Bücherschau

Gruber-Rizy, Judith - Der Mann im Goldrahmen

Liebesgeschichte zwischen einem jüngeren Mann und einer älteren Frau

Muss die Schriftstellerin Rosa im 2013 erschienenen Roman „Schwimmfüchslein“ um Autonomie und ihre künstlerischen Möglichkeiten noch kämpfen, so hat die namenlose Ich-Erzählerin in „Der Mann im Goldrahmen“ – eine Fotokünstlerin um die 50 – den Status der Unabhängigkeit schon erreicht und will ihn nicht gefährden, schon gar nicht durch einen Mann. Relativ gering ist daher ihre Bereitschaft, sich auf eine feste Beziehung einzulassen. Länger als fünf, sechs Jahre hat sie es sowieso nie mit jemandem ausgehalten. Immer schwingt das Gefühl mit, die Freiheit für die Arbeit verlieren und in verschiedene Abhängigkeiten geraten zu können. Wenn schon verlieren, verliert sie sich lieber in ihrem Alltag, in dessen Mittelpunkt „Fotoprojekte, Ausstellungen, Fotobände“ und ihr Sohn David stehen, der inzwischen 17 ist und die Abwesenheit eines Vaters nie bekrittelt hat.
Als er vier Wochen in England weilt, begegnet seine Mutter auf der Geburtstagsfeier einer Freundin einem Mann, von dem sie drei Jahre zuvor zufällig Fotoaufnahmen gemacht hat. Stephan heißt er, ist „Sicherheitsexperte für Computersysteme“ und genau 18 Jahre jünger als sie. Aber nicht, dass ihn die Einzelgängerin, die nur mit Männern intim wird, mit denen sie schon vorher etwas verbunden hat, aufgrund ihrer spärlichen Informationen abblitzen ließe. Im Gegenteil: Nach wenigen Tagen gehört dieser „sanfteste, zärtlichste und einfühlsamste Mann“, mit dem sie je zusammen gewesen ist, ein wenig zu ihrem Leben. Allerdings hebt sich die Zweisamkeit mit ihm von der gewohnten Normalität ab. Es geht vordergründig um Lust – auch wenn damit etwa nur gemeint ist: „aneinandergeschmiegt auf dem Sofa zu sitzen (…) oder einfach in der Nacht aufzuwachen und sich zu spüren“.
Nie versucht Stephan, sie zu bevormunden oder über sie zu bestimmen. Deshalb auch lässt sie sich auf seinen „jungen Körper, seinen Schwung, seine Spontaneität, seine Unbefangenheit“ ein. Und doch sieht sie sich außerstande, das Verhältnis mit ihm öffentlich zu machen und ihn als „neuen Freund“ vorzustellen. Das liegt weniger am Altersunterschied als an Stephans Absicht, das ganze Leben mit ein und derselben Frau verbringen zu wollen. Der darin steckenden Beziehungsintensität sieht sie sich als freischaffende Künstlerin auf Dauer nicht gewachsen.
Judith Gruber-Rizy erzählt die ungewöhnliche Liebesgeschichte zwischen einem jüngeren Mann und einer älteren Frau in Rückblenden in eine noch gar nicht so weit zurückliegende Vergangenheit. Diese Sequenzen, welche sich nahezu übergangslos in die Rahmenhandlung einfügen und als „Erinnerungen an diesen Mann“ firmieren, sind atmosphärisch dichte Schilderungen, sehr detailreich und genau. Man lernt darin Landschaft in vielen Einzelheiten und auf eine sehr behutsame und gefühlvolle Weise kennen. Nicht weniger eindrucksvoll zeichnet Gruber-Rizy in den Gedächtnisprotokollen, Träumen, Analysen und Vorwürfen ihrer Protagonistin den zur „Urlaubsliaison“ sich verklärenden „Mann im Goldrahmen“. Die Bilder aus der Vergangenheit verdichten sich mit dem Lebensalltag der Erzählgegenwart zu einem spannenden Handlungsgeflecht, das die Autorin sprachlich schnörkellos und besonnen, stilsicher und klar, in einem gleichmäßig und ruhig wie ein Fluss dahinfließenden Ton nach und nach entwirrt.
Schlussendlich hat man eine eigenwillige wie eigenständige Frau als Protagonistin vor sich, die gerade ihre Zweitwohnung bezogen hat, um sich ihrem Projekt „Der weite Blick“ zu widmen, in dem es darum geht, „eine Landschaft über längere Zeit hinweg zu beobachten und die Veränderungen auf Fotos festzuhalten“. Sie ist „keineswegs unzufrieden mit ihrem Leben“, aber doch immerhin ein wenig „verunsichert vielleicht“, scheint sie doch nicht mehr ganz so sicher zu sein, ob ihr Lebensentwurf auch weiterhin für sie Gültigkeit haben soll. Hier heroben (in der Ruhe und Abgeschiedenheit dieser 2000-Einwohner-Gemeinde) will sie sich darüber Gewissheit verschaffen. Vor allem auch, weil sie glaubt, Stephan „nur hier nahe sein, nur hier den Erinnerungen an ihn nachhängen zu können“.
Deren Intensität zeichnet die Autorin mit großer Empathie und in sprachlicher Fülle nach und garantiert dadurch zweifellos ein spannendes Lesevergnügen.
Andreas Tiefenbacher

Gruber-Rizy, Judith - Der Mann im Goldrahmen
Roman. Wien: Wortreich 2016. 296 S. - fest geb. : € 19,90 (DR)
ISBN 978-3-903091-06-1

 

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