Bücherschau

Karlweis, Marta - Schwindel

Geschichte einer Realität

Dass der Niedergang einer Familie ein spannendes Romansujet sein kann, hat schon Thomas Mann mit seinen „Buddenbrooks“ bewiesen. Marta Karlweis gehört zu den Autorinnen, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Verelendung des früheren österreichischen Mittelstands zum Thema machten und die heute beinahe vergessen sind. Alles Geldvermögen wurde ja damals durch die Inflation zerstört, Zinshäuser wurden ertraglos und verfielen. Wer Kriegsanleihen gezeichnet hatte, sah sich überhaupt als patriotischer Naivling genarrt.
Marta Karlweis (1889-1965) gehört zu jenen, meist jüdischen Intellektuellen, die in der Zwischenkriegszeit unsentimental, scharfzüngig und figurenreich solche Untergangsstories zu schreiben vermochten und um 1930 auch einige Prominenz erreichten. Karlweis hatte auch als Tochter des Bühnenautors Carl Karlweis und Gattin des Erfolgsschriftstellers Jakob Wassermann Zugang zur literarischen Prominenz ihrer Zeit.
Die vorliegende Familiengeschichte lebt von der weitgehend sympathiefreien kühlen Beobachtungsgabe der Autorin, die mit ihren kurzen, prägnanten Sätzen einen aus dem Leben gegriffenen, aber doch ganz eigenen Stil generiert. Man könnte von einer Übertragung des Konzepts der „Neuen Sachlichkeit“ aus dem Bereich der bildenden Kunst in jenen der Literatur sprechen. Die distanzierte Erzählweise der Marta Karlweis leidet aber an einem Mangel an positiven Identifikationsfiguren. So muss man bei der Lektüre dieses Buches gelegentlich an Anton Kuh denken, der bezüglich der familiären Entwertungslogik der von ihm so genannten Intelligenzplebejer einmal schrieb, sie wüssten eben genau, in welcher Hinsicht „der Egon ein Versager“ gewesen sei und die Mathild‘ a Hur“.
Gelegentlich erhebt sich hier zwar das Mischpochale zum Monumentalen, aber die Bindung des Lesers an das historisch doch etwas fern gerückte Sujet lässt doch zu wünschen übrig. Johann Sonnleitner, Literaturprofessor in Wien, ist jedenfalls zu danken, dass er dieses auch zeitgeschichtlich relevante Buch herausgegeben und einbegleitet bzw. mit zeitgenössischen Rezensionen angereichert hat.
Robert Schediwy

Karlweis, Marta - Schwindel
Geschichte einer Realität. DVB 2017. 237 S. - fest geb. : € 22,00 (DR)
ISBN 978-3-9504158-4-1

 

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