Bücherschau

Kurz, Andreas - Der Blick von unten durch die Baumkrone in den Himmel

Eine Umschreibung

Drei Wochen im Sommer zu Fuß von Wien nach Budapest, das beschreibt in kurzen Worten den Inhalt des Buches. Wer sich nun ein durchschnittliches Wanderbuch, eine langweilige Reiseerzählung erwartet, der wird enttäuscht. Denn schon der Titel verrät, dass Andreas Kurz ein eindringlicher, sensibler Beobachter ist, der von Begegnungen auf seinem Marsch informiert, historische Hintergründe und halbhistorische Halbwahrheiten beleuchtet und von seiner in Brüche gegangenen Beziehung mit Irma berichtet, manchmal sehnsuchtsvoll, dann wieder eher abgeklärt. Aber Irma bekommt im Laufe des Buches immer mehr Gestalt, der Abschied fällt im Gehen leichter, dieser Eindruck manifestiert sich.
Seine Erinnerungen ans Bundesheer, an den Grenzschutz werden wach, weil er die österreichisch-ungarische Grenze passiert und immer wieder Bekanntschaften macht, sich von Früchten von Obstbäumen, die niemanden interessieren, ernährt und immer tiefer ins Ungarische einsteigt. Die Sprache, die Leute, die Kultur, Politik und Geschichte vermengen sich, und Kurz verhehlt nicht seine Affinität zum Ungarischen. Die Natur spielt in diesem Buch eine große Rolle, manchmal riecht man richtiggehend die Gräser, Früchte und Blumen aus den Seiten heraus und genießt.
Ein poetisches, stilles und dichtes Buch, das freilich einen hohen Fesselungsgrad besitzt. Eine Parabel über das Vergehen der Zeit, die am Ende kaum mehr eine Rolle spielt. Ein wunderbares Buch, das an Traditionen des 19. Jahrhunderts anknüpft, aber dennoch höchstmodern ist. Breite Empfehlung.
Rudolf Kraus

Kurz, Andreas - Der Blick von unten durch die Baumkrone in den Himmel
Eine Umschreibung. Graz: Droschl, 2017. 262 S. fest geb. : € 20,00 (DR)
ISBN 978-3-85420-986-7

 

Artikel weiterempfehlen

© ÖGB-Verlag | Mit freundlicher Unterstützung vom Bundeskanzleramt Österreich / Kultur