Bücherschau

Rahimi, Atiq - Heimatballade

Eine poetische „Biographie“

Atiq Rahimi wird 1962 in Kabul geboren. Sein Vater ist Richter am Obersten Gerichtshof in Kabul und wird nach einem Staatsstreich 1973 verhaftet. Nachdem er das Gefängnis wieder verlassen darf, geht die Familie für einige Jahre ins Exil nach Indien. Dort lernt der junge Atiq, der muslimisch erzogen wurde, eine neue Kultur kennen. 1985, als der afghanisch-sowjetische Krieg tobt, flüchtet er nach Frankreich, wo er, wie er ausführt, nicht um politisches, sondern kulturelles Asyl bittet. Er wird Schriftsteller, Maler und Dokumentarfilmer. Da er als Afghane aus einem multikulturellen Land kommt, setzt er sich mit christlich-philosophischem, islamischem, buddhistischem und hinduistischem Gedankengut auseinander. So zitiert er im vorliegenden Werk Tagore, Rumi, Descartes und viele andere Denker und philosophiert über ihre Aussagen.
Zugleich ist sein Buch eine Erinnerung an sein Leben. Wörter und Buchstaben sind wichtig für ihn geworden. Er erinnert sich z.B. an sein erstes Schuljahr in Kabul, als er das Alif, den ersten Buchstaben im arabischen Alphabet, lernte. Dieser besteht nur aus einem einzigen, aufrechten Strich und kann mit keinem anderen Buchstaben verbunden werden. „Allein wie ein Alif“ oder „Umherirren wie ein Alif“ sagt man in Afghanistan, und genau so einsam und wie auf einer Odyssee fühlt sich oft Atiq fern seiner Heimat.
Es ist eine poetisch geschriebene „Biographie“ geworden – ausgedrückt durch seine philosophierenden Gedanken und erweitert durch besinnliche Zitate berühmter persischer, französischer und indischer Dichter sowie ergänzt und aufgelockert durch kleine Kunstwerke aus seiner Hand, die durch spärlich ausgeführte zarte Federstriche wie verspielte persische Buchstaben erscheinen und zugleich schemenhafte Figuren erkennen lassen. Eine sehr anspruchsvolle Lektüre.
Traude Banndorff-Tanner

Rahimi, Atiq - Heimatballade
Berlin: Ullstein 2017. 192 S. - fest geb. : € 18.50 (DR)
ISBN 978-3-550-08139-2

 

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