Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen.
Bücherschau

Clarice Lispector - Die Sphinx von Rio

Simon Berger über Clarice Lispector

Copyright: Paulo Gurgel Valente

Ein Porträt der geheimnisvollen Wortkünstlerin Clarice Lispector

„Ich wurde geboren, um zu schreiben. Jedes meiner Bücher ist eine mühevolle und glückliche Premiere. Diese Fähigkeit, mich ganz zu erneuern, während die Zeit verstreicht, das nenne ich leben und schreiben“, antwortete Clarice Lispector auf die Frage, warum sie Schriftstellerin wurde. Sie, die, wie es hieß, ausgesehen hat wie Marlene Dietrich und geschrieben hat wie Virginia Woolf, gilt als eine der größten Wortkünstlerinnen des letzten Jahrhunderts, als die wichtigste Autorin Südamerikas und zugleich als die geheimnisvollste.
Als sie 1977 starb, war sie als Galionsfigur der damals neu entdeckten Erzählkunst Südamerikas und unfreiwillige Ikone des militanten Feminismus eine international erfolgreiche Autorin. In Brasilien selbst hatte sie sich mit ihren zahlreichen Prosabüchern ebenso wie mit ihren Kolumnen, Feuilletons und Reportagen intellektuellen Respekt und darüber hinaus landesweite Popularität erschrieben.
Mit Clarice Lispectors öffentlichem Image und ihrer einst weitreichenden Bekanntheit kontrastierte schon immer ihre schwer fassbare Person, die in ein mysteriöses Dunkel gehüllt schien und ihr den Ruf einbrachte, ein geschlechts- und herkunftsloses Rätselwesen, eine Sphinx.
Bis heute konnte niemand darlegen, wer Clarice Lispector wirklich war. Das Geheimnis zählt zu ihrem tiefsten Wesen, das Geheimnis macht sie lebendig – und es wird am Leben gehalten. So gibt es etwa in Copacabana eine Frau, ein Medium, die Kontakt zu Clarice aufnimmt, wenn man das wünscht. Clarice antwortet auch. Das ist ein völlig natürlicher Vorgang in Brasilien. Die "Sphinx von Rio" nannte man sie, und nachdem Clarice auf einer Reise nach Ägypten die Gelegenheit bekam, der Sphinx höchstpersönlich in die Augen zu schauen, meinte sie: "Ich habe sie nicht entziffern können. Aber sie mich auch nicht."
Noch viele Jahre nach ihrem Tod war unklar, wann und wo genau sie geboren wurde, welches ihr richtiger Name und ihre eigentliche Muttersprache war. Erst ihr Biograph Benjamin Moser konnte diese Fragen dank aufwändigen Recherchen klären. In einer faktenstarken Biografie (2013 auch in deutscher Sprache im Schöffling Verlag erschienen) hat Moser den Lebensgang der Autorin überzeugend rekonstruiert und durch staunenswerte Dokumente, die bis in den nachrevolutionären russischen Bürgerkrieg zurückreichen, eindrücklich belegt.
Nun ist etwa gesichert, dass Clarice Lispector nicht wie von ihr stets behauptet 1925, sondern bereits 1920 zur Welt kam, und zwar in einem jüdischen Schtetl in Tschetschelnik in der westlichen Ukraine, wo sie unter dem Namen Haia als Tochter der Mania Krimgold und des Pinchas Lispektor, eines armen bildungsbeflissenen Krämers, registriert wurde. Sie entstammt dieser höchst produktiven Glaubens- und Geisteswelt, wie auch neben anderen die Psychoanalytikerin Sabina Spielrein oder die Schriftstellerin Irène Némirovsky, mit dem Unterschied allerdings, dass es in ihrem Schtetl und in ihrer Verwandtschaft keinerlei intellektuelle Unterstützung gab.
Als die ukrainische Provinz Podolien durch nationalistische wie auch kommunistische Pogrome schon weitgehend verheert war, gelang den Lispektors 1921 unter Lebensgefahr die Flucht über Bessarabien und Deutschland nach Brasilien, wo sie sich – ab 1924 in Recife (Pernambuco) ansässig – fortan Lispector nannten und wo Haia den Namen Clarice erhielt. In der Familie wurden die revolutionären Horrorjahre konsequent verdrängt – so wurde nie darüber gesprochen, dass ihre in Brasilien zunehmend gelähmte und die ganze Zeit in ihrem Stuhl dasitzende, und nach zwei Jahren in Brasilien gestorbene Mutter offenbar während eines Überfalls im Schtetl mehrmals vergewaltigt wurde.
Nach eigenem Bekunden wusste sie lange Zeit nichts über ihre Herkunft und fühlte sich deshalb von Anfang an im Exil ebenso wie in der fremden Sprache beheimatet: „Ich bin Brasilianerin, und damit hat es sich.“ Doch wie oft und wie dezidiert auch immer sie ihr „Brasilianertum“ nach außen hin verlautbarte, scheint sie sich ihrer Identität doch nie ganz sicher gewesen zu sein, so dass sie letztlich doch eingestehen musste: „Ich bin mir selbst vor so vielen Jahren abhandengekommen, dass ich zögere, mich wieder finden zu wollen. Ich fürchte mich davor, einen Anfang zu machen ... Ich fürchte mich davor, ich selbst zu sein.“
Da Clarice Lispector nicht sie selbst sein konnte, war sie unentwegt bemüht, mehr als sie selbst zu sein – eine multiple Persönlichkeit mit verschiedenen Namen und Masken, ein „gefährlicher“, in sich widersprüchlicher Charakter, der für andere unfassbar, ja „mystisch“ bleiben sollte. Aus dieser Gespaltenheit und Widersprüchlichkeit scheint Clarice Lispector den zentralen Impuls für ihre Schreibarbeit gewonnen zu haben, der sie sich wie einer elementaren Lebensregung überlassen wollte. „Ich schreibe“, so hielt sie einmal bekenntnishaft fest, „als müsste ich jemandes Leben retten. Vermutlich mein eigenes.“
Bereits mit sieben Jahren schrieb sie ihre ersten Erzählungen. Nach dem Gymnasium begann sie mit sechzehn Jahren zu arbeiten und kaufte sich vom ersten Gehalt ein Werk von Katherine Mansfield, zu der sie später oft in Beziehung gesetzt wird. 1941 schrieb sie sich in der Rechtsfakultät ein, arbeitete als Journalistin für eine Nachrichtenagentur und in der Redaktion der Zeitung „A Noite“. Zwei Jahre später, nach dem Collegeabschluss in Rio de Janeiro heiratete sie den Studienkollegen und späteren Diplomaten Maury Gurgel Valente. Ihn begleitete sie in der Folge in den Jahren von 1944 bis 1959 nach Europa und in die Vereinigten Staaten, wohin er auf verschiedenen Außenposten engagiert war.
Doch zuvor, 1943, Clarice Lispector war 23 Jahre alt, erschien ihr fulminantes Debütwerk, der legendäre Roman „Nahe dem wilden Herzen“. Die Literaturkritik reagierte überrascht und begeistert. Antonio Candido, einer der anerkanntesten Literaturwissenschaftler Brasiliens, spricht von einem „wahrhaften Schock“ bei der Lektüre des Romans, der so anders sei, geschrieben von einer bis dahin völlig unbekannten Autorin, auf deren Bedeutung er schon bei Erscheinen des Romans nachdrücklich hinwies. Zu einer Zeit, als der sozialkritische Roman (vor allem aus dem Nordosten Brasiliens) noch in realistischer Erzählmanier die Welt beschreibt, ist die Stimme von Clarice Lispector etwas komplett Neues. Ihre Sprache geht den feinsten Verästelungen von Innenwelten nach. Im Mittelpunkt steht Joana, als Kind, als Heranwachsende, als verheiratete Frau. Clarice Lispector konzentriert sich ganz auf die Reflexionen ihrer Heldin Joana und dringt so in die Tiefen ihrer Gefühlswelt vor. Das Lebensumfeld der jungen Frau blitzt dabei nur gelegentlich auf. So etwa der frühe Tod des Vaters, die unglückliche Kindheit bei der Tante, die Einsamkeit im Internat, die am gegenseitigen Betrug scheiternde Ehe mit dem Rechtsanwalt Otávio. Auch wenn sie die Isolation dafür in Kauf nehmen muss, beschreitet sie gegen all die inneren und äußeren Widerstände unbeirrbar ihren Weg zu eigenem inneren Reichtum, ihrem „wilden Herzen“, wie sie in ihrem dem Roman vorangestellten Motto von James Joyce darlegt: „Er war allein. Er war verlassen, glücklich, nahe dem wilden Herzen des Lebens“.
Ganz in ihre Gedanken und Empfindungen vertieft erscheint Joana ihrer Umgebung fremd, ja unheimlich, sie habe einen „Hang zum Bösen“, wie sie selbst feststellt. „Sie spürt in sich ein vollkommenes Tier, durchdrungen von Ungereimtheiten, Egoismus und Vitalität.“ Sie kann es kaum erwarten, wenn ihr Mann Otávio, ein junger, aufstrebender Jurist, morgens das Haus verlässt, damit sie sich auf sich selbst konzentrieren kann, dann „spann sie langsam den Faden ihrer Kindheit weiter, vergaß ihn und ging in tiefer Einsamkeit durch die Zimmer. Kein Geräusch drang aus der ruhigen Wohngegend mit den weit auseinanderliegenden Häusern zu ihr. Und nun da sie freier war, kannte nicht einmal sie ihre eigenen Gedanken.“
Es ist eine schier unendliche Freiheit, die sie in ihrer Gedankenwelt erlebt. Noch flieht sie vor der Realität, um in den Gedanken sich selbst zu spüren – Jahre später wird sie nicht mehr fliehen, sondern sich entschließen fortzugehen. Dabei geht es nicht primär, um das ‚Schaffen‘ von Gedanken, sondern um das Fühlen. Joana nennt es das Wunsch-Macht-Wunder. Es ist eine Formel, mit der sie Dinge spüren will, ohne sie zu besitzen. Ihr Wunsch sich frei zu fühlen wird durch die Ehe mit Otávio eingeschränkt. Er macht „sie zu etwas, was nicht sie, sondern er selbst“ ist. Liebe ist für beide ein Kerker. Unablässig wird sie sich die Frage stellen, warum sie geheiratet hat : „Wie konnte sie sich sonst an einen Mann binden, außer indem sie ihm gestattet, sie gefangen zu nehmen?“
Joana existiert nur in einzelnen Momenten. Es sind Augenblicke, in denen sie sich ihrer Empfindungen hingibt. Seien es Empfindungen, wie auf einen Berg zu steigen, oben auf dem Gipfel anzuhalten und, „ohne zurückzublicken, die bewältigte Strecke fühlen.“ Oder sei es den Wind auf dem Gipfel zu fühlen, „der dann die Kleidung und das Haar zerzaust.“ So begreift sie ihre eigene Existenz; ihr Menschsein: „Viele Jahre ihres Daseins hatte sie am Fenster damit verbracht, Dinge zu betrachten, die vorbeizogen, und andere, die stillstanden. Aber in Wahrheit erblickte sie nicht so viel, horchte vielmehr auf das Leben in sich selbst. Sein Geräusch faszinierte sie – wie das des Atems eines kleinen Kindes, sein sanfter Schimmer – wie das einer neugeborenen Pflanze. (…) Sie erwartete nichts. Sie war in sich, das Ende selbst. „
Ihr Mann, dem sie in ihrer spröden Unnahbarkeit erst reizvoll, dann immer fremder erscheint, trennt sich schließlich von ihr. Joana bleibt allein, unbeirrt in ihrer eigenen Welt, frei von dem Anspruch anderer auf sie.
Die erste Station der nunmehrigen Diplomatengattin war Lissabon, dann gingen sie nach Neapel, Bern und die Jahre von 1952 bis 1959 verbrachten sie in Washington. Sie hatte Brasilien verlassen, war aus ärmlichen Verhältnissen in die glamouröse Welt der Diplomatie aufgestiegen, führte ein mondänes Leben, das ihr ausreichend Zeit ließ für ihre literarischen Projekte. Und drohte nun die Rückverbindung mit dem brasilianischen Literaturbetrieb zu verlieren – was auch tatsächlich im Verlauf der nachfolgenden Jahre geschah.
Für ihren zweiten Roman „Der Lüster“, der 1946 erschien, hatte sie große Probleme einen Verlag zu finden. Es sticht wohl, so Benjamin Moser, als das vielleicht seltsamste und schwierigste in einem seltsamen und schwierigen Lebenswerk hervor. Unter ihren Werken ist es das am wenigsten übersetzte, und obwohl sie die am intensivsten erforschte brasilianische Schriftstellerin ihres Jahrhunderts sein dürfte, gibt es erstaunlich wenig Sekundärliteratur über den „Lüster“. Dabei lässt gerade die Schwierigkeit des Buches die Geschichte im Gedächtnis haften. Clarice Lispector sagte häufig, dass man ihre Bücher mehrmals lesen müsse, und dasgilt besonders für den „Lüster“.
Im Gegensatz zu ihrem ersten, in Fragmenten geschriebenen Roman mit seinen ständigen Szenenwechseln bildet „Der Lüster“ ein zusammenhängendes Ganzes. Obwohl darin in langen Abschnitten vorgeblich Ereignisse beschrieben werden, bestehen diese fast ausschließlich aus inneren Monologen, die nur von gelegentlichen Dialog- oder Handlungsfetzen unterbrochen werden. Der Text bewegt sich in langsamen Wellen fort, die gleichsam in Momenten der Offenbarung gipfeln. Der Roman eignet sich noch weniger als die meisten anderen von Clarice Lispector dazu, seine Handlung oder seine Charaktere umreißen zu wollen. Auf den ersten Blick ist das Leben der jungen Virginia unauffällig: Nach ihrer Kindheit auf dem Landsitz der Großmutter führt ihr Weg sie in die Stadt, und erst nach Jahren kehrt sie wieder nach Hause zurück. Geprägt von ungewöhnlichen Kinderspielen mit ihrem Bruder Daniel, der mit ihr die mysteriöse „Gesellschaft der Schatten“ gründet, führt sie selbst ein Schattendasein, durchaus im Widerspruch zu ihrem aufgewühlten Innenleben. Obwohl sie Beziehungen eingeht, bleibt sie einsam, unabhängig und in sich gekehrt. Doch während sie sich in Gedanken eine eigene Welt erschafft, dringen immer wieder seltsame Dialogfetzen oder flüchtige Szenen in ihr Bewusstsein – als Vorboten eines Schocks, der ihrem Leben eine dramatische Wendung geben sollte.
Oberflächlich betrachtet, erzählt der Roman also die Geschichte einer jungen Frau, die am Leben scheitert. Tatsächlich jedoch präsentiert er den Reichtum ihrer inneren Welt, in all ihrem Ungenügen und ihrem Überschuss. Der Reichtum von Lispectors Vorstellungsarbeit ist allen zugänglich, die sich darauf einlassen, mit Virginia durch ihre Welt zu gehen (übrigens großartig übersetzt von Luis Ruby, erschienen bei Schöffling).
1949 und 1953 werden ihre beiden Söhne Pedro und Paulo geboren. Während ihres mehrjährigen Aufenthalts in Bern bekam sie erstmals so wundersame Dinge wie Schnee und Geranien zu Gesicht, und schrieb unter dem Titel „Die belagerte Stadt“ (1949) einen selbstreflexiven Roman, dessen Protagonistin, Lucrécia Neves, sich durch produktive, poetische Wahrnehmung eine eigene Welt schafft, die zugleich phantastischer und realer ist als ihre provinzielle Lebenswelt. „Meine Dankbarkeit für dieses Buch ist gigantisch“, bekannte Clarice Lispector nachmals in einem Feuilleton: „Die Schreibarbeit bot mir eine Beschäftigung, rettete mich vor der entsetzlichen Stille in Bern, und als ich das letzte Kapitel fertig hatte, ging ich in die Klinik und gebar meinen Sohn.“ (Auf diese totenstille „Nacht von Bern“ bezieht sie sich übrigens in ihrem „Buch der Lüste“ (1969), wo sie noch immer Klarheit sucht über jenes „Schweigen, das jeglicher Erinnerung an das Wort entbehrt“.)
Der ständig wechselnden Aufenthalte und Verpflichtungen müde trennt sie sich 1959 von ihrem Mann und kehrt nach Rio de Janeiro zurück, wo sie bis zu ihrem Tod lebt. Nach ihrer Ehescheidung war Clarice Lispector als Alleinerziehende gezwungen, den Familienunterhalt durch journalistische Auftragsarbeit (u.a. bei der staatlichen Presseagentur Agencia Nacional) mitzufinanzieren, was ihr einerseits zu neuer Präsenz und zu einem größeren Publikum verhalf, sie andererseits jedoch daran hinderte, mit kontinuierlich und intensiv ihre anspruchsvollen literarischen Vorhaben zu verwirklichen. Gleichwohl bewies sie auf beiden Seiten durchschlagende Professionalität. Mit ihren Kolumnen, Interviews und Reportagen erwarb sie sich hohes publizistisches Ansehen und weitreichende Bekanntheit, derweil sie mit ihrer eigenwillig-sperrigen Prosa einen elitären Leserkreis dazu gewann. Sie veröffentlichte neben einigen Erzählbänden auch drei Kinderbücher und musste ihre Verlagskontakte mühevoll reaktivieren.
1961 erschien der schon 1956 fertiggestellten Roman „Apfel im Dunkel“, der aber nicht mehr an ihren erfolgreichen Erstling von 1944 anzuschließen vermochte (es erscheint 1983 als erstes von ihr ins Deutsche übersetzte Werk bei Suhrkamp). Es ist die Geschichte Martims, eines Mannes, der aus Eifersucht versuchte, seine Frau zu ermorden, und der nach einer langen Flucht im Innern Brasiliens auf einer einsam gelegenen Fazenda unterkommt und Arbeit findet. Auf dem kleinen Gut leben zwei Frauen, Vitória, die herrische Besitzerin der Fazenda, und ihre Nichte Ermelinda. Aus der Begegnung dieser drei Menschen entwickeln sich merkwürdige, unheimliche Spannungen. Die äußere Handlung, die sich im Verlauf des Romans erst nach und nach wie ein Mosaik ergänzt, umschließt ein dichtes inneres Geschehen, das sich fast ausschließlich im inneren Monolog vollzieht. Es ist die Auseinandersetzung Martims mit seinem Leben, der Versuch, es schrittweise wieder aufzubauen, ihm einen Sinn zu geben, „damit es die Größe eines Schicksals annimmt“. Seine Tat und die Flucht haben ihm eine ungeahnte Freiheit geschenkt, die Möglichkeit, sich von dem zu lösen, was Clarice Lispector „die Imitation des Lebens der anderen nennt“.
„Ich suche mir meine Themen nicht aus, sie zwingen sich mir auf“, sagte sie einmal, deren Texte um Einsamkeit, Angst, Freiheit, Liebe-nehmen und Liebe-geben kreisten.“ Wunden wurden ihr und hat sie sich selber zugefügt. Als 1964 in ihrer Wohnung im 13. Stock im Stadtteil Leme in Rio de Janeiro ein Brand ausbrach, den sie selbst ausgelöst hatte, als sie mit einer Zigarette im Bett eingeschlafen war, versuchte sie noch Manuskripte und Bücher zu retten. Dabei wurde sie von herabstürzenden Deckenbalken verletzt und zudem schwer verbrannt. Seitdem konnte sie ihre rechte Hand nur unter Schmerzen gebrauchen. Ihre Söhne retteten sie vor dem Feuertod. Schreiben war von da an mit Schmerzen verbunden. Dazu kam der Druck vonseiten der neu etablierten Militärdiktatur. Sie sei keine brasilianische Schriftstellerin, sondern Jüdin, warf man ihr vor. Sie bekam Publikationsverbot und war doch, inzwischen geschieden, auf Einkünfte durchs Schreiben angewiesen.
Im selben Jahr erschien „Die Passion nach G. H.“ G. H., das sind die Initialen auf ihrem Lederkoffer. G. H., das ist auch die Ich-Erzählerin – oder das, was die anderen in ihr sehen, auch das, was sie selbst bisher in sich sah. Nach einer gerade beendeten Beziehung und im Bewusstsein wiedergewonnener Freiheit stößt sie jedoch an die Grenzen dieser Freiheit, und ihre Fragen münden in sie eine, die sie zu ergründen sucht: „Wer bin ich?“. „Ich suche, ich suche. Ich versuche zu verstehen“, so beginnt das Abenteuer ihres Monologs. Die Erzählerin erfindet Sprache und damit Leben, um die Realität zu erklären: „Wenn ich das Wort nicht erzwinge, wird die Stummheit für immer über mir zusammenschlagen“.
„Die Stunde des Sterns“ (wie der Titel eigentlich lautet, der zuerst auf deutsch mit „Die Sternstunde“ und nun bei Schöffling wunderbar neu übersetzt als „Der große Augenblick“ erschien – doch Clarice Lispector schlägt am Beginn des Buches nicht weniger als 13 Titelmöglichkeiten vor) war ihr letzter Roman. Es ist die Geschichte des unscheinbaren Mädchens Macabea aus dem Nordosten Brasiliens, das sich in der rauen Hafengegend von Rio de Janeiro mit Schreibarbeiten durchschlägt. Ihre seltenen Freunde im Leben sind die Filme mit Marilyn Monroe, Coca-Cola und ihr angeberischer Freund. Niemand, nicht einmal er, hat das unansehnliche Mädchen aus der armen Provinz gern – bei erster Gelegenheit macht er mit ihr Schluss und schwenkt zu einer Kollegin Macabeas um. Der von der Erzählerin eingeführte Erzähler, der kultivierte Schriftsteller Rodrigo S. M. hat in den Straßen Rio de Janeiros ein Mädchen gesehen, in dessen Gesicht er „das jähe Gefühl von Verlorenheit“ aufgefangen hat. Aus diesem Kristallisationspunkt entsteht dieser Roman. Clarice Lispector schickt diesen fiktiven männlichen Erzähler vor, wie um desto deutlicher die radikale Subjektivität zu enthüllen, die hier in dieser erzählerischen Annäherung an eine sprachliche Existenz liegt. Das Mädchen Macabea scheint in seiner absolut nicht zu poetisierenden Ärmlichkeit und Reizlosigkeit das schlechthin nicht Erzählendwerte. Doch Lispector nähert sich diesem erbarmungsheischenden Leben des Mädchens in vorsichtigen, schwierigen Schritten der Vorstellungskraft mit großer Eindringlichkeit. Der Erzähler erschauert vor so viel Elend, doch er bewundert Macabeas innere Freiheit: Sie scheint einfach nicht zu wissen, wie unzufrieden sie sein müsste. Sie habe das gehabt, was man ein Innenleben nennt, sie habe es nur nicht gewusst. Doch Macabea und ihr besser gestellter, aber zutiefst unglücklicher Schöpfer haben auch überraschende Gemeinsamkeiten: Es trifft Leiden auf Verzweiflung. Beide sind letztlich Figuren in einem Spiel, mit dem Clarice Lispector unsere Vorstellungen von Armut, Liebe, Identität und Fiktion auf den Kopf stellt.
Als Clarice Lispector am 9. Dezember 1977, kurz nach der Veröffentlichung von „Die Stunde des Sterns“, im Alter von erst 57 Jahren an ihrer Krebserkrankung starb, galt sie als eine der stärksten und vielseitigsten Autorin der damaligen südamerikanischen Erzählliteratur. Noch 1976 war sie für ihr Gesamtwerk mit dem Preis der Kulturstiftung des brasilianischen Föderaldistrikts ausgezeichnet worden. Weltweit wurde sie nun übersetzt und gefeiert. Man erhob sie in den Olymp der klassischen Moderne und verglich sie, recht undifferenziert, mit Kafka, Borges, Joyce und Virginia Woolf. Der militante französische Feminismus vereinnahmte sie ebenso fahrlässig wie effizient als wegbereitende Vordenkerin, während sie in Deutschland als Exponentin der in den achtziger Jahren neu erschlossenen Literatur Südamerikas wahrgenommen wurde.
Lispector selbst hat sich derartigen Zuordnungen stets widersetzt, war keiner Schule, keinem Trend verpflichtet und lehnte das Gemachte, das „Literarische“ an der Literatur konsequent ab, da ihr die Authentizität, Sensualität, Spontaneität des Schreibens wichtiger war als der Kunstcharakter des Geschriebenen. Zu den staunenswerten Qualitäten ihrer Texte gehört gerade die Tatsache, dass sie so frisch und dreist und wahrhaftig zur Wirkung kommt wie in manchen Werken der sogenannten primitiven Kunst, meinte einmal Felix Philipp Ingold.
Auf dem jüdischen Friedhof von Rio de Janeiro sprach Carlos Drummond de Andrade, der berühmteste brasilianische Lyriker, über die „Schätze der Clarice“: „Clarice / kam aus dem Mysterium, zog in ein anderes. / Wir haben das Wesen des Mysteriums nicht erfahren. / Oder das Mysterium war nicht wesentlich. Wesentlich / war Clarice, die in ihm reiste.“




 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur