Um Ihnen den bestmöglichen Service zu bieten, speichert diese Website Informationen über Ihren Besuch in sogenannten Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden. Weitere Informationen über Cookies, finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Dort können Sie auch der Verwendung von Cookies widersprechen und die Browsereinstellungen entsprechend anpassen. Datenschutzerklärung
Bücherschau

Rauscher, Walter - Die verzweifelte Republik

Österreich 1918-1922

Die Republik Deutschösterreich trug bereits bei ihrer Entstehung den Todeskeim in sich. Es war eine Republik ohne Republikaner. Die Mehrheit der Bevölkerung glaubte nicht an die Existenzfähigkeit des jungen, aus der Konkursmasse des Habsburgerreiches hervorgegangenen Kleinstaates. Es gab keine konsolidierte Staatsmacht, keine funktionierende Verwaltung. Die Staatsgrenzen waren noch nicht gezogen. Was aber noch schwerer wog: die Menschen hungerten und froren. Es fehlte rundum am Allernötigsten, an Brot, Milch und Kartoffeln, an Brennholz und Kohle.
Der bekannte Historiker Walter Rauscher hat es sich zum Ziel gesetzt, zum 100. Geburtstag der Republik die ersten Jahre der Nachkriegszeit, von deren Ausrufung am 12. November 1918 bis zu den Genfer Protokollen 1920 dem heutigen Leser vor Augen zu führen. Er tut es mit der gebotenen Sachlichkeit und wissenschaftlichen Gründlichkeit. Rauscher schildert und analysiert detailliert das Kriegsgeschehen, den Zusammenbruch der Habsburgermonarchie und das Ringen um eine neue Verfassung, den Verzicht Kaiser Karls auf „jeden Anteil an den Staatsgeschäften“, die Enteignung des Hauses Habsburg, die kommunistischen Putschversuche, den Zerfall der sozialdemokratisch-christlichzozialen Koalition, den Friedensvertrag von St. Germain, den Kampf um die territoriale Einheit Kärntens und die separatistischen Anschlussbewegungen in Vorarlberg, Tirol und Salzburg.
Ausführlich beschäftigt sich der Autor mit der schier trostlosen wirtschaftlichen Situation des jungen Kleinstaates. Österreich – das Wörtchen „Deutsch“ musste aus dem Ländernamen gestrichen werden – fehlte es an allen Ecken und Enden an lebensnotwendigen Rohstoffen und Devisen. Der Staatshaushalt geriet völlig aus dem Gleichgewicht, die Lebensmittelpreise stiegen, die Kaufkraft der Währung sank Tag für Tag. Da die Nachbarstaaten und die Siegermächte, wenn überhaupt, nur zögerlich Hilfe gewährten, stand Österreich im Herbst 1922 vor dem Staatsbankrott. Schließlich gelang es Bundeskanzler Seipel in zähen Verhandlungen, die er mit großem Geschick führte, in letzter Minute vom Völkerbund einen teuer erkauften Kredit in der Höhe von 650 Millionen Goldkronen zu bekommen.
Walter Rauscher legt ein mit vielen Zitaten reich gewürztes, gut gegliedertes, anspruchsvolles Buch vor.
Friedrich Weissensteiner

Rauscher, Walter - Die verzweifelte Republik
Österreich 1918-1922. Kremayr & Scheriau 2017. 223 S. - fest geb. : € 22,00 (GE)
ISBN 978-3-218-01086-3

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur