Bücherschau

Kazuo Ishiguro - Romane – abgründig, voll von Lebenslüge, Erinnerung und zärtlicher Menschlichkeit

Marianne Sonntagbauer über den Nobelpreisträger für Literatur 2017

© Jeff Cottenden

Der Nobelpreis für Literatur des Jahres 2017 wird an den englischen Autor Kazuo Ishiguro verliehen. Die Schwedische Akademie würdigt ihn als einen Schriftsteller, „der in Romanen von starker emotionaler Wirkung den Abgrund in unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt aufgedeckt hat“. Kazuo Ishiguro beschäftigt sich in seinem literarischen Schaffen mit seinem britisch-japanischen Hintergrund, mit Geschichte und Gegenwart. Sein Werk variiert kunstvoll das Thema menschlicher Erinnerung.
Als er fünf Jahre alt ist, zieht die Familie des am 8. November 1954 in Nagasaki, Japan, Geborenen ins Vereinigte Königreich, wo der Vater als Ozeanograf im Auftrag der britischen Regierung zunächst für einen begrenzten Zeitraum von ein bis zwei Jahren forschen sollte. Aus dem vorübergehenden Aufenthaltsort wird schließlich der feste Wohnsitz der Familie. Kazuo wächst in Guildford, in der Grafschaft Surrey, auf. Nach dem Abschluss seiner Schulausbildung arbeitet er zeitweilig als Jagdhelfer für die Queen Mum. Bevor er sich dem Schreiben zuwendet, strebt er eine Karriere als Rockmusiker an. Er studiert zunächst Englisch und Philosophie in Canterbury und „Kreatives Schreiben“ bei Malcolm Bradbury in Norwich, wo er 1980 seinen Master in Literatur erwirbt. Bereits während dieser Zeit schreibt Kazuo Ishiguro erste Kurzgeschichten, die alle veröffentlicht werden. Dies bringt ihm einen Vertrag für seinen ersten Roman ein, bevor dieser vollendet ist. In den 1980er Jahren engagiert er sich in zahlreichen sozialen Projekten. Dabei lernt er auch seine Frau kennen, die er 1986 heiratet. Heute lebt er mit ihr und seiner Tochter in London.
Seine ersten beiden Romane „A pale view of hills“ (1982; „Damals in Nagasaki“) und „An artist of the floating world“ (1986; „Der Maler der fließenden Welt“) befassen sich mit den japanischen Kriegserfahrungen während des Zweiten Weltkriegs und dem Umgang der Protagonisten damit. Beide Romane handeln von sich entfremdenden Familien und der Suche nach Identität. Bereits diese Werke berühren Themen, für die Ishiguro bekannt ist, nämlich die Erinnerung, die Zeit und die Lebenslüge.
Seit dem Erscheinen seines Debütromans „A pale view of hills“ („Damals in Nagasaki“) ist Kazuo Ishiguro als Vollzeitschriftsteller tätig. Im Roman erzählt er die Geschichte der nach England emigrierten Japanerin Etsuko. Als ihre Tochter Keiko, die noch in Nagasaki geboren wurde, sich das Leben nimmt, holt sie die Vergangenheit ein. Sie erlebt ein zweites Mal die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg in Nagasaki. Etsuko lebt in einem modernen Hochhaus mit ihrem Mann Jiro. Während ihr Mann versucht, Karriere zu machen, kümmert sie sich um den Haushalt. Oft steht sie am Fenster und beobachtet, wie sich die Welt um sie herum verändert. Eines Tages zieht eine Frau mit ihrer kleinen Tochter in die Holzhütte unten am Fluss ein. Etsuko muss bald feststellen, wie ihre Nachbarin Sachiko wegen ihres Traums vom Glück mit einem amerikanischen Soldaten mehr und mehr ihr Kind vergisst.
Im Roman „An artist of the floating world“ (Der Maler der fließenden Welt“) hat der Maler Masuji Ono in den dreißiger Jahren seine Kunst in den Dienst der japanischen Expansionspolitik gestellt. Jetzt, nach dem Krieg, ist sein damaliger Patriotismus anrüchig geworden. Als seine Tochter heiraten will, wird seine politische Vergangenheit zur Belastung für die Familie. Kazuo Ishiguros eindringlicher, meisterhaft erzählter Roman über einen Künstler, der mit seiner Vergangenheit ringt, lässt das vom Krieg zerrüttete Japan der Nachkriegszeit wieder aufleben. Es ist ein Land im Umbruch, in dem verschiedene Lebensweisen um die Vorherrschaft kämpfen und ein Volk zwischen Tradition und Moderne nach einem neuen Lebenssinn sucht.
Für seinen dritten und wohl bekanntesten Roman „The remains of the day“ (1989; „Was vom Tage übrigblieb“) wird Kazuo Ishiguro 1989 mit dem Booker Prize ausgezeichnet. In diesem Roman zeichnet er das kritische Porträt einer von Klasse und Hierarchie geprägten Gesellschaft und eine bittersüße Liebesgeschichte. Seit Jahrzehnten dient Stevens als Butler auf Darlington Hall. Er hat sein Leben voll und ganz in den Dienst seines Herrn gestellt. Niemals würde er auch nur ein Wort über die merkwürdigen Vorgänge im Herrenhaus verlieren. Jetzt bricht er zum ersten Mal aus seiner gewohnten Welt aus, um seine ehemalige Kollegin Miss Kenton in Cornwall zu besuchen. Die Fahrt wird für Stevens zu einer Reise in die Vergangenheit und schließlich auch zu einer Reise zu sich selbst. Der Roman wird 1993 mit Anthony Hopkins und Emma Thompson verfilmt.
Kazuo Ishiguro schreibt bis zu dieser Zeit ruhige, zurückgenommene Romane, die vom Angedeuteten leben. Das Nichtausgesprochene ist dabei ebenso wichtig wie das Verschwiegene. Nach dieser realistischen Phase seines Schreibens werden seine Romane experimenteller. In „The Unconsoled“ (1995; „Die Ungetrösteten“) taumelt der  berühmte englische Pianist Ryder auf seiner Konzertreise von einer albtraumhaften Situation in die nächste. Die Realität ist hier aus den Fugen geraten. Bei seiner Ankunft im Hotel wird er vom Hotelpagen in Beschlag genommen, der ihn um einen ungewöhnlich persönlichen Gefallen bittet. Ryder sagt zu und macht daraufhin eine ganze Reihe sonderbarer Bekanntschaften, die ihn in tiefe Verwirrung stürzen. Es sind lauter „Ungetröstete“, die sich vom Künstler Hilfe oder Erlösung erhoffen. Ryder versucht, auf jeden Einzelnen einzugehen und merkt zu spät, dass er sich dabei selbst immer mehr abhandenkommt. Durchkreuzte Erwartungen und wiederholte Vertröstungen bestimmen die Struktur des Romans. Komik ergibt sich durch die systematische Verzögerung wichtiger Informationen.
In der ungewöhnlichen Detektivgeschichte „When we were orphans“ (2000; „Als wir Waisen waren“) reist der Ermittler Christopher Banks aus dem London der dreißiger Jahre nach Schanghai, der Stadt seiner Kindheit, um das Verschwinden seiner Eltern aufzuklären, und enthüllt dabei sein eigenes, trügerisches Selbstbild. Beide waren in den Opiumhandel verstrickt – der Vater als Profiteur, die Mutter als erklärte Gegnerin. Der Roman zeichnet sich durch sprachliche Zurückhaltung aus, unabhängig von der Dramatik des Geschilderten.  
Der verstörende Roman „Never let me go“ (2005; „Alles, was wir geben mussten“) leitet eine dunkle Unterströmung von Science Fiction im Schreiben von Ishiguro ein. Der Autor skizziert eine Gesellschaft, die Kinder als Organspender züchtet. Die Ich-Erzählerin Kathy und ihre Freunde Ruth und Tommy sind Klone. Solange sie im Internat Hailsham sind, versucht man diese Wahrheit von ihnen fernzuhalten. Ihre angefertigten Kunstwerke werden eingesammelt und kommen in die Galerie, um die artgerechte Aufzucht im teuren Internat zu rechtfertigen. Sie sollen beweisen, dass Klone eine Seele haben und dass sie menschlich sind. Kathy und Tommy finden sich als Paar. Nur allzu gern möchten sie dem Gerücht glauben, dass Liebende einen Aufschub erwirken können. Tatsächlich sind sie menschlich in einer unmenschlichen Welt. Im Grunde warten sie tatenlos darauf, dass man sie endlich umbringt. Die Geschichte über ein Internat für Klone, die als menschliche Ersatzteile ein qualvoller Tod erwartet, wird von der Kritik hochgelobt und 2010 mit Keira Knightley, Carey Mulligan und Andrew Garfield in den Hauptrollen verfilmt.
Die Kurzgeschichtensammlung „Nocturnes: five stories of music and nightfall“ (2009; „Bei Anbruch der Nacht“) enthält fünf Erzählungen darüber, wie Musik Menschen zusammenzubringen vermag, die sich sonst nie begegnet wären. Etwa den erfolglosen Saxofonisten und die alternde Diva, den berühmten Crooner und den Kaffeehausgitarristen, die Karrierefrau und den Tagedieb, das abgeklärte Unterhaltungsduo und den selbstverliebten Songwriter, die amerikanische Cellistin und den ungarischen Nachwuchsmusiker. Der Manager hat Steve, den mäßig erfolgreichen Jazz-Saxofonisten, aus der Titelgeschichte „Bei Anbruch der Nacht“ überredet, sich einer Schönheitsoperation zu unterziehen. Mit einer hübscheren Visage ließe sich Musik besser vermarkten. Außerdem werde sich dann möglicherweise seine abtrünnige Frau besinnen und zu ihm zurückkehren. Nach dem Eingriff wird er in einer extra für die Patienten des Schönheitschirurgen Dr. Boris reservierten Etage eines Luxushotels einquartiert. Dort wohnt er Tür an Tür mit Lindy Gardner, einer talentfreien und nicht mehr ganz jungen Dame, die ihre Prominenz den Medien und den richtigen Verbindungen verdankt. Erzählt wird die Geschichte um eine kleine Skulptur und die irrwitzigen nächtlichen Wanderungen der beiden durch das Hotel.
Ishiguros bislang letzter Roman „The buried giant“ (2015; „Der begrabene Riese“) ist eine bewegende Geschichte über verlorene Erinnerungen, Liebe, Rache und Krieg. Der Roman ist an den Grenzen zwischen historischem und fantastischem Erzählen angesiedelt. Britannien im 5. Jahrhundert. Nach erbitterten Kriegen zwischen den Volksstämmen der Briten und Angelsachsen ist das Land verwüstet. Axl und Beatrice gelten als Außenseiter. Man gibt ihnen deutlich zu verstehen, dass sie eine Belastung für die Gemeinschaft sind. Also verlassen sie ihre Heimat in der Hoffnung, ihren Sohn zu finden, den sie seit langer Zeit nicht mehr gesehen haben. Ihre Reise ist voller überraschender Begegnungen und Gefahren, und bald ahnen sie, dass in ihrem Land eine Veränderung heraufzieht, die alles aus dem Gleichgewicht bringen wird, sogar ihre Beziehung.

Neben seinen Romanen hat Kazuo Ishiguro Kurzgeschichten, Fernsehdramen und Drehbücher verfasst und Musik komponiert. Ebenso schrieb er für die 2007 veröffentlichte CD „Breakfast on the morning tram“ der anglo-amerikanischen Jazz-Sängerin Stacey Kent Liedtexte. Er ist mit zahlreichen Preisen bedacht worden, sein Werk wurde in über vierzig Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Ishiguros unprätentiöser und zugleich betörender Realismus macht ihn zu einem feinsinnigen Erzähler, dessen zentrale Themen Erinnerung, Suche nach Identität und kollektives Verdrängen von großer Aktualität sind.


 

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