Bücherschau

Konttas, Simon - Bagatellen

Erzählungen

Oft sind es tatsächlich nur Kleinigkeiten, die dazu führen, dass ein Leben in Schieflage gerät. Bei Gerlinde Berger in „Lust aus Leid“ passiert das so: Zuerst lässt sich ihr Mann scheiden. Dann redet ihre Tochter so gut wie nichts mehr mit ihr. Und weil sie „etwas eigen und gehässig“ geworden ist, sind auch Freunde kaum noch da.
Als sie schließlich ihrem Untermieter Branko einfach so kündigt, will sich der das nicht gefallen lassen und taucht, während sie (die sich für „das Banale und Gleichgültige interessiert“) die nachmittägliche Johanna-Struwa-Show genießt, bei ihr auf, fühlt er sich doch ungerecht behandelt.
Ungerecht behandelt fühlt sich auch Ludwig in der Erzählung „Lebendiges Opfer“. Er ist Angestellter eines Archivs in der Wiener Innenstadt und nutzt seine Freunde schamlos aus. Wenn sie es nicht mehr aushalten und ihm den Rücken kehren, ist er allerdings beleidigt. Dennoch lernt er nichts daraus. Kaum kommt ihm ein Mensch nahe, „will er ihn umbiegen und umformen“. Helene hat das zugelassen. Vor zwei Jahren ist sie Ludwig verfallen. Inzwischen macht sie „diese schleichende Hinnahme von so viel Unterwerfung“ nur noch wahnsinnig. Sie ist wütend auf sich selbst und würde ihn, dem sie als „Spielzeug für seine Launen“ gedient hat, am liebsten umbringen.
Umbringen will Babette Sagritsch in „Flimmernde Stille“ zwar gerade niemanden, in guter Stimmung befindet sie sich allerdings auch nicht. Schließlich hat sie ihre Arbeit verloren und auch mit den Männern ihr ganzes Leben lang kein Glück gehabt. Zu gutgläubig scheint sie immer gewesen. Aus den wilden Versprechungen, ihr die Welt zu Füßen zu legen, ist nie etwas geworden. Daher sitzt sie jetzt an ihrem Geburtstag in „ihrer öden Wohnung“ auch allein und hat den Fernseher gehen, „um die Stille zu übertönen“ und die schweren Gedanken zu vertreiben. Denn mit zunehmendem Alter ist die Hoffnung, ein „erfolgreiches, von Glück, Reichtum und Betriebsamkeit gesegnetes Leben“ zu führen, der Verbitterung gewichen.
Wie die Abwesenheit des Glücks ist sie eine lästig wuchernde Pflanze, das Alleinsein ein schwerer Brocken, der in diesen Erzählungen bedrohliche Spuren hinterlässt. Schließlich fehlt meistens das Wichtigste: „die Liebe zu sich selber“. Und muss man sich dann auch noch fragen, wer eigentlich Rücksicht nimmt auf Talente und Fähigkeiten, und findet keine Antwort, ist das Dilemma perfekt. Daher sieht Eduard in der Erzählung „Liebe“ auch weit und breit nur Enge. Ewig ist er der „Wurmfortsatz“ des Vaters gewesen. Und jetzt mischt sich ständig seine Schwester Katharina (bei der er wohnt) in sein Leben ein und raubt ihm dadurch irgendwie den Nerv und „alle Luft zu atmen“. Kein Wunder also, wenn das Leben dann aussieht wie ein „klaffendes Loch“ und man aufpassen muss, dass man nicht zugrunde gerichtet wird. Heimtückische „Bagatellen“ lauern eben überall!
Simon Konttas zimmert daraus spannende, einprägsame Geschichten. Der Autor baut sie mit großer Empathie um alltägliche Situationen und Erfahrungen. Eine tief verwurzelte Spießigkeit schwingt dabei immer mit. Sie bewirkt, dass Protagonisten „gedankenlos und unerbittlich“ ihre Pflichten tun. Sehr subtile Texte kommen dadurch zustande. Sie machen auf vielschichtige Art und Weise deutlich, „dass einem die offensichtlichsten Erkenntnisse manchmal so verschlossen bleiben“. Das ist Aufklärung genug, aber auch ein nachhaltiger Beweis für die Qualität dieses Buches.
Andreas Tiefenbacher

Konttas, Simon - Bagatellen
Erzählungen. Klagenfurt: Sisyphus 2016. 282 S. - br, : € 16,80 (DR)
ISBN 978-3-903125-01-8

 

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