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Bücherschau

Schicketanz, Elisabeth / Boulanger, Robert - Wildwochen

Ein neuer Fall für Chefinspektor Kovac

Als am 31. Oktober vor fünf Jahren eine „Drückjagd auf die Wildsau“ stattfindet, wird eine 24jährige Studentin beim Joggen im Wald ziemlich böse zugerichtet, ihr Tod jedoch nie aufgeklärt; ein Umstand, von dem ein Unbekannter abzuleiten glaubt, sich als Richter aufspielen zu können. Schließlich hat er nun vier der fünf Teilnehmer dieser Jagd ermordet. Als Todesursache wird jedes Mal „ein einziger glatter Durchschuss durchs Herz mit einem großkalibrigen Geschoss“ festgestellt. Zudem hält sich der Täter an ein bestimmtes Muster. Nicht nur dass er seine Opfer (einen EU-Abgeordneten, einen Industriellen, einen prominenten „Halbseidenen“, einen Bankdirektor) in eine Jägermontur steckt, er ritzt ihnen auch eine Zahl auf die Stirn und hängt die Leichen mit dem Kopf nach unten auf, als wolle er aus ihnen „zu Tieren degradierte, (…) Beutestücke“ machen.
Chefinspektor Rudolf Kovac, der seit einem Attentat (siehe dazu: „Plan B. Ein Wiener Spionagethriller“, Sisyphus 2015) in Altersteilzeit ist, geht deshalb davon aus, dass die Opfer in den Augen des Mörders irgendetwas verbrochen haben. Denn warum sonst hätte er sie mit „scharfrichtender Hand wie Figuren vom Spielbrett“ fegen sollen?
Mit seiner Vermutung liegt der Leiter der neuen „Sonderkommission Kellermörder“, kurz „Kemö“ genannt, der auch die international erfolgreiche bayrische Profilerin Maximiliane Bernbichler angehört, zwar einigermaßen richtig, ansonsten tappt das Ermittlerteam aber eher „im Dunkeln“. So gerät nicht nur ein neuer Kollege unter Verdacht, sondern es folgt auch noch ein Großeinsatz gegen den Künstler und Tierschützer Georg Hackl, der, weil er Jäger als „Tierquäler und Mörder“ betrachtet, im Wirtshaus seinen Mund zu voll genommen und „dem Jagagsindl“ gedroht hat. 120 Kobrabeamte lässt Kovacs Chef, Hofrat Fischer, aufmarschieren, ehe sich das Ganze als ein auf einer Schlagzeile der Boulevardpresse („Austria entlarvt den Serienkiller!“) beruhendes Missverständnis entpuppt.
Während der „Akt aus Zeugenaussagen, Befunden und Indizien“ wächst, bleiben die Ermittlungsergebnisse dürftig. Daher ist „Denken wie die Opfer“ angesagt. Dabei rückt eine „furchtbare Kränkung“ ins Zentrum der Überlegungen, die der Täter scheinbar nur über Rache zu verarbeiten vermag. Ihre bizarre Umsetzung lässt den Chefinspektor kurzfristig daran denken, seinen Antrag auf Pensionierung einzubringen. Durch den Umstand, dass es sich bei den Opfern um eine „elende großkopferte Partie“ handelt, die sich nicht nur hier „so aufgeführt, sondern auch noch an vielen anderen Orten ihr Unwesen getrieben hat“, leuchtet die Irrwitzigkeit des Getanen dann doch in einem milderen Licht. Es gibt eben zwei Arten von Jägern: die, die „übers ganze Jahr mit Leib und Seele im Revier sind (und) die, die nur ab und zu die Jagd als schickes Hobby betreiben“ und denen es „vor allem ums Schießen und um die Trophäen“ geht.
Das gut informierte Autorenpaar behandelt aber nicht nur interessante Aspekte der Jagd; der abwechslungsreiche, aus unterschiedlicher Perspektive erzählte, bissige Roman, dessen mundartlich eingefärbten Dialoge durch ihren ruralen Witz und den ironischen Unterton sehr großes Amüsement bereiten, bringt auch den Beamtenfilz und gesellschaftliche Vorurteile kritisch zur Sprache.
Dass da etwa „die jungen Leute den Polizeidienst hauptsächlich deshalb antreten, weil das Kapperl am Kopf für sie den Persilschein bedeutet, um ungeniert nach unten zu treten“, geht dem gerade mitten im Umzug in ein Häuschen steckenden Chefinspektor ziemlich gegen den Strich. Auch „jener sumpfige Nährboden, auf dem die allgegenwärtige Korruption“ blüht und Unschuldsvermutungen wuchern, die „nur für Politiker, Lobbyisten und andere Prominenzler“ zu gelten scheinen, „niemals jedoch für den kleinen Mann“ ist seine Sache nicht.
Derartige Bekenntnisse machen den jegliche Veränderung scheuenden, vor Liebesgefühlen dennoch nicht ganz gefeiten Kovac sympathisch. Man sieht ihm deshalb auch nach, dass er Gemüse schneiden als etwas empfindet, das ihm „gegen die Ehre“ geht. Denn immerhin ist ihm bewusst, dass er aufhören sollte, „längst Gewesenes gewaltsam festhalten zu wollen“.
Den Leserinnen und Lesern sei allerdings gerade das empfohlen: Nur ja schön ein Buch von Elisabeth Schicketanz und Robert Boulanger „festhalten“ und nicht damit aufhören, es zu lesen!
„Ein neuer Fall für Chefinspektor Kovac“ ist übrigens bereits in Sicht.
Andreas Tiefenbacher

Schicketanz, Elisabeth / Boulanger, Robert - Wildwochen
Ein neuer Fall für Chefinspektor Kovac. Kriminalroman. Klagenfurt: Sisyphus 2017. 420 S. - kart. : € 18,00 (DR)
ISBN 978-3-901960-98-7

 

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