Bücherschau

Herbing, Alina - Niemand ist bei den Kälbern

Abrechnung mit der Verklärung der Bauernhofidylle

Warum ist Christin bloß zu Jan auf seinen Bauernhof gezogen? Das frühe Aufstehen, die schwere und teilweise schmutzige Arbeit am Hof ist doch eigentlich nichts für sie. Obwohl – die Kälber füttern hat schon etwas, wenn sie dann gierig an ihren Fingern saugen, weil sie es nicht erwarten können, die Milch zu bekommen. Und sie kennt den Jan schon so lange, ist schon ewig mit ihm zusammen. Da war es ja nur eine Frage der Zeit, dass sie einmal zusammen den Hof übernehmen.
Aber manchmal bricht sie aus, fährt in die Stadt, trinkt, träumt von einem anderen Leben. Und dann ist da noch Klaus, der sich um die Windräder kümmert. Wenn sich ihre Körper treffen, ist das für Christin wie ein Schritt in eine andere Welt – aber die Rückkehr ist schmerzhaft. Da hilft manchmal nur eine ordentliche Portion Kirsch. Aber will sie wirklich wie ihr Vater enden – in einem schmutzigen Plattenbau, einsam und versoffen? Kann und will sie bei Jan bleiben? Wird sie sich an dieses Leben je gewöhnen? Wer ist für die Überfälle auf die Windräder verantwortlich? Und warum hat die Scheune gebrannt?
Alina Herbing rechnet mit der Verklärung der Bauernhofidylle ab, die spätestens seit dem Ausstrahlen des Fernsehformats „Bauer sucht Frau“ wieder eingesetzt hat. Zwar spielt die Handlung in Deutschland – ehemaliges Ostdeutschland, um genau zu sein. Aber da wie dort sollte man sich genau überlegen, ob man nicht vielleicht doch den Bürojob in der Stadt annehmen sollte. Dann ist halt niemand bei den Kälbern.
Sabine Diamant

Herbing, Alina - Niemand ist bei den Kälbern
Zürich: Arche 2017. 256 S. - fest geb. : € 20,60 (DR)
ISBN 978-3-7160-2762-2

 

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