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Bücherschau

Joachim Meyerhoff - Immer ein bisschen überzuckert

Robert Leiner über Joachim Meyerhoff

Der Schauspieler Joachim Meyerhoff und sein autobiographisch gesättigter Romanzyklus „Alle Toten fliegen hoch“.

Joachim Meyerhoff ist nicht nur einer der beliebtesten deutschsprachigen Schauspieler, sondern auch einer der geschätztesten, geliebtesten gegenwärtigen Autoren. Er ist Schauspieler des Jahres, seine Bücher sind Bestseller des Jahres.
In seinem bislang vier Bände umfassenden Romanzyklus „Alle Toten fliegen hoch“ (der erste Teil erschien 2011) erzählt Joachim Meyerhoff vordergründig sein eigenes Leben. Aber natürlich sind diese Bücher auch Fiktion. Wenn man so will: zugleich Literatur und Arbeit am eigenen biografischen Mythos. Irrsinnig komische Episoden gibt es da beispielsweise über das Aufwachsen auf dem Gelände der psychiatrischen Klinik im schleswig-holsteinischen Hesterberg, die sein Vater leitete, oder über ein Austauschjahr in Amerika, über die Zeit an der Münchner Otto-Falckenberg-Schauspielschule, während der er bei seinen kapriziösen großbürgerlichen Großeltern wohnte, in einem rosafarbenen Zimmer.
Nicht zuletzt sind Meyerhoffs Romane liebevolle Abschiede von Familienmitgliedern. Der mittlere Bruder stirbt bei einem Autounfall, es folgt der Tod des Vaters, schließlich jener der Großeltern. Die Bücher, die ursprünglich aus einem Theaterprojekt hervorgegangen sind, wurden allesamt Bestseller, 1,4 Millionen Exemplare konnte der Verlag Kiepenheuer & Witsch bisher verkaufen. Höchstwahrscheinlich auch deshalb, weil Meyerhoff vor allem ein leidenschaftlicher Erzähler mit einem phänomenalen Gespür für Timing ist. Und mit einem Gespür für den Witz, der auch und gerade in Momenten der Trauer liegen kann. „Die schmerzlichen Botschaften“, so meinte er einmal, „die sind immer ein bisschen überzuckert. Ein bisschen als Baiser drapiert, das ist so ein bisschen Tortenbäckerei.“
Tatsächlich ist vom Erzählten in den Büchern Einiges wahr, aber mehr noch, so sagt er nun selbst, „hinzugekommen“, im Schreibprozess, im Sich-vergegenwärtigen-wollen. Immerhin hätte es auch so sein können, oder so sein sollen. In seinem autobiographischen Romanzyklus wird den tatsächlich biographischen Geschehnissen also nicht unbedingt die Hauptrolle zugestanden. Joachim Meyerhoff nimmt diese höchstens als Ausgangspunkte für sein je nachdem durchaus wildes Abschweifen in seine jeweiligen Fantasiegebilde, Vorstellungswelten. Eine Autobiographie nicht als Dichtung und Wahrheit, sondern als Autofiktion. Die Realitätsprobe auf die vielen Exempel ist hier jedoch gänzlich überflüssig, weil Meyerhoffs Bücher einfach großartig und auf ihre ganz eigene Art „authentisch“ sind.

„Es geht mir schon um etwas Authentisches“, erklärte er in einem Gespräch mit der „Zeit“, „aber nicht im Sinne einer Ansammlung von Fakten. Oder einer Ansammlung von Ereignissen. Es gibt eine verborgene Authentizität, eine, die woanders liegt. Mir geht es darum, an ein für eine vergangene Zeit spezifisches Lebensgefühl heranzukommen. Es kann dann nur ein einzelner Moment sein, in dem das kulminiert: Das ist jetzt genau so, wie ich mich in diesem Bielefeld mit 24 Jahren gefühlt habe. Wo genau saß man da in diesem Koordinatensystem von Biografie, Familie, Beruf und Freunden?“
Und er habe, so beteuerte er, nie etwas recherchiert. Keinen einzigen Brief gelesen, der noch irgendwo aufbewahrt wird, oder einen Ort von früher besucht. Denn die Wahrheit, davon ist er überzeugt, die liegt woanders: „Man kommt einer Großmutter nicht näher, wenn man ihre Briefe liest. Der Kern der Großmutter oder der Hanna, ihre Weichheit, ihre Verletzlichkeit, die liegen woanders. Weil sich die Menschen natürlich in Briefen immer erfinden, sich produzieren, sich präsentieren.“
Das Authentische, das sei doch eher Knechtschaft, und deshalb sei es die Recherche auch. Aber in der Fiktion stecke die Utopie, Dinge gestalten zu können. Meyerhoff weiter: „Das Schreiben ist wie eine Selbstermächtigung gegenüber den eigenen Fakten, damit man nicht erschlagen wird von der eigenen Faktizität, damit die einen nicht permanent killt. Mir haben diese Bücher, wenn ich sie geschrieben habe, auch immer viel in die Zukunft eröffnet, was man sich dann plötzlich zutraut und was man nie für möglich gehalten hätte. Man braucht doch für die Zukunft Fiktion.“ Und: „Wahrscheinlich kommt das Schreiben aus einem tiefen Unglück heraus. Durch die Verluste, durch das Drinstecken in irgendeiner Zeit, in irgendeinem Ort, in irgendeinem Beruf. Mit irgendwelchen Menschen. Mit irgendwelchen Händen, mit irgendwelchen Füßen, mit irgendeiner Nase.“

Auf die Welt gekommen ist der jüngste Sohn des Arztes Hermann Meyerhoff 1967 in Homburg geboren. Ab 1972 leitete sein Vater die psychiatrische Klinik in Hesterberg in Schleswig-Holstein und auf dem Gelände dieser Klinik, wo die Direktorenvilla stand, verbrachte Joachim zusammen mit seinen beiden älteren Brüdern seine Kindheit.
Mit 17 Jahren ging er für ein Jahr nach Laramie (Wyoming). In dieser Zeit kam sein mittlerer Bruder bei einem Autounfall ums Leben. Nach seiner Rückkehr machte Joachim Meyerhoff das Abitur und wollte Zivildienst als Schwimmmeister im Krankenhaus rechts der Isar in München leisten. Stattdessen absolvierte er eine Ausbildung als Schauspieler von 1989 bis 1992 an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Nach Engagements am Staatstheater Kassel, in Bielefeld, Dortmund und den Bühnen der Stadt Köln wurde er 2001 Ensemblemitglied des Maxim-Gorki-Theaters Berlin, wo er auch oft Regie führte. 2002 wechselte er ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg, wo er bis 2005 verpflichtet blieb und in Inszenierungen von unter anderem Jan Bosse und Sebastian Hartmann spielte. Seit September 2005 ist Joachim Meyerhoff Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Mit Beginn der Saison 2013 kehrte er ans Deutsche Schauspielhaus ins Ensemble von Intendantin Karin Beier zurück. Er blieb jedoch weiterhin auch im Ensemble des Wiener Burgtheaters.

Amerika - Alle Toten fliegen hoch
„Der Schauspieler Joachim Meyerhoff zeigt sich in seinem Romandebüt als glänzender Erzähler des wahren Lebens“, schrieb eine Kritikern bei Erscheinen seines ersten Buches. „Alles an diesem Buch ist echt: Von der Geschichte bis zu den Fotos auf dem Cover“, und: „Wenn man am Ende der Lektüre noch einmal zu den Anfangssätzen zurückblättert, wird man fast ein wenig erstaunt feststellen, wie viel von den folgenden gut dreihundert Seiten schon in ihnen steckt, gerade weil diese Sätze so einfach und unscheinbar daherkommen.“
„Mit achtzehn ging ich für ein Jahr nach Amerika“, lautet der erste Satz. „Noch heute erzähle ich oft, dass es ein Basketballstipendium war, aber das stimmt nicht. Meine Großeltern haben den Austausch bezahlt.“ Abgesehen von der knappen Inhaltsvorschau – um eben dieses Austauschjahr wird es in „Alle Toten fliegen hoch“ im Wesentlichen gehen – legt Meyerhoff hier auch sein Erzählprinzip offen: Es geht um das Erinnern und das Erzählen des Erinnerns und darum, wie beides immer dem Reiz der Übertreibung, dem Reiz zur kleinen Heldengeschichte unterliegt. Und es geht um die (mit einer Mischung aus Belustigung und Gelassenheit versehene) Erkenntnis, dass das Leben in den allerwenigsten Fällen aus heroischen Episoden besteht, sondern aus banalen oder pragmatischen. Was nicht bedeutet, dass die sich nicht tragisch, traurig oder großartig anfühlen können. Das weiß Meyerhoff umso mehr, als er in seinem Buch, auch wenn er es Roman nennt, seine eigene Geschichte erzählt. In dem fortlaufenden Sich-selbst-Durchschauen durch das Erzählen und auf liebenswerte Weise Durchschaubarmachen, ohne entlarvend oder denunzierend zu sein, kann man den schönen, zurückhaltenden Witz seines Buches ausmachen, der anfangs allerdings gar nicht so leise ist.
Vorerst gibt er einzelne Episoden aus seiner Kindheit im norddeutschen Städtchen Schleswig zum Besten, viele Anekdoten und unglaubliche, durchaus charmante Ausschmückungen: Wenn er etwa den riesigen Kinderstau in einer riesigen Rutsche beschreibt, die er als Zweitklässer auslöste, weil er unbedacht mit einer absolut rutschresistenten Lederhose zum Klassenausflug gestartet war. Oder wenn er an die Episode erinnert, die ihm schon damals die beiden älteren Brüder nicht glauben wollten, nämlich, dass ihn, während er auf dem Bordstein versuchte, eine Kuh zu malen, ohne jede Vorwarnung ein Mann an Arm und Bein packte, einmal im Kreis herum und sodann über die nächste Gartenhecke schleuderte.
Der Roman, der wie die folgenden aus einem sechsteiligen Bühnenzyklus entstanden ist (wofür Meyerhoff mit einer Einladung zum Theatertreffen ausgezeichnet wurde), behält den Charme des Mündlichen. Er ist aber nicht nur lustig, sondern erzählt auf wunderbar unspektakuläre Weise vom Erwachsenwerden, vom Herauswachsen aus dem Kleinstadtleben mit seinen Einfamilienhäusern und Nachmittagen am See, dem ersten Verliebtsein in der Eisdiele.
Wenn Meyerhoff erzählt, dass er nicht nur neben der psychiatrischen Klinik aufgewachsen ist, in der sein Vater Arzt war, sondern dass, wenngleich mit Witz, Gutenachtküsse für Ich, Es und Über-Ich verteilt wurden, dann rückt das Ganze natürlich leicht in den Verdacht der Selbsttherapie. Sein Jahr in Amerika verlebt er nicht etwa in New York oder Chicago, wie gehofft, sondern in Wyoming, im staubigen Nirgendwo in der amerikanischen Provinz, bei einer Familie noch dazu, die ebenfalls drei Söhne hat. Hier haben die Mädchen haarspraygestählte Frisuren und die Männer testosterongestählte Körper. Der deutsche Austauschschüler indes hat nicht nur mit seinem miserablen Englisch, seinem schwankenden, beheizbaren Wasserbett, sondern auch mit seinem jüngsten Gastbruder zu kämpfen, der bis zum Ende kein freundliches Wort für ihn übrig hat und ihn mit kleinen Gemeinheiten schikaniert.
Der verwöhnte Zappelphilipp reifte in Wyoming, zum selbstbewussten jungen Mann und grandiosen Basketballer. Wenn der Sport ihn äußerlich reifen lässt, dann ist es ein tragisches Ereignis, das ihn innerlich aus seiner Kindheitsidylle reißt. Einer seiner Brüder stirbt bei einem Verkehrsunfall. Für die Beerdigung kehrt der Austauschschüler nach Hause zurück, um bald darauf vor der Trauer seiner Eltern geradezu wieder nach Amerika zu flüchten. Ein schlechtes Gewissen und ein Hauch von Irrealität begleiten das Nachdenken über seinen Bruder während der verbleibenden Monate in Wyoming. Zurück in Deutschland, weigert er sich wie unbewusst eine Zeitlang, dessen Grab zu besuchen. Erst als ihm dieser Gang endlich gelingt, kann er auch über den Unfall sprechen – umso eindringlicher teilt sich der Schmerz des Verlusts mit.


Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war
Im zweiten Band seines Lebenserinnerungsprojekts erzählt er wiederum mit Wärme und Zuneigung von den Irren, und mit ähnlich heiterer Selbstverständlichkeit erinnert er sich auch an den normalen Wahnsinn zu Hause. Der Vater ist ein „übergewichtiges Universallexikon“, verständnisvoll, belesen und so lebensuntüchtig, dass er mit seinem Boot schon bei Windstärke null in Seenot gerät. Joachims Brüder legen mit ihren Sticheleien immer wieder Feuer. Die praktische Mutter löscht, tröstet und bügelt alles nach Kräften aus; aber Josses/Joachims bester Freund war wohl doch der Hund, mit dem er nach einem Winnetou-Film Blutsbrüderschaft schloss.
Im ersten Kapitel beschreibt er, wie er im Alter von sieben Jahren seinen ersten Toten sah. Als niemand ihm glauben will, schmückte er die unglaubliche Geschichte so lange mit erfundenen Details aus, bis ihm zufällig eine Wahrheit unterläuft. Seit damals steht für ihn fest: „Erfinden heißt Erinnern.“
Sein Erinnerungsnetz ist engmaschig: Kein Wort des Vaters, keine brüderliche Gemeinheit rutscht unbeachtet durch, und manchmal verfangen sich auch Belanglosigkeiten darin. Das Familienidyll zerbröckelt; vor allem in der zweiten, ernsteren Hälfte des Romans häufen sich die tragischen Ereignisse. Erst trennt sich die Mutter von ihrem Mann, entnervt von seinen Affären; nach dem Bruder stirbt der geliebte Hund, und am Ende verliert auch der Vater seinen Kampf gegen den Krebs. Sein Tod markiert einen Höhepunkt von Meyerhoffs schlichter Erzählkunst und so etwas wie seine endgültige Mannwerdung: Der „Bildungsbuddha“ im Lehnstuhl war für den nervösen Jungen der strahlende Fixpunkt seines Lebens. Er ist stark genug, um Abschied vom Vater zu nehmen und sein Vermächtnis zu erfüllen: die „Verrückten“ inner- und außerhalb der Familie als Menschen von überlebensgroßer „Deutlichkeit“ und eigensinniger Würde wahrzunehmen.


Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Der Titel des dritten Bandes „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ ist ein Zitat aus Goethes „Werther“, doch gemeint ist die Lücke, die all die Menschen hinterlassen haben, die Joachim Meyerhoff früh verloren hat: erst einen Bruder, dann den Vater, schließlich die geliebten Großeltern.
Aus der Bahn geworfen durch den frühen Tod des Bruders, kommt der junge Meyerhoff Ende der Achtzigerjahre nach München und zieht ins Haus der Großeltern am Nymphenburger Schlosspark ein. Nach einem wackligen Vorsprechen ist er akzeptiert worden an der berühmten Otto-Falckenberg-Schule und gerät als Schauspieleleve in eine Welt, die so gar nicht zu seiner inneren Welt passen will. Er, der doch ohnehin schon jeden Halt verloren hat durch die Auflösung der Familie, die Trennung der Eltern, den tödlichen Unfall des Bruders, soll sich auf einmal fallen lassen, emotionale Verkrustungen aufbrechen, Blockaden wegatmen. Im Gegensatz zu den anderen im Stuhlkreis seines Jahrgangs hat er jedoch zu viel erlebt, um unter Anleitung eines wahren Skurrilitätenkabinetts von Lehrern in immer neuen Sandkasten-Improvisationen das freizulegen, von dem er als einziger zu viel besitzt: authentisches Gefühl. Im Grunde ist er bereits zu alt für seine eigene Jugend.
„An diesem Ort sollte man sich häuten, zu sich kommen, ganz man selbst sein“, schreibt er über das Selbsterfahrungsunwesen. Er aber will sich nicht häuten, er will das Gegenteil: sich verpuppen, verwandeln, verkleiden, nur das nimmt ihm die Angst vor dem Spielen. So wie das eine Mal bei einer Kostüm-Versteigerung, als er seinen muskelbepackten 1,90-Meter-Körper in eine mit Pailletten besetzte Damenrobe hüllt und sich plötzlich wie befreit fühlt. Nach dem schillernden Auftritt als „lebendige Discokugel“ stellt er fest: „Ich habe geleuchtet“. Im trüben Schulalltag aber lernt er vor allem, wie man sich auf offener Bühne versteckt.
Von den Demütigungen des Tages erholt er sich abends bei den Großeltern. In ihrem Haus, in dem die Zeit in einem ewigen Kindheitsglück vor allen Katastrophen eingefroren zu sein scheint, kommt er zur Ruhe. Gerade weil das Leben in diesem Geisterhaus aus den immer gleichen Ritualen besteht, unverrückbar wie die Möbelstücke, die in ihren Druckstellen ruhen, als wären sie in unsichtbare Verankerungen eingerastet. Zu diesen Ritualen gehört, dass jede Etappe im Tagesablauf alkoholisch begleitet wird, bis auch der volltrunkene Enkel den Treppenlift benutzen muss, um ins Bett zu kommen. In der Frühe geht es dann wieder von vorne los.
Die mondäne Großmutter, früher selbst Lehrerin an der Otto-Falckenberg-Schule, hat sich den Hang zur großen Pose auch auf der häuslichen Bühne erhalten. Banalste Sätze lädt sie mit maximalem Pathos auf: „Moooahhh. . . der Brie ist ja ein Gedicht heute Abend.“ Einmal lässt sie sich noch zu einem Filmprojekt überreden und bringt den „armen Lieberling“ als ihren Partner unter. Ein Fiasko. Bei der Vorführung erfährt der Enkel beiläufig, dass er synchronisiert worden ist.
Die großzügigen Großeltern mit ihrer Güte, ihrer Grandezza und ihren sanften Spleens waren für ihn die Rettung. Ein einziges Mal hatte der zauselige Großvater und strenge Philosophieprofessor Joachim kritisiert: Er begnüge sich damit, die Welt anzustaunen, anstatt um Teilhabe zu ringen. Auch auf der Schauspielschule hatte er schon zu hören bekommen, er müsse aufpassen, dass Enthusiasmus nicht sein einziges Talent bleibe. Und er stimmt sogar zu: „Ich kann nichts, außer begeistert sein.“


Die Zweisamkeit der Einzelgänger
Der vierte Band von „Alle Toten fliegen hoch“, „Die Zweisamkeit der Einzelgänger“, hat Meyerhoffs erste Engagements in Bielefeld und Dortmund zum Thema, dazu die erste längere Beziehung zu der herrlich unkonventionellen Studentin Hanna, die erste große Liebe seines Lebens. Hanna ist eine beängstigend intelligente, aber auch physisch auffällige Studentin: „Zu große Zähne, zu große Augen, zu platte Nase, verdammt kurze Haare. Sie gefiel mir sofort.“
Hanna trägt Bundfaltenrock, weiße Bluse und altmodische Schuhe, redet druckreif und zeigt, neben einem kapriziösen Charme, deutliche Merkmale des Borderline-Syndroms. Der Held, dem es an innerer und äußerer Stabilität nach wie vor mangelt, muss zwangsläufig darauf fliegen. Die Annäherung der beiden Einzelgänger und der Verlauf ihrer dramengesättigten Beziehung gewinnt im typischen Meyerhoff-Ton zwischen Selbstironie, Melancholie und staunendem Weltfremdeln eine unwiderstehliche Dynamik.
Doch inzwischen hat der Jungmime, genervt vom Bielefelder Provinztheater, in Dortmund vorgesprochen, wo es zwar nicht weniger provinziell zugeht, aber immerhin anders. Er wird also eine Fernbeziehung führen, und nicht nur das: An seiner neuen Wirkungsstätte beginnt er eine heiße Affäre mit der unersättlich sexhungrigen Tänzerin Franka. Sie ist zwar „unfassbar schön“, aber etwas knochig, sodass die Zweigleisigkeit alsbald zu einem Dreieck sich wandelt: Gar nicht schön und nicht mehr jung, aber weich wie Puddingbrezeln und gnadenlos resolut ist Ilse, die Inhaberin einer aus der Zeit gefallenen Bäckerei, in der der junge Schauspieler als Gehilfe angeheuert wird und eine dritte erotische Heimat findet.
Der jüngste Roman kommt nicht mehr so leicht daher und mit so viel Witz wie die Vorgänger. Joachim Meyerhoff erklärte diesen Wechsel des Erzähltons mit dem Älterwerden: „Wenn der Erzähler in den ersten drei Büchern von seinem Aufwachsen berichtet, dann hat das natürlich immer auch etwas von einem Staunen über die Welt. Vielleicht ist er nicht unbedingt naiv, aber die Dinge widerfahren ihm eben. Irgendwann, mit Mitte zwanzig, wäre diese Naivität nur noch Doofheit. Deshalb muss es jetzt auch unsympathische Seiten an ihm geben."
Der literarisierte Joachim ist auch hier wieder ungelenk, schüchtern, an der Schauspielschule wird er brutal mit der eigenen vermeintlichen Unfähigkeit und Unbegabtheit konfrontiert und dem angehenden Schauspieler ergeht es während der ersten beiden Engagements am Theater kaum besser. Ein ständiges Scheitern an seinen Ansprüchen. „Das tägliche Geschäft am Theater“, so erklärte er kürzlich in einem Interview („Die Zeit“), „besteht ja darin, sich sagen lassen, was nicht geht, oder selbst zu spüren, was nicht funktioniert. Nicht nur psychisch, sondern auch physisch. Das sind immer so Ganzkörperniederlagen … Am Theater erlebt man permanent, dass man mit seinem Körper, seinem Aussehen, seiner Sprache furchtbar unglücklich sein kann. Und dann muss es einem eben irgendwann einfach mal egal sein. Es ist dann irgendwann nicht mehr so schlimm gewesen, nicht gut zu sein … Bei mir jedenfalls war es wohl so.“
Der Leser leidet mit bei all den physischen und logistischen Mühen, erfreut sich aber vor allem an der boulevardesken Komik der Konstellation und an den bildkräftigen, von unheilvollen Ahnungen grundierten Schilderungen.
Es versteht sich, dass die Sache nicht gut ausgeht. Einzig die Bäckerei bleibt dem Beziehungstolpatsch als Zuflucht erhalten, und in ihrem Gastgarten ereignet sich am Ende etwas, das man durchaus eine spirituelle Erfahrung nennen könnte: Der Erzähler begegnet hier seinen versammelten Toten und entlässt sie aus dem Gefängnis seiner Trauer.
Man kann gespannt sein, wie es weitergeht.

 

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