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Bücherschau

Judson, Pieter M. - Habsburg

Geschichte eines Imperiums

Nach dem Zerfall des habsburgischen Vielvölkerreiches in seine (nationalen) Einzelteile am Ende des Ersten Weltkriegs, sparten vor allem in den Nachfolgestaaten zahlreiche Historiker nicht mit Kritik an dem vielsprachigen, multinationalen und -kulturellen Staatsgebilde, das jahrhundertelang das Schicksal Europas mitbestimmt und mitgestaltet hatte. Die habsburgische Doppelmonarchie sei wirtschaftlich rückständig, die staatstragenden Nationen, die Deutschen wie die Magyaren, hätten in ihren Reichsteilen als Herrenvölker die übrigen Ethnien unterdrückt oder zumindest benachteiligt. So lauteten ein paar Urteile. Die heftigsten Kritiker sprachen sogar von einem „Völkerkerker“. So richtig manche dieser Urteile gewesen sein mögen, waren sie doch weit überzogen, einseitig nationsstaatlich motiviert, sogar von hasserfüllter Feindseligkeit getragen.
Der prominente amerikanische Historiker Pieter M. Judson beschreibt und analysiert den wichtigen Zeitraum von 1740 bis 1918 in seinem gewichtigen Werk mit stupender Gelehrsam- und Wissenschaftlichkeit aus einer völlig anderen Perspektive. Er weist quellenmäßig nach, dass im Habsburgerreich in diesen ca. 300 Jahren auf allen Gebieten zahlreiche Reformen durchgeführt wurden, die den Vergleich mit den anderen Großmächten nicht zu scheuen brauchten. Unter Marie Theresia, vor allem aber von Josef II., wurden Reformen in der Verwaltung, der Justiz und auf anderen Gebieten durchgeführt, die die disparaten Herrschaftsgebiete in einen  Einheitsstaat verwandeln sollten. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Eisenbahnen und Straßen gebaut, das Wahlrecht sukzessive erweitert, das Bildungswesen neu gestaltet. Judson setzt vor allem regionalgeschichtliche Akzente und schenkt auch dem Alltag der Menschen gebührende Aufmerksamkeit. Die habsburgisch-ungarische Doppelmonarchie war ein Rechtsstaat und durchaus besser als ihr Ruf, meint er. Die Bürokratie, vor allem an der Peripherie des Staates (Galizien, Bukowina, Bosnien-Herzegowina), war durchaus innovativ und lösungsorientiert.
Mit diesen deutlich betonten Feststellungen stellt sich der Autor gegen den Mainstream der Habsburg-Geschichtsschreibung und wird damit wahrscheinlich auf Widerstand stoßen. Einigen Widerspruch wird er auch mit der dezidierten Behauptung auslösen, „dass der Nationalitätenstreit für das Reich nicht lebensbedrohlich war und mit Sicherheit nicht zu seinem Zusammenbruch im Jahr 1918 führte.“ Für den Zerfall des Reiches macht der Autor vor allem die Führungsschichten (Hochadel, Generalstab, diplomatisches Corps) verantwortlich, die nicht an die Überlebenskraft der Monarchie glaubten und um ihre Vorrechte und Privilegien bangten. Was freilich folgte, war eine Reihe von Nationalstaaten, die dann mit denselben Problemen konfrontiert waren wie die Doppelmonarchie.
Judsons kontroversielles, detailüberfrachtetes Buch, das ein völlig neues Bild des Habsburgerstaates zeichnet, wird in der Historikerzunft zweifellos  Diskussionen und Fachdebatten auslösen.
Friedrich Weissensteiner

Judson, Pieter M. - Habsburg
Geschichte eines Imperiums. München: Beck 2017. 667 S. - fest geb. : € 35,00 (GE)
ISBN 978-3-406-70653-0


 

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