Bücherschau

Bauer, Theodora - Chikago

Eine faktenreiche fiktive Familienbiografie

Die Schwestern Katica und Anica leben in einem kroatischen Dorf, das nach dem Ersten Weltkrieg an der noch jungen ungarischen-österreichischen Grenze im neu geschaffenen Burgenland liegt. Wie viele junge Leute aus dieser Gegend beschließen sie „in das gelobte Land Amerika“ auszuwandern.
Dort erwarten sie sich Freiheit, Wohlstand und eine geregelte Zukunft. Mit Franjo („Feri“), von dem Katica („Kathi“) ein Kind erwartet, treten sie die Reise an. In Chicago findet Feri seinen Bruder, der den Ankömmlingen anfangs Unterschlupf gewährt. Als Kathi bei der Geburt ihres Sohnes stirbt, verliert sich Feri haltlos in den (verbotenen) Alkoholkonsum. Schließlich wird er bei einer Demonstration versehentlich erschossen. Nun bahnt sich in der Folge eine menschliche Katastrophe an. Obwohl Anica („Ana“) ihren Neffen liebt, muss sie ihn nach Antritt eines lukrativen Postens fortgeben. Der kleine Josip (später „Joe“ und „Josef“) wird in der Familie von Feris Bruder aufgenommen und wächst mit deren Tochter, der gleichaltrigen Cathy, auf, aber niemand sagt ihm, wer seine wirklichen Eltern sind. Als er durch einen Zufall die Wahrheit über seine Herkunft erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Das Unglücksrad beginnt sich in der Folge für ihn immer schneller und schneller zu drehen. Als sich Josip an einer Gewalttat mitschuldig macht, die er aber verschweigt, muss er letztlich froh sein, rechtzeitig mit Ana die Rückreise antreten zu können.
In ihrem burgenländischen Dorf angekommen, fühlen sich die beiden in der Bevölkerung nicht willkommen. Man bringt ihnen allerorts Misstrauen und Abneigung entgegen, da Anas Mutter angeblich eine Zigeunern gewesen sei. Zu allem Unglück gerät der (nunmehr sich Josef nennende) Bursche in den verderblichen Dunstkreis junger illegaler Nationalsozialisten. Er wird von ihnen derart verblendet, dass er letztlich sogar eine Gewalttat an seiner Ana, die bislang alles für ihn gegeben hat, gut heißt und diesem Martyrium sogar persönlich beiwohnt.
Theodora Bauer erzählt meisterhaft und mitreißend in einfachen schlichten Sätzen so, als ob es sich um die Lebensgeschichte der Ana handeln würde. Dieser Roman ist allerdings keine Dokumentation, sondern eine fiktive Familienbiografie, die allerdings auf zahlreichen zeitgeschichtlichen Fakten beruht. Theodora Bauer ist 1990 in Wien geboren und lebt im Burgenland. Ihr erster Roman „Das Fell der Tante Meri“ ist 2014 erschienen. Mit diesem Buch legt sie neuerlich ein überaus beachtenswertes und beeindruckendes Werk vor.
Adalbert Melichar

Bauer, Theodora - Chikago
Roman. Wien: Picus 2017. 255 S. - fest geb. : € 22,00 (DR)
ISBN 978-3-7117-2052-8

 

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