Bücherschau

Adam, Olivier - Die Summe aller Möglichkeiten

Eine interessante Milieu- und Gesellschaftsstudie

Es ist nicht nur die Person des Antoine der „Gestrandete“, der von Frau und Kind verlassene Mann, der nunmehr alleine dasteht und im Leben nicht Fuß fassen kann (und auch nicht willens ist!) – nein, es ist ein Konglomerat an Menschen, in sich verschworen, verknotet, verstrickt, welches inmitten der märchenhaften Naturkulisse eines kleinen Badeorts im Hinterland der Côte d'Azur die Schattenseiten des Lebens erfahren, erleben und erleiden muss.
Antoine, eine provinzielle Fußballgröße ohne Zukunft, da sie stets an ihrem ungezügelten Temperament scheitert, ist nicht willentlich der Mittelpunkt dieses bedrückenden Dorfdramas, welches hier zu Buche steh, aber so gesehen dessen Auslöser! Zu den handlungsbestimmenden Figuren gesellen sich eine junge Frau, die jegliche sprachliche Kommunikation verweigert, ein Fußballtrainer, der seine Familie in Stich lässt, eine Sozialarbeiterin, ein völlig inkompetenter Polizeikommissar, Antoines dubiose Freunde, gewissenlose Schlägertypen, Menschen, die von der stürmischen See weggespült werden, Menschen, die von der stürmischen See ausgespien werden, Menschen, die ankommen und dem Ort rasch den Rücken kehren, oder Menschen, deren Schicksal in dem romantischen Badeort eine Wende erfahren sollte. Allesamt aber Menschen, die auf sich selbst zurückgeworfen sind, ohne Lebensziel, ohne Zukunft. Rundum unerfüllte Träume, unrealistische Pläne, Lebensangst, Misstrauen, Verzweiflung, Todessehnsucht und der völlig verblasste Zauber eines von den Fremden verlassenen Touristenorts, dessen Naturschönheit der verbliebenen Bevölkerung zur erdrückenden seelischen Belastung wird.
Olivier Adam ist ein genialer Erzähler. Er überantwortet gekonnt den handelnden Figuren den roten Faden der Handlung. Sie begegnen sich nacheinander und erzählen ihre Geschichte aus ihrer Sicht. Sie alle können ihre Lebensträume, Wünsche und Vorstellungen nicht verwirklichen, sind ausweglos zum Scheitern verurteilt. „Die Summe aller Möglichkeiten“ ist ein ziemlich eigenwilliger Roman, zeitweilig eine interessante Milieu-, und Gesellschaftsstudie. Besonders aber auf Grund der ständig wechselnden Erzählperspektive, der staccato-artigen Sprache und der dauerhaft spürbaren Spannung zwischen Mensch und Natur wird dieser Roman zu einem unbestrittenen Leseerlebnis.
Adalbert Melichar

Adam, Olivier - Die Summe aller Möglichkeiten
Roman. Stuttgart: Klett-Cotta 2017. 443 S. - fest geb. € 25,80 (DR)
ISBN 978-3-608-98033-2
Aus dem Franz. von Michael von Killisch-Horn

 

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