Handke seine Mitschüler waren. Schon In Tanzenberg war er Mitautor und Herausgeber der slowenischen Internatszeitung „Kreis“ (Das Sonnwendfeuer) und 1960 Mitgründer der slowenischsprachigen Kultur- und Literaturzeitschrift „mladje“ (deutsch etwa Jungholz, Nachwuchs), die von 1960 bis 1991 erschien. Hier erschienen etliche wichtige kulturpolitische und kritische Essays und Grundsatzartikel zu politischen Themen wie „nationalistischer Jubiläumsfeiern zur Kärntner Volksabstimmung“, „Ortstafelsturm“, „Volkszählung besonderer Art" etc. Die Zeitschrift war der zentrale Impulsgeber der modernen slowenischen Literatur in Kärnten. Auch Florjan Lipuš veröffentlichte hier einen Großteil seiner Texte.
Zwischen 1958 und 1962 studierte Florjan Lipuš am philosophisch-theologischen Seminar in Klagenfurt, mit dem Ziel Priester zu werden. Er schloss das Studium jedoch nicht ab, und begann ab 1966 seine Tätigkeit als Lehrer (zuerst in einer kleinen Volksschule im heimischen Graben). Bis zu seiner Pensionierung 1999 war er dann jahrzehntelang Lehrer an zweisprachigen Schulen, am längsten in Leppen/Lepena, und zuletzt in St. Philippen ob Sonegg/Šentlipš pri Ženeku.
Später wird er in seinem berühmtesten Roman „Der Zögling Tjaž“ (1972) die Erlebnisse und Erfahrungen seiner frühen Jahre einer fiktiven Figur zuschreiben, einem Knaben namens Tjaž. Ein Stück weit muss dieser Tjaž Lipuš' Bürde tragen - auf dass der ins Reine komme mit seiner Kindheit in dem lichtarmen Graben, mit dem Schicksal der Mutter, die Magd gewesen ist, und mit dem Vater, der Holzfäller war, wortkarg, grob, ein Analphabet - genau wie der Vater des Tjaž.
Wie soll man das Grauen aus Kinderzeit beschreiben? Die Misshandlungen, die Deportationen? Gestapomänner gingen, als Partisanen verkleidet, in den Gräben von Hof zu Hof, Brot erbettelnd für die „Waldleute“. Lipuš' Mutter, der Vater war im Krieg, fiel darauf herein. Am folgenden Tag kamen die Männer zurück. „Ich weiss noch, sie sagte, sie muss mit den Herren runter auf die Gendarmeriestation, aber sie komme bald zurück.“ Sie band nur rasch die Schürze ab, dann ging sie fort. Da ist Florjan Lipuš sechs gewesen. „Hitler war auch hinter der Mutter her, zum Glück war in den KZs noch etwas Platz, daher hat er sie einem KZ zugeteilt, dort hat sie noch einen freien Platz ergattert, einen von den letzten.“ – „Es kam eine lange, böse Zeit, gestopft mit Hunger, Kälte und Toten. Der Vater kehrte zurück, krumm und ausgezehrt, der Krieg hat ihm aus den Augen gestarrt, mit der Mutter hatten sie sich ein kirchliches Begräbnis gesichert gehabt, aber die Mutter hat das nicht mehr benötigt, denn sie verbrannte im KZ-Feuer.“ Florjan Lipuš sagte einmal, er wisse nicht, wie sie starb, ob sie vergast wurde: „Ich habe nicht nachgeforscht. Ich habe das verdrängt.“ 57 von den rund 200 Bewohnern des Grabens sind in der NS-Zeit eines gewaltsamen Todes gestorben.
Nach Kriegsende wird Tjaž Zögling in einem Priesterseminar bei Klagenfurt. Nur hier kann so einer überhaupt studieren - einer wie Tjaž, einer wie Lipuš, wie Handke ein Slowene, der hinaus will aus der Enge der Kärntner Welt. „Wahrscheinlich fiel es dem Tjaž unter allen Internatlingen noch am leichtesten, der Hausordnung nachzuleben, die unerbittlich tierische Unterwerfung gefordert hat. Tjaž hat sie leidenschaftlich beherrscht, hatte er doch zu Hause ihre Grundregeln mitgekriegt; die Knotenrute des Vaters hatte ihm auf eine sehr nachdrückliche Weise die ersten Gesetze des Kadavergehorsams ins nackte Fleisch eingeprägt.“ Tjaž rebelliert, er kratzt an den ehernen Zuständen; da wird er gestraft, verstossen.
Der Internatsroman erzählt durchaus gattungstypisch vom tragisch endenden Zusammenprall eines jugendlichen Individuums mit Staat und Kirche. Im Internat umgibt sich der Junge aus Not mit Stille. Auf dem Dachboden findet er eine Schreibmaschine und hält die Schulstunden fest. Das getippte Brevier unter der Schulbank schützt ihn, bis es der Schwamm zerfrisst. Da hat er schon ein Mädchen beim Unkrautjäten gesehen und sich verliebt. Die fleischliche Sünde beansprucht bald sein ganzes Denken. Zärtlich ist er Nini gegenüber mit Händen, die kratzend alles in Einzelteile zerlegen können: den Schuh eines in der Kirche knienden Mitschülers, dass die Nägel fliegen, die Robe eines Priesters, eine Druckmaschine und Fensterscheiben. Das Kratzen ist ein surreales Element im streng reglementierten Internat. Kratzend schafft sich Tjaž Raum in der Bedrängnis. Und wenn er kratzt, wächst der lange klein und unauffällig gebliebene Junge. Ohne Absätze, in dichter, oft explosiver Mischung zwischen innen und aussen, Handlung und Reflexion wechselnd, drängt diese Geschichte hervor, dabei vor- und zurückspringend, die Geschlossenheit und Gerundetheit, die Tjaž verwehrt wird von den rigiden Internatsmächten, verweigernd.
Der wichtigste der verschiedenen Erzähler offenbart sich erst in der Mitte des Buches als Tjaž' Freund, zugleich aber auch als Berichterstatter in einer obskuren Agentur, den sein Chef aus ungenannten Gründen mit diesem Bericht beauftragt habe. Nach dem tragischen Tod von Tjaž erzählt seine Geliebte Nini in einem Kapitel von den gemeinsamen Freuden; es folgt die Internatsleitung, die in blendender Laune und mit diabolischer Genugtuung die Hausordnung als Ausweis ihrer Schuldlosigkeit durchbuchstabiert, nicht ohne in einem Nebensatz Tjaž' in Ravensbrück ermordete Mutter zu diffamieren. Und im furiosen, grotesken Schlusskapitel lässt Lipuš den Delinquenten über den Tod hinaus aufbegehren: Der Sarg will nicht ins Grab passen, und als Kühe in einem Zug auf dem Weg zum Schlachthof am Friedhof vorbeifahren, sind sie es, die den Klagegesang anstimmen.
Durch diesen Roman, den 1981 Peter Handke, der sich nach seiner Rückkehr nach Österreich mit seinen Wurzeln auseinanderzusetzen begann, mit Helga Mračnikar ins Deutsche übersetzte, wurde Florjan Lipuš bekannt. Handke rühmte die „Wortspielkunst“ des Kollegen, die „Wucht und Schmerz“ seiner Texte und erkor ihn zum „exemplarischen Epiker“ der Kärntner Slowenen. Die deutsche Übersetzung wurde im März 1981 in Wien in Anwesenheit des Autors, der beiden Übersetzer und Bundeskanzler Bruno Kreiskys präsentiert. Wörtlich übersetzt lautet der slowenische Originaltitel „Zmote dijaka Tjaža“ „Die Irrtümer des Schülers Tjaž“.
Doch der Roman war auch die Initialzündung für die Literatur der Kärntner Slowenen, die plötzlich im gesamten deutschen Sprachraum wahrgenommen wurde. Doch half dies letztlich den slowenischsprachigen Kärntner AutorInnen wenig. Die Slowenen in Kärnten wurden bedrängt von der Mehrheitsgesellschaft. Die Österreicher hatten keine Partisanen hervorgebracht und schätzten die Slowenen schon deshalb gering, die ethnische Folklore diente der Entmündigung, und die eigenen Katholiken vollendeten mit ihrer Obrigkeitshörigkeit (so der verstorbene Fabjan Hafner in seinem instruktiven Nachwort zum „Zögling Tjaž“, wiederaufgelegt bei Jung und Jung 2016) die zunehmende Selbstabschaffung der Slowenen. Viele jüngere Schriftsteller schreiben heute wie Maja Haderlap auf Deutsch. Florjan Lipuš aber erhoffte in den sechziger Jahren alles von einer erneuerten slowenischen Sprache. Die Identitätsstiftung misslingt aber.

Jahrzehntelang hat Lipuš sich stark gemacht für seine Sprache, seine Kultur, sein Volk. Nach dem Erfolg des „Zöglings Tjaž“ zieht er sich zurück. Will nicht mehr für Nachbarn sprechen, die Fürsprache nicht wünschen. Nicht länger in Sippenhaft genommen werden für den Zufall oder den Fluch der Geburt. Nicht mehr Repräsentant sein; nur noch Individuum. „Wir stellen uns als Exoten dar. Unsere Organisationen wollen Sprache und Kultur zwanghaft erhalten. Doch das Niveau ist jämmerlich. Damit habe ich nichts mehr zu tun. Warum drängen wir uns so auf? Das geht ja allen auf die Nerven!, so Lipuš in einem Interview. Allenfalls, glaubt er, könne man ein Beispiel geben - durch die eigene Art zu leben.
In seinem zweiten größeren Erzähltext, "Die Beseitigung meines Dorfes" (1983) gibt es weder individualisierte Figuren noch eine durchgehaltene Handlung. Gegenstand der Erzählung ist ein Dorf, das so schemenhaft bleibt wie seine Bewohner, ein Reigen namenloser Funktionsträger: „die Bäurin“, „der Bestatter“, „der Pfarrer“, „die Honoratioren“. Im Verlauf von acht Kapiteln werden verschiedene Ereignisse des Dorflebens geschildert, die allesamt von grotesken Ritualisierungen gekennzeichnet sind. Der Kollektivcharakter der Dörfler ist bösartig, als Abwechslung von der alltäglichen Langeweile wird ein Todesfall herbeigesehnt. Man sieht die Nachbarn mit nekrophilem Blick daraufhin an, ob sie nicht bald fällig sind: „Die Erde reißt vor Dürre ihren Rachen auf, nach Leichen lechzt das Dorf.“ Naturgemäß steckt das Dorf „tief im Katholizismus“, und so sind es vor allem die Prozeduren und Prozessionen der Kirche, die Anlass zu skurrilem Spott geben.
Florjan Lipuš will die Muster des folkloristischen slowenischen Dorfromans entzaubern. Dem Klischee-Katholizismus aus der Provinz werden Erscheinungen von ebenfalls musealem Heroismus gegenübergestellt: „wilde Ehen“ und entschlossene „Freigeister“, die sich nicht mit „katholischem Schwachsinn umgarnen“, die sich nichts „Hirnverbranntes aufschwatzen lassen“. Lipuš erzählt die Dorfgroteske in einem eigenwillig artifiziellen Stil, der Sprichwörtliches, Deftiges aus der dörflichen Alltagssprache, zahlreiche Wortspiele, Reime und eine pathetische Metaphorik zusammenmischt.
„Die Verweigerung der Wehmut“ (1985), dessen (kaum übersetzbarer) Originaltitel ungefähr „Schaler, fruchtloser Wermut“ bedeutet (Wermut, nicht Wehmut: hier ist das Bittere anwesend und nicht dessen Gegenteil, das Wehmütig Süße), sein nächster Roman, ist ein großer Totentanz in vier Auftritten. Im ersten Teil kehrt der „Reisende“ aus dem „wimmelnden Getümmel“ der Städte in die wildzerklüfteten Berge, in das Dorf der Kindheit zurück. Sein Vater ist gestorben und muss zu Grabe getragen werden, getreu einer uralt archaischen Tradition, welche vom Augenblick, da die Falten im Gesicht des Sterbenden „das Totenmuster zeichneten“, bis zum Moment, da das Grab zugeschaufelt ist, alles Notwendige und Überflüssige in einem starren Regelsystem festgeschrieben hat. Doch die Heimkehr des namenlosen Sohnes gilt weniger dem Vater, von dem er sich längst losgesagt und schon als Kind mit der Vorstellung eines Todes in Gewalt, den er den Patriarchen erleiden ließ, getrennt hatte. Der Abschied gilt nicht dem toten Vater, sondern einer sterbenden agrarischen Kultur, die hier, an der Totenbahre eines Greises, noch einmal aufgeboten wird und mit all ihrer sinnlichen Pracht und lebensfeindlichen Macht, mit ihrer durch die Jahrhunderte gehärteten Besonderheit und ihrem für unzählige Menschen verheerenden Dünkel der Enge einen letzten großen Auftritt hat.
Der Totentanz wird zur Chronik einer fast schon verlassenen Region: Einst hatten hier Not und Härte geherrscht –  wie bei den Holzfällern, die nur sonntags aus den Wäldern gekommen sind und dann ihre zehn, zwölf Kinder gleich für die ganze Woche prügeln mussten. Wo Armut und dumpfe Gewalt war, dort vermag der Reisende, der statt zum Begräbnis schließlich lieber über die Felder und Steilhänge geht, auf denen auch seine Jugend in der Zwangsarbeit der Bauern vergeudet wurde, jetzt nichts als Verfall und Tod, ja die Wiedereroberung einer kargen Kulturlandschaft durch die rasch sich über die Spuren der Menschen schließende Natur zu erkennen. Keine Wehmut kommt da auf, aber doch die bittere Ahnung, dass selbst dieses Ende nicht nur Erlösung, sondern auch Verlust bedeutet. In einem mitreißenden, bei aller Kunststrenge doch ab- und ausschweifenden Prosa Gedicht lässt Florjan Lipuš so eine alte bäuerliche Kultur Europas, jene des slowenischen Berglandes im Süden Österreichs, just in der Schilderung eines Begräbnisses und seiner monströsen Vorbereitungen noch einmal aufleben und Sprache werden.
In diesen Jahren erschien im Wieser Verlag auch eine große Werkausgabe von Florjan Lipuš (mit einem umfassenden Materialband), die leider mittlerweile wieder vergriffen ist. Darin auch der große Roman"Boštjans Flug" (2003, zuerst im Wieser Verlag erschienen, 2012 in der Bibliothek Suhrkamp wiederaufgelegt). Er beginnt märchenhaft. Wir begleiten einen Jungen an einem Morgen durch ein Kärntner Tal. Im Fichtenwald trifft er auf Lina, ein Mädchen seines Dorfs, das er schon lange begehrt. Sie gehen ein Stück miteinander, und sie finden zueinander: „Boštjan hat sich mit Lina angesteckt“. Mit leisem Pathos, ohne Kitsch erzählt Florjan Lipuš vom Glück der ersten Liebe. Auf ihrem Weg bergwärts passieren die jungen Leute eine Hütte, versperrt, „die Fenster mit Brettern verschlagen“ – Boštjans Elternhaus. Die zwei erkunden die Hütte, erkunden die Biografie der Familie, auch die verschlossenen Kammern, und das Märchen wird plötzlich zur Schreckensgeschichte. Boštjan erlebte, was auch Lipuš erlebte: die Enge des Dorfs, den Druck der Deutschkärntner Mehrheit, den Horror der Nazi-Zeit.
Eine Zeitreise zurück in die Vierziger: Boštjans Vater ist Soldat der Wehrmacht im Weltkrieg, andere Slowenen ziehen als Partisanen durchs Gebirge. Eines Tages kommen Gendarmen auf den Hof, Boštjans Mutter soll mit in die Stadt zu einer Befragung, „nur kurz auf den Posten“. Der Junge, Boštjan oder Florjan, sieht sie nie wieder. Die Mutter wird deportiert. Boštjan weiß noch nichts von Ravensbrück, doch das Sterben Tod der Mutter erahnt er in einer schaurig poetischen Szene. Er ist unterwegs, und plötzlich kommt es über ihn – er weiß, „dass gerade jetzt, während er auf der Straße dahingeht, die Mutter ins Gas geschickt wird“. – „Lange dauerte ihr Sterben.“
Es gehört zu den berührendsten Passagen wie der Halbwüchsige Florjan sich auf die Suche macht, sich bis zu den Gendarmen durchfragt und später, auf dem sonst Glück verheißenden Weg, plötzlich den Tod, das Zugrundegehen der Mutter spürt, die ihm aus der Ferne ihre Stunde mitteilt: „Der Boden gefror an seinen Sohlen, es war keine Kraft mehr in den Beinen, kein Schritt mehr unter den Füßen. Ein schwarzer Fleck senkte sich auf seine Augen und machte ihn einige Momente lang blind, doch in dieser Dunkelheit, hinter dem Fleck, erschien die leuchtende Gestalt der Mutter. Lange dauerte ihr Sterben, begann immer vom Ende her, langsam wurde ihr der Tod verabreicht, und noch ehe sie weg war, schleppte er sich ins Haus.“ Früh schon muss Bostjan das Sterben erfahren, denn Krieg und Tod sind allgegenwärtig in dieser Gegend, in der die Verstorbenen mit den Lebenden am Tisch sitzen. Auch der Geist der Großmutter schwebt als Nebel über dem Haus und steht dem Enkel bei in einer Welt der Unterdrückung und des Duckmäusertums, des Sich-Fügens und Gefügig-Machens.
Mit Lina nimmt die Trauer ein Ende, kehrt Bostjan unter die Lebenden zurück. Als er endlich zu ihr findet, sich eines nachts auf den Weg macht und an ihr Fenster klopft, geht zwar ihr Vater noch einmal als Verhinderer dazwischen, der Bann aber ist gebrochen. Auch die Wortkargkeit ist nun kein Hindernis mehr, zwar „flossen die Worte spärlich, langsam, doch sie flossen“.
Er, der seinen Leib bis dahin nur durch Prügel gespürt hatte, wird plötzlich aufgeladen von ihrem Dasein, von ihrer Gegenwart: „Es wetterleuchtete zwischen ihnen, eine flüssige Substanz nahm sie auf, setzte ein Strömen von Hand zu Hand in Gang und von den Händen über den ganzen Körper.“ Beim Ausschreiten auf der Straße erfährt Bostjan seinen gänzlich veränderten Zustand, überholt sich selbst und wechselt vom Gehen in jenes Fliegen, nach dem der Roman benannt ist: „Das zeigt sich an der Länge seiner Schritte, die in gebogener Linie und wie spielerisch in die Höhe jagen, zeigt sich daran, wie lang es dauert, bis der Bogen wieder den Boden berührt, und obgleich er ihn berührt, wirkt es, als berühre er ihn nicht. Es ist zu sehen, wie die Beine in die Höhe streben und wie die Anziehungskraft der Erde schwächer wird, wie alles Erdige abfällt.“
„Seelenruhig“ (2017), das bislang letzte Buch von Florjan Lipuš, führt in das Heimatdorf des Erzählers, zu den Nachbarn und Gasthaussitzern, die einen „gewöhnlichen Fremden“ noch „irgendwie“ ertragen, „ein Fremder mit anderer Hautfarbe aber ruft bei ihnen Schrecken und unruhiges Stühlerücken hervor“. Es erzählt vom Aberglauben der Großmutter, den Gängen zum Beichtstuhl, zum Grab des Vaters. Es führt zu Fragen über die Kriegszeit, die Massengräber und die Menschen in den Viehwaggons: „Die Toten reden selber zu den Lebenden, und die Lebenden antworten darauf“.
Sie antworten jedoch nicht mit Botschaften, sondern mit Geschichten, Erinnerungsheimsuchungen, die nach Deutung verlangen. „Nie wird er aus verlässlichem Munde erfahren, ob er aus Glück oder Unglück am Leben ist“, sagt der Erzähler. Aber auch: „Nichts auf dieser Welt geht verloren, nichts wird vergessen, nichts bleibt unvergolten“.
Der Erzähler wird von seinen Erinnerungen überfallen. Sie kommen, wenn die Hand in Kopfnähe liegt, „dicht vor den Augen“. Dann blitzt es aus den Fingernägeln, „lautlose Lichtexplosionen“, „in stumme Fäden verwandelte Elektrizität“. Es sind Erinnerungen an erste Lieben („die Langwangige, die mit den hohen Backenknochen“), an „Anfälle von Gläubigkeit“, an die Kindheit auf dem Dorf, die Gerüche, die Bäume, die Tiere und Schlachthäuser, die Schule. Vor allem aber sind es Erinnerungen an das Leben und Lieben der Eltern – und an den Tod des Vaters. Dass dieser Vater ein „Schweiger“ war, der nur Worte machte, wenn es sich nicht vermeiden ließ: „Sobald das Wort über die Lippen kommt, aufgeschrieben und gelesen wird, ist es draußen in der Freiheit, spreizt es seine Flügel aus und beginnt zu leben“. Denn: „Das Wort ist kein Pferd, das man ausleihen und wieder zurückgeben kann, wenn man mit ihm das Feld umgeackert hat.“
„Grundsätzlich bin ich nicht besonders gern unter Menschen – bevor ich mich in einem Gasthaus zu einem Tisch setze, würde ich eher Steine klopfen gehen. Es wird stundenlang über nichts gesprochen, über nichts. Ich vertrage dieses alltägliche dumme Gewäsch nicht. Da muss ich aufstehen und gehen“, so Florjan Lipuš vor kurzem in einem TV-Porträt, das Katja Gasser anlässlich seines 80. Geburtstags letztes Jahr über ihn machte.



 

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