Bücherschau

Hill, Nathan - Geister

Die heutige amerikanische Gesellschaft satirisch scharf beschrieben

Im Spätsommer 1988 hatte ihn seine Mutter verlassen. Sie war einfach von Samuel und ihrem Mann weggegangen – und sie hatte nur einen Koffer bei sich. Stück für Stück hatte sie ihre Existenz reduziert, immer wieder hatte eine Kleinigkeit gefehlt, ein Bild, eine Gabel, ein Pullover. 23 Jahre später, im Spätsommer 2011, kommt es bei einer Wahlveranstaltung von Gouverneur Sheldon Packer in Chicago zu einem Zwischenfall. Auf der privaten Aufnahme eines Besuchers sieht man, wie sich eine weißhaarige Frau um die 60 dem Gouverneur nähert und ihn unter lauter Beschimpfung mit einer Hand voll Kieselsteine bewirft.
Professor Samuel Anderson ist 33 Jahre alt und Juniorprofessor für englische Literatur an einer kleinen Universität nordwestlich von Chicago. Seine Freizeit verbringt er in der Phantasiewelt von Elfscape, einem Online-Computerspiel. Dort ist er ein heldenhafter Elfendieb – im wahren Leben ist er langweilig, einsam, übergewichtig, unzufrieden und pleite.
Da bekommt er einen Anruf. Simon Rogers von der Anwaltskanzlei Rogers & Rogers in Washington D.C. ruft ihn im Namen seiner Mutter an. Er hat den Fall von ihrem Pflichtverteidiger in Chicago übernommen. Die Kanzlei ist spezialisiert auf öffentlich wirksame politisch motivierte Verbrechen. Samuel erfährt, dass seine Mutter es war, die den Gouverneur mit Kieselsteinen beworfen hat und nun soll er einen Brief an den Richter schreiben, um für sie ein milderes Urteil zu erwirken. Samuel lehnt ab. Er hat keine Veranlassung, seiner Mutter zu helfen.
Doch das Blatt wendet sich, als sein Verleger (ja, Samuel ist auch Schriftsteller) nach zehn Jahren des Wartens das Buch, an dem er angeblich schreibt, nicht mehr einfordert, sondern den Vorschuss zurück haben möchte. Bei diesem Treffen wird sein Verleger nämlich durch einen Fernsehbericht auf die „Attentäterin“ aufmerksam, und meint, dass er ihre Geschichte gerne erzählen würde. Da kann Professor Anderson nicht widerstehen, und sagt ihm, dass es sich bei dieser Frau um seine Mutter handelt. Und dann macht er seinem Verleger ein Angebot. Ein facettenreicher Roman, der voll satirischer Schärfe die heutige amerikanische Gesellschaft beschreibt.
Sabine Diamant

Hill, Nathan - Geister
Roman. München: Piper 2016. 863 S. - fest geb. : € 25,70 (DR)
ISBN 978-3-492-05737-0

 

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