Bücherschau

Kraus, Chris - Das kalte Blut

Ein großer Roman und ein erschütterndes Zeitdokument

Riga in der Zwischenkriegszeit. Familie Solm lebt bescheiden, die Söhne Hubsi und Koja begeistern sich zusehends am nationalsozialistischen Gedankengut, das in Lettland im Untergrund bestens gedeiht. Das jüdische Mädchen Ev wird in der Familie integriert, ihre jüdische Abstammung vertuscht.
Mit der Einvernahme Lettlands in das Nazideutschland durchschreiten die beiden Söhne unterschiedliche Karrieren. So wird Hub Befehlsführer bei der SS, während sich der vor allem künstlerisch begabte Koja meist im Hintergrund bewegen kann. Ev wird abwechselnd mal des einen, mal des anderen Geliebte. Ihre Karriere als Arzthelferin in einem KZ endet für sie beinahe tödlich. Kojas Bruder kann ihr gerade noch aus der Misere helfen.
Nachdem alle Juden aus Riga deportiert wurden, kommt es im Hinterland zu Massenerschießungen. Koja wird von einem sadistischen Kommandoführer gezwungen, eine schwer verletzte Mutter mit ihrem Baby, das sie im ausgehobenen Graben noch zu schützen sucht, mit einer Pistole zu liquidieren. Widerwillig und voller Abscheu schießt er das gesamte Magazin in die beiden.
Chris Kraus zeigt die Gräueltaten der deutschen Wehrmacht schonungslos auf. Doch die Brüder Solm schaffen es, sich immer wieder, vor allem durch Hubsis Position, in Sicherheit zu bringen. Auch missglückte Aktionen, wie die Ausbildung von Stalinattentätern, können ihnen nicht schaden. So schaffen sie es auch nach dem Zusammenbruch Nazideutschlands zu bestehen. Sie werden zu Spionen der jungen Bundesrepublik.
„Das kalte Blut“ ist ein erschütterndes Zeitdokument, das im Leser Entsetzen hervorruft, ob der Brutalität und der Rücksichtslosigkeit mit der die deutsche Wehrmacht bestialisch gegen Juden, aber auch gegen die Zivilbevölkerung der eroberten Gebiete vorgegangen ist. Ein Roman, der schlaflose Nächte bereiten kann!
Peter Lauda

Kraus, Chris - Das kalte Blut
Roman. Zürich: Diogenes 2017. 1187 S., geb., € 32,90 (DR)
ISBN 978-3-257-06973-0

 

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