Bücherschau

Gabriel, Andreas - Tod Ernst, der Krebs und ich

Der Krebs lauert überall

„Als ich die Diagnose Lungenkrebs erhielt, habe ich gleich begonnen, ein Buch darüber zu schreiben“, erklärt der aus Vorarlberg stammende Biologielehrer und Kabarettist Andreas Gabriel. Herausgekommen ist eine Art romanhafter, autobiografisch eingefärbter Erfahrungsbericht in 38 Kapiteln, die sich nicht nur der körperlichen Dimension des Krankheitsverlaufes einschließlich des Ringens und Kämpfens ums Überleben widmen, sondern auch die Denk- und Gefühlswelt des aus der Ich-Perspektive erzählenden Autors offenbaren, dem auch daran gelegen ist, „von dieser ‚Immer-Krebs-Ebene‘„ wegzukommen.
Dementsprechend tauchen in seiner stringenten Darstellung nicht nur ironische Töne und gesellschaftskritische Elemente auf, die der Auseinandersetzung mit dem Tod etwas von ihrer Beklemmung nehmen, man lernt auch überraschende Seiten desselben kennen, der (nachdem er ohne „richtigen Gehilfen“ auskommen muss) „kurz vor einem Burnout“ steht. Denn es gibt für ihn „keine klaren Abgrenzungen“ mehr. Hat er früher „zumeist ohne große Schwierigkeiten eintreten“ können, werden ihm jetzt andauernd „unzählige Tabletten, Defibrillatoren und neue Operationstechniken vor die Füße geworfen“.
So heißt es, sich geänderten Bedingungen zu stellen. Dabei entpuppt sich „Ernst“ (wie ihn der Autor nennt) als recht wandelbare Erscheinung. Nicht nur dass er sich den neuen Kommunikationstechniken gegenüber als recht aufgeschlossen erweist, er tauscht sogar sein traditionelles Outfit „Kapuze und Sense“ gegen ein schwarzes „Totenkopf T-Shirt von Punisher“ und verschwindet nach jedem seiner Auftritte spektakulär. Einmal kriecht er als Rauch durch den Spalt der Tür nach draußen, dann wieder verwandelt er sich „in eine blaue Flüssigkeit, (die) durch das Fensterglas in den Gartenboden“ fließt.
Bei einem als „Stadium 3A“ auf einer „Skala von 1-4 zur Einteilung der Tumore“ klassifizierten Karzinom ist er einfach immer gegenwärtig. Die Verantwortung dafür trägt der sich kein Blatt vor den Mund nehmende, sehr anschaulich und mit einiger Gefühlsintensität erzählende Autor natürlich selbst. Schließlich hat er durch seinen Zigarettenkonsum lange genug den Krebs dazu motiviert, sein Leben „zu übernehmen“, das mit einem Mal brutal „aus den Schienen“ geholt wird.
Wo sich alles nur mehr um Überlebenskampf dreht, weil die Zukunft massiv in Gefahr ist, wird einschlägiges Wissen in Form von Broschüren und Büchern eine „Waffe zur aktiven Bekämpfung“. Diese wird einem aufgrund der Selbsterfahrung nicht nur in allen möglichen Facetten, sondern auch auf sehr drastische und unmittelbare Weise vor Augen geführt. Und dennoch gibt es Schrecklicheres als den Tod, nämlich die Unsterblichkeit. Das veranschaulicht Andreas Gabriel anhand von drei unendlichen Geschichten: der von „Bill, dem Mörder“, „Engelbert, dem Unglücklichen“ und „William Taylor, dem lebenden Toten“, was ihm überzeugend gelingt.
Schlussendlich gelingt ihm auch, „4 Chemos und 23 Bestrahlungen“ zu überstehen, während denen sich „Tod Ernst“ überraschenderweise kein einziges Mal blicken lässt. Was gegen ihn die beste Vorgehensweise ist, steht nie eindeutig fest. Der Autor präferiert für sich den von Chirurgen und Onkologen vorgeschlagenen Weg einer Operation, obwohl erschwerend bei ihm hinzukommt, dass das Karzinom „sehr nahe an lebenswichtigen Gefäßen“ sitzt. Und er lässt einen auch über den erfolgten Eingriff hinaus an seinem Schicksal teilhaben. Legt vieles offen und spart auch nicht mit kritischen Bemerkungen. Zeigt auf, wie es um Macht und Gerechtigkeit bestellt ist und lässt auch den menschlichen „Drang zur Selbstzerstörung“ nicht außer Acht.
Für ihn lautet die Conclusio: Änderung bei „Nahrung, Bewegung, Therapie, Stress“. Schließlich lauert der Krebs überall. „Und beim geringsten Fehler würde er wieder zuschlagen“. Aber eines ist durch ihn auch passiert: Es erweitert sich die Optik. Das Leben wird wegen oder trotz oder durch ihn auf alle Fälle „immer besser“. Als noch besser erweist sich dieses Buch: Es gefällt in Aufmachung, Struktur und Darlegung seines Themas sehr.  
Andreas Tiefenbacher

Gabriel, Andreas - Tod Ernst, der Krebs und ich
Dornbirn: Unartproduktion 2016. 196 S. - kt. : € 18,00 (DR)
ISBN 978-3-902989-06-2

 

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