Bücherschau

Teresa Präauer - Ich glaub, mich laust der Affe

Heimo Mürzl über die österreichische Autorin

© Thomas Langdon

Wortartistik zur Bewusstseinserheiterung. Teresa Präauer spielt in ihren Texten gekonnt mit Sprache und Erwartungshaltungen.


Die Leser von Rosamunde Pilcher-Romanen dürften mit den Büchern von Teresa Präauer wohl keine Freude haben. Ihr Verzicht auf lineare und realistische Erzählmuster sorgt für ästhetisch anspruchsvolle und hochartifizielle Texte, deren Lektüre vom Leser aber nicht nur ein hohes Maß an Reflexivität abverlangt und eine intellektuelle Herausforderung darstellt, sondern immer auch ein die Phantasie anregendes und vergnügliches Leseabenteuer ist.  Die Literatur von Teresa Präauer erschöpft sich trotz ihres unkonventionellen Ansatzes aber nie in geschraubtem Manierismus und in gedrechselter Affektiertheit. Zu kunstfertig, einfühlsam, stilsicher, variantenreich und stets mit einem Augenzwinkern versehen führt sie ihre mit Verve und Witz ausgestatteten und virtuos konstruierten Texte an ihr Schreibziel. Ihre Literatur folgt dem uralten Prinzip des Wort- und Textflechtens, spielt gekonnt mit Sprach-, Erzähl- und Bedeutungsebenen und Erwartungshaltungen. Sie selbst erklärt ihre Idee von Schreiben und Literatur so: „Mich interessiert vor allem, in welchem Verhältnis die Sprache zum sogenannten Inhalt steht. Mein Stoff entwickelt sich aus der Sprache.“ Präauer findet in ihren Texten fast immer die richtigen Zwischentöne, spielt mit großer Lust mit Tiefsinn und Bedeutsamkeit, arbeitet mit poetischer Vielfalt und Vieldeutigkeit und lässt so scheinbar Bekanntes und Gewöhnliches neu- und andersartig erscheinen. „Mir geht es um Vieldeutigkeit statt Eindeutigkeit. Die Realität erkennt man ja nur dann, wenn man alle möglichen Dinge parallel wahrnimmt.“
GENAUIGKEIT BEIM HINSCHAUEN
Der 1979 in Linz geborenen und danach in Graz und St. Johann im Pongau aufgewachsenen Teresa Präauer ging es in ihrem künstlerischen Schaffen – die Schriftstellerin ist auch Illustratorin und bildende Künstlerin – nicht nur um eine spielerische, kenntnisreiche und stets humorvolle Herangehensweise, sondern immer auch um die Genauigkeit beim Hinschauen. Die Nähe beziehungsweise den Zusammenhang zwischen ihrer Arbeit als Autorin und ihrer Arbeit als bildende Künstlerin erklärt Präauer mit „zwei ganz ähnlichen Denkweisen. Wobei es mir beim Schreiben und beim Malen und Zeichnen um die Genauigkeit beim Hinschauen geht.“  Präauer sucht in ihren Werken nie den Schutz vorgefertigter Muster und so ist auch jeder Versuch, ihre Bücher auf ihren Inhalt beziehungsweise auf eine linear nacherzählbare Handlung festzulegen zum Scheitern verurteilt. Obwohl ihre Texte im weitesten Sinne der experimentellen Literatur zugerechnet werden könnten, erreicht sie einen großen Leserkreis, weil (Selbst)Ironie, humorvolle Effekte und eine spielerische Heiterkeit nie fehlen. Wie virtuos und zugleich anarchisch sie mit  sprachlichen Mitteln spielt und unterschiedlichste Sprechweisen, Stilebenen und ästhetische Verfahren miteinander verknüpft, ist immer wieder erstaunlich und macht ihre Kunst so unverwechselbar. In ihrer ersten Buchveröffentlichung „Taubenbriefe von Stummen an anderer Vögel Küken“ (Edition Krill, 2009) verknüpfte sie poetische Skizzen mit Zeichnungen, genauer gesagt in Form einer Postkartensammlung  Ein-Satz-Gedichte mit Zeichnungen erfundener Vögel. 2010 illustrierte Präauer das Kinderbuch „Die Gans im Gegenteil“ von Wolf Haas, ehe sie im Jahr 2012 mit „Für den Herrscher aus Übersee“ ihren ersten Roman veröffentlichte, der auch gleich mit dem aspekte-Literaturpreis 2012 für das beste deutschsprachige Prosadebüt ausgezeichnet wurde. Das gar nicht so selten feststellbare Paradoxon, dass gerade in literarischen Texten die sich vom platten Realismus abwenden und mehr auf Experiment, Sprachspiel und Phantasie setzen, oft mehr Wirklichkeit und Welthaltigkeit zu finden ist, trifft auch auf Teresa Präauers Romandebüt zu. „Ich bin in den Himmel hinauf geflogen und habe mit dem Zählen der Tage aufgehört.“ Die literarische Gegenwelt, ein  phantasievolles Refugium, gleichzeitig Rückzugs- und Aufbruchsort, ist von den ersten Romanzeilen an präsent – aber nie als reine Idylle. Ein Geschwisterpaar – ihre Eltern sind auf Weltreise – verbringen die elternlose Zeit bei den Großeltern auf dem Land. Die Ehe der Großeltern ist zu einer Zweckgemeinschaft geworden. Ihre Liebe hat die ereignisreichen Jahre nicht überdauert. Doch das Geschwisterpaar interessiert sich sowieso nur für das zahlreiche Federvieh – Hühner, Rebhühner, Pfau, Fasan und diverse Ziervögel - das den Hof der Großeltern bevölkert. Vom Großvater lernen sie nicht nur alles über die Vogelzucht, sondern auch einiges über Flugmaschinen und das Fliegen. Von Tag zu Tag gebannter lauschen sie seinen abenteuerlichen und bilderreichen Fliegergeschichten, die in den immer wiederkehrenden Erzählungen  von der japanischen Fliegerin, die von einem Vogelschwarm in V-Formation begleitet wird, gipfelt. Die Erinnerungen der Erwachsenen, die kindliche Phantasie und die ländliche Realität bilden zusammen einen ganz eigenen, dezent surrealen (Erzähl)Kosmos, der humorvoll und artifiziell das Aufbrechen in die Welt mit dem Verharren in der Vergangenheit verknüpft. Das Unbekannte ist das Ziel, das Rätselhafte wird literarisch gebannt und Präauers Mischung aus Wort- und Sprachartistik, Kunstbeflissenheit, Humor und literarischer Verspieltheit, macht den Roman zu einem Erinnerungsbuch über Großeltern und Enkel und gleichzeitig zu einer fulminanten, sprachspielerischen Phantasie über das Fliegen und die Liebe. Großvaters „These von Welt und Leben“ benutzt Präauer ganz geschickt, um mit dem besserwisserischen Ton diverser Welterklärungsmodelle zu spielen und sie letztlich der Lächerlichkeit preiszugeben. Und das Geschwisterpaar nimmt sie mit auf ein paar gedankliche Höhenflüge: „Oder wir schreiben die Weltgeschichte, die unsere ist, und sie spielt in dieser Landschaft: größer als ein Garten, kleiner als ein Feld. Es gibt Bäume, Blumen, Tiere, es gibt Wasser und Feuer. Wir haben eine Kasserolle zum Kochen, und wir haben Werkzeug, um ein Flugzeug zu reparieren. Am Ende werden wir wieder fliegen können.“
KUNST UND LEBEN
2014 erschien Teresa Präauers zweiter Roman „Johnny und Jean“, der es bis auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse schaffte. Klaus Kastberger bezeichnete das Buch damals als „Kunststudenten-Roman“ und griff mit dieser Bezeichnung nicht nur zu kurz, sondern tat dem Roman wohl auch Unrecht. „Johnny und Jean“ ist viel mehr –  eine mit Verve und Witz konstruierte und  lustvoll servierte literarische Kost, kluge Kunstbetriebsparodie und feinfühlige Freundschaftsgeschichte, Studie über gesellschaftliche Außenseiter und das Wesen von „Erfolg“ und naturgemäß, ein Buch über die Kunst, die Künste und die Künstler. Wie gekonnt Präauer Kunst und Leben kurzschließt und zusammenführt, von den Herausforderungen des sogenannten realen Lebens und den Eigenheiten und Seltsamkeiten der verschiedenen Künstlermilieus erzählt, in einem bildhaften, phantasievollen und sprachspielerischen Duktus, beeindruckt auch bei wiederholter Lektüre. Der Assoziationen weckende Romantitel, der an „Jules und Jim“, „Thelma und Louise“ und „Bonnie & Clyde“ denken lässt, legt schon die verführerische Fährte in Richtung „Die Betrachtung von Kunst macht Menschen Mut“ und „Alles funktioniert über die pure Vorstellungskraft“. Die Kraft der Imagination schafft Sehnsuchtsräume – auch für die so unterschiedlichen Freunde Johnny und Jean, zwei junge Männer, die in die Welt aufbrechen, um diese mit ihrer Kunst zu beglücken und zu erobern. Zwei junge Männer, die Schritt für Schritt erwachsen werden und im Wechselspiel aus gegenseitiger Bewunderung und Konkurrenz lernen, was es bedeutet und wie es sich anfühlt mit Hierarchien umgehen zu lernen und was es heißt, von der Kunst leben zu wollen beziehungsweise zu müssen. Der stille, eigenwillige und sich selbst treu bleibende Johnny und der als künstlerische Ausnahmebegabung geltende, extrovertierte und mit seiner Anpassungsfähigkeit den Kunstmarkt perfekt bedienende Jean bilden ein spannendes Gegensatzpaar. Beide wollen weltberühmte Künstler werden – jeder auf seine Art. Der eine, Johnny, träumt von New York, der andere, Jean, von Paris und die virtuose Autorin Teresa Präauer verbindet die Lebenswege der zwei Romanprotagonisten zu einer Parabel über Kunst und Leben. „ Ich zeichne meine Steinplatte voll, ich lege Tuscheschichten über die Kreidezeichnung, und nebenan arbeitet Jean. Maria Lassnig reimt zur Drehleiermusik ihre Kantate vom Künstlerleben. Eine Träne, singt sie, fiel ihr auf das Haupt. Und ein Wermutstropfen früh ins Herz. Da ging sie kurzentschlossen außer Land.“  Nicht zuletzt ist „Johnny und Jean“ ein Buch über das Wesen der Kunst, ihrer Funktion, ihrer Ziele und ihrer Irrwege. Quasi en passant lernt man als Leser dieses Romans was Kunst ist, sein will und sein soll, lernt einiges von und über Lucas Cranach, Salvador Dali und Marcel Duchamp und stimmt der Autorin Teresa Präauer mit Begeisterung zu, wenn sie in einem Interview für „Die Zeit“ sagt: „Ich finde Kunst einfach geil.“
WORTARTISTIK ZUR BEWUSSTSEINSERHEITERUNG
Falls die Qualität von literarischen Werken auch von der Lesungstauglichkeit abhängt und ein entscheidendes Kriterium darin besteht, dass man die Bücher einer Autorin nach einer fulminanten Lesung unbedingt noch einmal lesen will und das dann mit großem Mehrwert auch tut – (auch) dann ist Teresa Präauer eine vorzügliche Schriftstellerin. Präauer überzeugt sowohl mit geschriebenem wie auch mit gesprochenem Wort und erweist sich Werk für Werk als außergewöhnliche und unverwechselbare Wortakrobatin, die Freude an der Verführung durch Sprache hat,  gewitzt mit Worten jongliert und mit ihrer Wortartistik erfolgreich zur Bewusstseinserheiterung beiträgt. In ihrem jüngsten, 2016 veröffentlichten Roman „Oh Schimmi“ treibt sie mit großer Kunstfertigkeit ihr lustvoll-anarchisches Spiel mit Sprache und Erwartungshaltungen auf die Spitze. Der mit großer Sprachlust geschriebene und seinem zwischen Sinnsuche und Sinnlichkeit oszillierenden Tonfall beeindruckende Roman „Oh Schimmi“ zählt zum Interessantesten, was es derzeit an zeitgenössischer österreichischer Literatur zu lesen gibt. Die bekannte Phrase „sich zum Affen machen“ wird in diesem Buch in zahlreichen Facetten vorgeführt. Der Titelheld und Ich-Erzähler macht sich mehr als einmal zum Affen für die von ihm „angebetete“ Ninni, die sich dem Stalker im Affenkostüm aus der Daktari-Zeit aber beharrlich verweigert. Eigentlich teilt sich Jimmy („Schimmi“) mit seiner dominanten Mutter – die ihn regelmäßig mit Kontrollanrufen terrorisiert - eine Wohnung im obersten Stockwerk eines Hochhauses und träumt von exzessivem Konsum und einem ausschweifenden Sexualleben. Mit Cindy („Zindi“) von der Callcenter-Agentur, mit Maguro, einem der „Asia Girls“ aus dem Nagelstudio, die eines Tages gefesselt unter Schimmis Bett gefunden wird und – vor allem und immer besessener – mit der tigermanteltragenden Ninni.  Eine nacherzählbare Geschichte im konventionellen Sinne gibt es in diesem Buch ebenso wenig wie einen spannenden Plot – und trotzdem entwickelt der Text eine enorme Sogwirkung, der man sich als Leser kaum zu entziehen vermag. Die ab und zu durchaus irritierende Geschichte vom jungen Mann in Liebesnöten wird bei Präauer sehr bald zu einer überaus originellen und sehr amüsanten literarischen Tour de Force, die sich im steten Wechselspiel zwischen artifiziellem Slapstick, sprachkritischem Spektakel und ausgeklügelter Wortartistik bei allem bedient, was dem Text dient und gesampelt werden kann: Das reicht vom Wissenschaftsjargon über den inneren Monolog und die Suada bis hin zum Hip Hop-Slang. Schimmi ist eine Mischung aus Aufschneider, Angeber, Großsprecher, Poser und Hochstapler und Präauer hat ihm einen stimmigen Sprachduktus verpasst. Da redet sich einer so richtig in Rage und malt mit Worten vom Teufel bis zum Paradies quasi alles an die Wand.  Die Autorin selbst bezeichnet in einem Interview mit dem „Standard“ „den Hochstapler als sehr beliebte Figur in der (Welt)Literatur“, weil er so etwas wie „die Personifikation des Wunschdenkens“ sei. Mehr als nur Wunschdenken ist der große Erfolg der österreichischen Autorin. 2017 erhält Teresa Präauer den Erich-Fried-Preis und wenn sie bei der Vergabe eines Preises leer ausgeht – wie beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2015 -  obwohl sie im ersten Wahlgang als einzige Kandidatin zwei Juroren-Stimmen auf sich vereinen konnte, zählt sie sich auch zu den Gewinnerinnen. Weil ihr die Sache sehr viel Aufmerksamkeit sicherte und sie zur Überzeugung gelangte, dass „dreißig Minuten Fernsehzeit, in denen man machen und sagen kann, was man will“, fast noch mehr Wert seien, als ein Preis. Teresa Präauer schreibt Bücher, in denen meistens nicht viel passiert. Aber das Wenige ist ungeheuerlich und wie das Wenige von Teresa Präauer in Worte und Sätze gefasst wird, ist so gekonnt und originell, dass einen ihre Geschichten nie mehr loslassen.

 

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